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Publikationsverhalten in der Philosophie


Pirmin Stekeler-Weithofer
E-Mail: stekeler@uni-leipzig.de

I. Zum Stellenwert von Monographien, Beiträgen in Sammelbänden oder Festschriften und Zeitschriftenartikel

Als Herausgeber, Mitherausgeber und Mitglied in editorial boards von mittlerweile acht philosophischen Journalen wäre ich, normativ gesehen, sehr dafür, wenn Zeitschriftenbeiträge in unserem Fach in einem gewissen Ausmaß als „höherwertig“ anerkannt würden. Denn dadurch würden die philosophischen Zeitschriften zu einem bevorzugten Medium innerfachlicher und transdisziplinärer Kommunikation werden. Faktisch ist das jedoch keineswegs der Fall. Thematische Aufsatzsammlungen und Konferenzbände sind zur Zeit mindestens ebenso wichtig für die aktuellen philosophischen Forschungen und Debatten. In meiner „normativen“ Bevorzugung der Journale, wie sie in anderen Fächern längst üblich ist, spiegelt sich also eher die Hoffnung auf eine institutionelle Verschiebung als eine faktische Anerkennung. Mein Wunsch steht in Diskrepanz zur Realität nicht nur in unserem Lande, sondern weltweit. Andererseits gibt es auch gute Gründe, die erwünschte Verschiebung der Anerkennung nicht durch künstliche Rankings erzwingen zu wollen.

Es sind zwar Zeitschriftenartikel in der Regel besonders gut vorgeprüft und sichern daher ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Seriosität. Das ist übrigens unabhängig davon, ob die Zeitschriften ein blind referee-System eingeführt haben oder nicht. Die wichtigsten Artikel unseres Faches werden aber zum Großteil nicht in Zeitschriften veröffentlicht. Journale greifen vielmehr die in Monographien und wichtigen Konferenzen vorgegebenen Themen häufig nur auf. Daher wird in philosophischen Zeitschriften, anders als in den Naturwissenschaften, zumeist nur eine Sekundärdiskussion dazu geführt, was primär anderswo, besonders eben in Monographien, entwickelt wurde. In der Reihenfolge der Bedeutung von Texten steht daher in unserem Fach die Monographie an erster Stelle.

Da lehrbuchartige und narrative Bücher von echten Beiträgen zur philosophischen Forschung und den philosophischen Diskurs zu unterscheiden sind, gilt freilich: Nicht jedes Buch ist als ein vom Autor authentisch verfasster systematischer Beitrag zur Philosophie zu zählen. Es sind daher die Bücher zu unterteilen in eigenständige thematische Arbeiten, echte Monographien also, und zusammenfassende Darstellungen etwa zu einem Autor oder einer Epoche der Philosophie. Letztere sind besonders als Lehrtexte, wie in jedem Fach, für die publizitäre Verbreitung von Wissensinhalten wichtig, zählen aber generell nicht als eigene Forschungsleistung, und das weitgehend mit Recht. Das betrifft insbesondere alle Einführungsliteratur (etwa unter Titeln wie „Habermas zur Einführung“, oder „Einführung in die Analytische Philosophie“), erst recht aber für Literatur mit hohen Auflagen („Kant für Eilige“ etc.). Demgegenüber sind besonders in den USA die bei besonders renommierten Verlagen veröffentlichten systematischen Monographien oder die Erschließungen eines historischen oder zeitgenössischen Forschungsbereichs, welche in der Regel nach mehrjähriger Ausarbeitung aus einer PhD- oder Doktor-Dissertation entstehen, als das zentrale Werk anzusehen. Analoges gilt für Großbritannien und andere Länder, wobei in Frankreich die Thèse unserer Habilitation entspricht. In den USA dagegen korrespondiert ‚das’ erste Buch nur in Verbindung mit ein paar in hochrangigen Journalen bei hochrangigen Verlagen veröffentlichten Artikeln unserer Habilitation. Von erfahrenen Wissenschaftlern aus den USA ist diese Hürde in aller Regel zu nehmen. Es gibt allerdings auch einige Ausnahmefälle, in denen eine Anzahl wichtiger Artikel in Zeitschriften oder Sammelbänden als gleichwertig zu einer Monographie zu bewerten sind, ohne dass es allzu sinnvoll wäre, hier eine allgemeine quantitative Gewichtung vorzunehmen – es sei denn, man vergleicht Artikel mit Kapitel und rechnet, im Durchschnitt, mit 6 Kapiteln. Dabei ist die Einzelautorschaft der Normalfall.

Was die Vergleiche der Zeitschriften unter einander und die Zeitschriftenbeiträge mit Beiträgen in Sammelbänden (Festschriften, Proceedings, etc.) betrifft, so ist, wie gesagt, faktisch und zur Zeit eine allzu hohe Einschätzung der Zeitschriftenartikel, auch in englischer Sprache, fachlich und sachlich durch nichts zu begründen. Echte Internationalität zeigt sich in unserem Fach dann eher darin, dass es Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen gibt, also etwa in Italienisch, Russisch, Deutsch oder Englisch, zumal sich das internationale Interesse zumindest grob in den Übersetzungen spiegelt. Das gilt gerade auch für englischsprachige Texte: Erstklassig gelten in der Philosophie Autoren aus den USA gerade auch in den USA erst dann, wenn sie in Frankreich oder Deutschland rezipiert werden. Das gilt für das stärker auf sich selbst bezogene Großbritannien aus der Binnensicht nur in Abstrichen, aus der Außensicht aber allemal. Veröffentlichungen bloß in Englisch sind daher, anders als in andern Fächern, per se noch kein Zeichen für internationale Sichtbarkeit.

II. Besonderheiten des Faches Philosophie und das Problem einer Lingua Franca

Die Besonderheit unseres Faches liegt unter anderem in folgendem Umstand begründet: Die ersten Debatten über begriffliche Vorschläge und Einsichten werden in der Regel in der Muttersprache geführt. Denn nur eine Sprache, von der wir alle Nuancen semantischer Inferenzen und pragmatischer Implikaturen beherrschen, stellt uns die für das philosophische Denken nötige eigenständige und strenge sprachliche Differenzierungskompetenz zur Verfügung. Wie bedeutsam übrigens das schnelle und genaue Verstehen der je eigenen Sprache gerade auch für die erwachende Wissenschaft in Europa nach dem Mittelalter war, wird bis heute kaum begriffen. Denn es ist gerade die Abkehr von der Lingua Franca der Theologen, Philologen und anderweitig Gelehrten, also vom Latein zu je einer der europäischen Vernakularsprachen als ein zentraler Fortschritt in der Wissenschaftsentwicklung zu begreifen. Dies gilt für den Gebrauch des Italienischen etwa bei Galileo ebenso wie des Französischen bei Descartes und seinen Nachfolgern. Jetzt erst konnten hinreichend viele in den Wissenschaften und einer kritischen Philosophie authentisch mitreden und die tradierten Inhalte selbständig mitprüfen. Erst was sich in der Prüfung einer zunächst lokalen, daher nicht extensiven, aber eben daher umso intensiver mit einander kommunizierenden Wissenschaftsgemeinde bewährt hat, wird durch Übersetzungen international sichtbar.

Ein weiteres schönes Lehrstück für die Überschätzung einer Lingua Franca und die Unterschätzung der durch sie erzeugten Oberflächlichkeiten im Ausdruck und im Denken liefern die ernüchternden Erfahrungen, die wir mit den illusionären Projekten der Einführung ‚wissenschaftlicher’ Weltkunstsprachen wie Esperanto oder Volapük im letzten Jahrhundert gemacht haben.

Für unser Fach spielt die Frage nach der Sprache eine besonders gravierende Rolle. Thema der Philosophie ist die Reflexion auf Wissen und Wissenschaft, auf deren Sprache und auf die Institutionen, in deren Rahmen Wissen allein begreifbar ist und in denen Wissen wichtig wird. Zentral ist dabei weniger der empirische Weltzugang als die sprachliche Artikulation von verbal lehrbarem bzw. schriftlich tradierbarem Wissen und Können. Philosophische Kompetenz ist daher nicht von der vollen Beherrschung der gesprochenen Sprache als der Metasprache für solche Reflexionen zu trennen.

Es ist daher einfach klar, dass das basic oder gar pidgin english von non-native speakers, das in den Naturwissenschaften kein Problem darstellt, für die Philosophie nicht taugt. Eine schematische Bevorzugung einer Sprache wie des Englischen bedeutet daher nach diesen Ausführungen zunächst den apriorischen Ausschluss von vielen möglichen Argumenten und Personen aus dem kritischen Diskurs. Die Inhaltsfokussierung der anderen Wissenschaften dagegen erlaubt es, das, was zu sagen ist, in einer Sprache zu sagen, die auf Feindifferenzierungen verzichtet. Ja, sie zielt sogar explizit auf invariante Formulierungen in einer Lingua Franca oder gar in mathematischen Ausdruckformen ab.

Dieses Problem der Philosophie wird besonders deutlich, wenn wir als Beispiel an den Widerspruch zwischen Ludwig Wittgensteins berühmten Spruch erinnern, alles, was sich (in der Wissenschaft) sagen lässt, lasse sich klar sagen, zu seiner eigenen philosophischen Kunst des feinen Hörens auf die Sprache. Das Nachlassen des Interesses an Wittgensteins Philosophie hängt denn auch durchaus damit zusammen, dass die englischsprachige Welt die Originaltexte des Nachlasses nicht mehr lesen kann und sich zugleich nicht einfach auf die manchmal auch problematischen Übersetzungen seiner in Deutsch verfassten Texte verlassen möchte. Diese Probleme wiederum rühren unter Anderem daher, dass das Englische, nicht anders als das Deutsche und Französische, durch begriffliche Vorschläge großer Philosophen wie Locke oder Kant oder Descartes sozusagen schon terminologisch infizierte Schrift- oder Hochsprachen sind. Es ist daher die sprachbildnerische Leistung der Philosophie samt der damit möglicherweise verbundenen Verfestigung von Vor-Urteilen in den verschiedenen semantischen Inferenznormen der unterschiedlichen Nationalsprachen nicht zu unterschätzen.

Da auf die formale Logik als Teil unseres Faches die obige Überlegung nicht zutrifft, ist für sie, aber eben nur für sie und das formalanalytische Philosophieren als Teilbereich der Philosophie, wie ja auch für die Mathematik, Englisch die Fachsprache. Eine generelle Bevorzugung des Englischen würde nun aber nicht zuletzt deswegen für unser Fach eine thematische Vorentscheidung in der Gewichtung bedeuten, nämlich für einen anglo-amerikanischen Logischen Empirismus und gegen die kontinentaleuropäische Tradition der begrifflichen Empirismuskritik und der philosophischen Phänomenologie. Beruhigend ist allerdings, dass die Einsicht in diese Zusammenhänge zur Zeit gerade in den USA an Boden gewinnt, wenn man an Autoren wie R. Pippin oder R.B. Brandom denkt.

Im Übrigen ist die Dauer, die in der Philosophie nötig ist, um zu nachhaltigem Wissen zu gelangen, wesentlich länger als in anderen Fächern. Das ist nicht zu verwundern, geht es der Philosophie doch um grundsätzliche begriffliche Netze. Die je vorgetragenen begrifflichen Überlegungen sind sorgsam auf Nachhaltigkeit zu prüfen. Gerade weil dabei ein begrifflich geprüftes Wissen bloß empirischen Einzelkenntnissen entgegenzustellen ist, ‚veralten’ philosophische Einsichten nicht in dem Maße wie die Ergebnisse empirischer Forschung. Kenntnisse und Wissen ‚veralten’ außerdem auf verschiedene Weise. Die positive Weise besteht darin, dass sie im public domain der Lehrbücher und damit in einem kanonisierten und theoretisch verdichteten Wissen aufgehoben werden. Nur was in dieses Allgemeinwissen aufgenommen wird, ist echtes Wissen, das als solches vorderhand nicht mehr weiter zu erforschen ist. Davon zu unterscheiden ist der negative Fall, dass sich eine Suche nach einem solchen Wissen, nach nachhaltigen Theorien passend zu unserem Erfahrungswissen, als nicht zielführend erweist. Es ist daher in einem gewissen Sinn begrifflicher Nonsens, wenn davon geredet wird, dass unser Wissen über die Welt in immer kürzeren Zeiträumen veralte. Das gilt am Ende nur für empirische Hypothesen, nicht einmal für das ‚empirische’ (narrative, historische) Faktenwissen, das man traditionell ohnehin viel richtiger unter dem Titel „historia“ von einem echten, per definitionem zumindest relativ nachhaltigen, Allgemeinwissen der „theoria“ unterschieden hatte. Richtig ist allerdings, dass wir in den Einzelwissenschaften und in der Philosophie andauernd an der Verbesserung und (immer auch mnemotechnischen) Verdichtung der Darstellungsformen des Wissens arbeiten.

III. Enzyklopädien, Rezensionen und Online-Veröffentlichungen

Dabei kondensieren sich in guten Enzyklopädien wie zum Beispiel dem international vorbildlichen Historischen Wörterbuch für Philosophie oder auch der Enzyklopädie für Wissenschaftstheorie und Philosophie nachhaltige Ergebnisse begrifflicher Forschung. Nur die besten Kenner des Faches bzw. des Themas werden an solchen Unternehmen beteiligt. Freilich hängt hier die Bewertung vom Projekt, Verlag, Thema und Umfang ab.

Es hat dagegen seine Ordnung, dass Einzelrezensionen kaum zu berücksichtigen sind. Anders steht es bei explizit eingeladenen Besprechungen ganzer Diskussionskomplexe bzw. Sammelrezensionen, wie sie in Deutschland besonders in der Philosophischen Rundschau, aber auch in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie als peer review der Veröffentlichungslandschaft organisiert wird. In den USA werden Diskussionen dieser Art beispielsweise in Philosophy and Phenomenological Research gepflegt. Die entsprechenden meta-kritischen Texte und Diskussionen sind unbedingt als volle Aufsätze und Beiträge zur Philosophie zu zählen. Die Tatsache, dass zu diesen Besprechungen eingeladen wird und daher die Artikel nicht einem blind referee System (das übrigens meistens von Nachwuchswissenschaftlern betrieben wird, sofern es überhaupt zur Anwendung kommt) unterworfen ist, sondern direkt von den Herausgebern beurteilt werden, spricht offensichtlich nicht gegen, sondern gerade für das Verfahren einer gezielten und nicht anonymen peer-Begutachtung derartiger Sammelrezensionen. Es ist daher systematisch abwegig, für solche Meta-Rezensionen ein blind referee-System zu fordern; so wie es abwegig wäre, für solche Diskussionen eine Sprache wie das Englische a priori zu bevorzugen.

Es ergibt sich insgesamt, dass weit wichtiger als die bloße Bewertung der Veröffentlichungsart die allgemeine Qualität der Fachverlage ist. Außerdem gilt: Deutsch und Französisch sind in unserem Fach internationale Fachsprachen, besonders für die Geschichte der Philosophie auch Italienisch. Wer Anderes behauptet, provinzialisiert sich selbst, etwa weil er aus der Sicht der USA oder Großbritanniens heraus meint, Orte wie Harvard oder Oxford wären die Zentren philosophischer Reflexion oder Kritik. Wer meint, selbst das Zentrum zu sein, ist nicht weniger provinziell als der, welcher meint, das Zentrum des Denkens finde sich an einem anderen Ort als seinem eigenen oder in einer anderen Sprache als seiner eigenen. Dies erklärt insbesondere die Differenz der Provinzialismen in großen Staaten wie den USA und Brasilien zu den Provinzialismen in kleineren Ländern wie den Ländern Europas, samt der dadurch entstehenden Entgegensetzung von Selbstüberhebung und Ressentiment. Letztere ist dabei im von Nietzsche analysierten Sinn der uneingestandenen Unterstellung eigener Minderwertigkeit angesichts einer vermeintlichen oder möglicherweise auch wirklichen Exzellenz der Anderen zu begreifen.

IV. Zeitschriftenranking

IV A: NATIONALE UND INTERNATIONALE PEER GROUPS

Aufgrund des Gesagten ergibt sich für die im Auftrag der European Science Foundation erstellten Rankingliste philosophischer Journale weltweit,[1] dass sie zur Bewertung der Qualität der Zeitschriften und ihrer Inhalte und über diese der Leistung der Autoren völlig unbrauchbar ist. Man sieht das schon an einem Beispiel. Es ist geradezu absurd, wenn die wichtigste deutsche Zeitschrift in unserem Fach, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, mit ihrer hohen Auflage in diesem Ranking als drittklassig bewertet wird. Was immer die Kriterien des Rankings gewesen sein mögen, es ist für jeden Kenner offenkundig, dass inhaltlich eher zweitklassige Journale dort aufgrund ihrer Englischsprachigkeit als vermeintlich „erstklassig“ bewertet werden.

Dabei wird erstens übersehen, dass es natürlich nationale Peer group-Bewertungen der besten Artikel in den wichtigsten nationalen Zeitschriften gibt. Diese Information ist für eine Beurteilung von Kandidaten für irgendwelche Förderungen ihrer wissenschaftlichen Projekte oder Karrieren als relevant anzuerkennen. Denn diese Relevanz zu bezweifeln und den nationalen Evaluationen keine Signifikanz zuzusprechen, ist im besten Fall ignorant. Man verschenkt damit wichtige Informationen. Im schlimmsten Fall ist es nicht mehr als blanker Chauvinismus, wie er eher ins 19. Jahrhundert als in das 21. gehört. Man tut dann nämlich so, als seien die nationalen scientific communities nicht in der Lage, überhaupt irgendwelche Standards wissenschaftlicher Beurteilung einzuhalten, geschweige denn die des vermeintlichen Zentrums der philosophischen bzw. wissenschaftlichen Vernunft, als deren Sprache scheinbar selbstverständlich das Englische gilt.

Zweitens ist die für viele anderen Fächer in der Tat zutreffende These, dass der „Markt“ für nicht-englische Publikationen sehr viel kleiner sei als der für Publikationen in der Lingua Franca der Naturwissenschaften, der empirischen Sozialwissenschaften und der mathematisierten Wissenschaften wie der Informatik oder Theoretischen (Computer-)Linguistik, nämlich des Englischen, für die Philosophie nur bedingt richtig. Denn es gibt nationale Intellektuellenkulturen wie die deutschsprachige und französischsprachige, in denen die Philosophie wissenschaftskulturell durchaus eine viel breitere Rolle spielt als in die auf den engen fachakademischen Kreis eingeschränkte englischsprachige Philosophie. Es ist daher auch kaum mehr überraschend, dass die Auflagenhöhe der wichtigsten Bücher und Journale in unserem Fach in deutscher oder französischer Sprache zwar geringer ist als die bei Oxford oder Cambridge University Press, das aber in höchst moderaten Größenverhältnissen, zumal wenn man populärwissenschaftliche Bestseller, auf die etwa ein Autor wie Daniel Dennett verweisen kann, generell aus der Betrachtung heraus lässt. Solche Texte für eine (oft auch ideologische) Volksbildung bringen die Wissenschaft ohnehin auf keine Weise voran und zählen nicht. Es ist daher einfach ein Vorurteil, dass das Fachpublikum und die Anzahl der Fachleser für englischsprachige Texte wirklich wesentlich größer sei. Daher ist die apriori Annahme, dass die peer group der kritischen Leser für englischsprachige Texte um ein Vielfaches höher liege als die für deutsche oder französische in unserem Fach zumindest vorschnell. Richtig ist allerdings, dass wegen des Mangels an Sprachkenntnissen und damit einer mangelhaften internationalen Bildung nicht-englische Texte selten oder nie einen unmittelbaren Weg zu einer amerikanischen oder auch nur britischen Leserschaft findet.

IV B: IMPACT FAKTOREN UND INTERNATIONALITÄT

Was die Zitationsindikationen und schematisch ausgezählten impact factors angeht, so sind diese für unser Fach ohnehin weder gut ausgewiesen noch überhaupt brauchbar. Das liegt an der langen Zeit, welche die nachhaltige Prüfung der Brauchbarkeit begrifflicher Analysen und Vorschläge bedarf. Zu prüfen sind dabei nämlich, was temporäre Mode ist, was bleibende Einsicht, was in nationalen und dann auch internationalen Netzwerken als interessant erscheint und was jenseits solcher bloß temporärer Zirkel wirklich nachhaltig interessant bleibt. Daher ist gerade in Zeiten, in denen Modethemen durch den wissenschaftlichen Nachwuchs aufgegriffen werden müssen, jede bloße gegenwärtige Internationalität per se noch kein signifikantes Kriterium für die Bedeutsamkeit eines Themas und die Qualität und Eigenständigkeit seiner Behandlung.

Der zentrale systematische Fehler der „ESF“-Liste besteht aber darin, dass ohne weitere Kategorisierung der philosophischen Journale alle philosophischen Zeitschriften in drei Klassen A, B und C eingeteilt werden. Es wird dabei zwar an etwas versteckter Stelle gesagt, dass vor allem nach Graden der Internationalität ‚gerankt’ werde. Aber erstens ist das nach dem oben Gesagten keineswegs richtig, zumal die Sprache der Artikel für die Internationalität in unserem Fach keineswegs die Bedeutung hat, welche das Ranking suggeriert, zumal von Chile bis Vietnam, von Spanien bis Japan bis heute Deutsch oder Französisch als für unser Fach wichtige Sprachen gelehrt und verstanden werden. Zweitens suggeriert das Ranking eine qualitative Bewertung der Journale als erstklassig, mittel und drittklassig. Eine derartige, am Ende bloß suggestive, Qualitätsabstufung ist, wie gesagt, methodisch auf nachgerade alarmierende Weise problematisch. Sie ist am Ende so sinnvoll, wie wenn man alle Lebewesen etwa der Größe nach in irgendwelche drei Klassen (sagen wir, in die unter 2 cm, die über 1 m und die dazwischen) einteilen würde. Das Vorgehen der Evaluatoren der EU kann daher kaum als fachnah durchdacht gelten.

IV C: VORKLASSIFKATIONEN

Zum Mindesten müssten die Journale vor jedem Qualitätsranking unbedingt thematisch vorkategorisiert werden, etwa in die folgenden Kategorien:

1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy
Hier gibt es in den meisten Ländern ein bis drei ‚leading journals’, die zumeist leicht identifizierbar sind. Wichtig ist dabei, dass die entsprechenden Zeitschriften in Großbritannien und den USA ebenfalls als nationale Zeitschriften zu zählen sind.

2. International führende Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen
Man denke etwa an Journale zu Kant oder zur Philosophy of Science oder zu Applied Ethics.

3. International wahrgenommene bzw. bemerkenswerte Nationale Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen.
Ein weiteres Ranking erübrigt sich, wenn wir für jede der Kategorien die relevanten und besten angeben. Es folgt daher für unser Fach ein Vorschlag einer solchen Liste.

IV D: FÜHRENDE ZEITSCHRIFTEN IN DER PHILOSOPHIE

1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy

Acta Philosophica Fennica
Algemeen nederlands tijdschrift voor wijsbegeerte
Alter (Paris)
Analysis
Cadernos de Filosofia
Deutsche Zeitschrift für Philosophie
Dialectica
Escritos de Filosofia
Escritos de Filosofia (Buenos Aires)
Etudes philosophiques,
Filozoficky casopis
Inquiry
Journal of Philosophy
Mind
Phainomenon (Ljubljana)
Phänomenologische Forschung
Philosophische Rundschau
Philosophisches Jahrbuch
Phronesis
Proceedings of the Aristotelian Society
Revista Portuguesa de Filosofia
Revue de la Métaphysique et de la Morale
Revue Philosophique
Revue Philosophique de Louvain
Rivista di filosofia
Shiso (Tokio)
Synthese
Tijdschrift voor filosofie
Zeitschrift für Philosophische Forschung

2. International führende Zeitschriften zu speziellen Themen

2A Geschichte der Philosophie:
Ancient Philosophy
Archiv für Begriffsgeschichte
Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie
Archiv für Geschichte der Philosophie
Bochumer Jahrbuch für Antike und Mittelalter
British Journal for the History of Philosophy
Bulletin de philosophie médiévale
Dionysius
History and Theory
History of Philosophy Quarterly
Rivista Neoscholastica
Theologie und Philosophie
Vigilia Christiana
Oxford Studies in Ancient Philosophy

2B Große Philosophen
Augustinian Studies
Hegelstudien
Fichte-Studien
Kantian Review
Kantstudien
Heidegger Studies
Hobbes Studies
Hume Studies
Husserl Studies
Kierkegaard Studies. Yearbook
Leibniz Review
Locke Studies. An Annual Journal of Locke Research
Nietzsche-Studien
Philosophical Investigations (Wittgenstein)
Recherches Husserliennes
Studia Spinozana
Studia Leibnitiana

2C Logik und Wissenschaftstheorie
Archive for Mathematical Logic
Biology and Philosophy
British Journal for the Philosophy of Science
Bulletin of Symbolic Logic
History and Philosophy of Logic
Journal of Philosophical Logic
Journal of Symbolic Logic
Notre Dame Journal of Formal Logic
Philosophy of Science

2D Formalanalytische Philosophie und Philosophie des Geistes
Brain and Mind
Erkenntnis. An International Journal of Analytic Philosophy
Grazer Philosophische Studien
Logic and Logical Philosophy
Logique et Analyse
Mind and Language
Philosophiegeschichte und logische Analyse I Logical Analysis and History of Philosophy
Studia Logica
Theory and Decision

2E Ethik
Bioethics
Environmental Ethics
Ethical Perspectives
Ethical Theory and Moral Practice
Ethics
Journal of Ethics (The)

3. International bemerkenswerte nationale Zeitschriften, auch zu speziellen Themen

Allgemeine Zeitschrift für Philosophie
American Philosophical Quarterly
Archivio di Filosofia (Rom)
Archivo di Filosofia
Argumentation
Asian Philosophy
Aut Aut (Mailand
British Journal of Aesthetics
Canadian Journal of Philosophy
Continental Philosophy Review
Daimon (Murcia)
Das Argument
Etudes phénoménologiques
Etudes Philosophiques
European Journal of Philosophy
Filosofia
Informal Logic
Midwest Studies in Philosophy
Monist (The)
Pacific Philosophical Quarterly
Philosophical Review (The)
Philosophy and Phenomenological Research
Pragmatics and Cognition
Proceedings of the Aristotelian Society, Supplementary Volumes
Ratio

Anmerkung:
[1] Cf. ERIH Initial List: Philosophy 2007. Die Selbstbeschreibung des Projekts lautet: “European Reference Index for the Humanities (ERIH) is a project jointly sponsored by ESF and the European Commission ERA-Net project "Humanities in the European Research Area" (HERA) (Contract no.: ERAC-CT-2005-0161179). It comes under work-package 7 (Research Infrastructures).


Empfohlene Zitierweise:
Pirmin Stekeler-Weithofer: Publikationsverhalten in der Philosophie. In: Kritikon, 25.11.2008. Abgerufen am 10.03.2010. <http://www.kritikon.de/article/49>

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