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November 2008, Bd. 1

Popp, Alexandra: Arbeiten und Handeln

Popp, Alexandra: Arbeiten und Handeln. Eine Weiterführung von Hannah Arendt, Marburg: Tectum 2007
ISBN-10: 3-8288-9477-1, 264 S., sfr 43.70


Rezensiert von:
Martin Eichler
E-Mail: eichler.post@web.de

Welche Bedeutung hat die Vita Activa, jenes vielschichtige, streckenweise dunkle, vor Ideen überquellende und kaum zu bändigende philosophische Hauptwerk Hannah Arendts für eine Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft wie für die aktuellen handlungsphilosophischen Diskussionen? Wie lassen sich von Arendt aus, d.h. mit ihrem begrifflichen Rüstzeug, doch mit diesem sie gerade auch hinter sich lassend, Ideen für eine Veränderung der Arbeitsgesellschaft entwickeln?
Diese Fragen sind handlungsleitend für Alexandra Popps im Tectum Verlag erschienenes Buch Arbeiten und Herstellen. Eine Weiterführung von Hannah Arendt. In einem ersten Teil werden die für Arendt zentralen Begriffe menschlicher Tätigkeit „Arbeiten“, „Handeln“ und „Herstellen“ erläutert und die These der Umdeutung des menschlichen Handelns in Herstellen und schließlich in Arbeiten aufgearbeitet. Am Leitfaden dieser Umdeutung analysiert Popp im zweiten Teil die aktuelle Situation der Arbeitsgesellschaft und diskutiert darüber hinaus aktuelle Vorschläge die diagnostizierte Krise zu lösen. In einem dritten Teil werden schlaglichtartig aktuelle handlungstheoretische Positionen diskutiert und mit und gegen Arendts umfassenden Begriff menschlicher Tätigkeit situiert.
Dieses anspruchsvolle Programm kann im Folgenden nicht gänzlich aufgearbeitet werden, es wird sich jedoch grob an der von Popp vorgegebenen Einteilung orientiert.

Arbeiten, Herstellen und Handeln
Bekanntlich untergliedert Arendt den umfassenden Begriff der menschlichen Tätigkeit in die drei Teilaspekte Arbeiten, Herstellen und Handeln. Popp verweist völlig zu Recht darauf, dass diese Unterteilung nicht als extensionale Klassifikation verstanden werden sollte, sondern als intensionale Analyse des menschlichen Tätigseins, die im Sinne einer idealtypischen Unterscheidung Aspekte ein und desselben begrifflich zu fassen versucht.
In aller Kürze gefasst, lassen sich unter Arbeit die rein reproduktiven Anteile des Tuns subsumieren. Das Arbeiten geschieht bewusstlos, ist wesentlich tierisch und eingebunden in einen lebenslangen Kreislauf des Produzierens und Konsumierens, der nur dazu da ist, die leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Arbeiten ist nach Arendt nicht sinnkonstituierend, da es bloßer Kraftaufwand ist, der sich auch durch Maschinen aufbringen ließe. Der arbeitende Mensch ist das animal laborans. Das Herstellen wiederum – dem der Mensch als homo faber zugeordnet wird – ist weltkonstituierend. Während die Arbeit nicht Bleibendes produzieren kann, vielmehr beständiges Entstehen und Vergehen ist, schafft das Herstellen die Objekte der Welt. Mit dem Herstellen konstituiert sich der Mensch als ihr Gegenüber. Durch sein Tun übt er Herrschaft aus, er kontrolliert die Welt indem er sie erschafft. Mit dem Begriff des Handelns schließlich fasst Arendt die spezifisch menschliche Welt. Sie ist u. a. gekennzeichnet durch Pluralität, Gemeinsinn, Natalität und die kommunikative Einbindung der Menschen über die Öffentlichkeit ihres Tuns. In Arendts normativem Konzept ist das Handeln die ausgezeichnete Form des Tuns, nur hier wird Sinn konstituiert, hier ist der Ort menschlicher Freiheit – hier ist zugleich der Ort des Politischen, i.S. des anteilnehmenden Miteinanderseins in einer herrschaftsfreien Öffentlichkeit.
Schwierigkeiten bei Arendt bereitet jedoch die genaue begriffliche Fassung der drei Teilaspekte, da die Vita Activa nicht nur anthropologische Begriffsarbeit ist, sondern ebenso auch Zeitanalyse sein will. Was Arendt also als grundlegende anthropologische Aspekte des menschlichen Handelns analysiert, muss zugleich auch dazu dienen, die gegenwärtige Gesellschaft in ihrer Verfasstheit zu erklären – ein Spagat, der Arendt dazu zwingt, begriffliche Unschärfen in Kauf zu nehmen. Popp konzentriert sich in gesellschaftstheoretischer Perspektive auf die Schwierigkeiten der Unterscheidung von Arbeiten und Herstellen bzgl. einer Analyse der verschiedenen gegenwärtigen Arbeitsbegriff. Dies hat den Vorteil, dass sie leichter an die gegenwärtigen Diskussionen um diesen Begriff anknüpfen kann, birgt jedoch den Nachteil, dass einige Aspekte von Arendts Zeitkritik aus dem Focus geraten. So ist Arendts Kritik an den Umdeutungen von Handeln in Herstellen und von Herstellen in Arbeit auch Kritik an der Konsumgesellschaft, als einer Gesellschaft des besinnungslosen Überflusses, in der die Menschen sich unter der Ägide des Lustgewinnes nur am Verbrauch erarbeiteter Güter befriedigen.

Die Analyse der Arbeit
Für die Analyse des Arbeitsbegriffes erweitert Popp Arendts Auffassung um eine Rekonstruktion Marxscher Gedankengänge und unterscheidet die Arbeit in Substistenzarbeit, Erwerbsarbeit und Arbeit als „Chiffre für eine gesellschaftliche Konstruktion“ (111). Für ihre Gegenwartsdiagnose knüpft sie an Arendts Gedanken an, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgehe (101), spezifiziert diesen aber dahingehend, dass das Normalarbeitsverhältnis welches in Europa nach dem zweiten Weltkrieg vorherrschend war, im verschwinden begriffen sei. Arendts Idee, dass Arbeit prinzipiell keinen Sinn konstituieren könne, setzt Popp die Überlegung entgegen, dass im Arbeitsbegriff durchaus „notwendige, herstellende und sinnstiftende Elemente zu unterscheiden“ wären. (132) Trotz dieses Gedankens teilt sie aber Arendts Überlegung insoweit, dass die Lohnarbeit wesentlich notwendige Arbeit sei und dass durch diese „kein Sinn begründet werden kann.“ (106) Damit steht die Integrationskraft moderner Gesellschaften und mit ihr eine gelingende Subjektbildung generell in Frage, ein Problem welches durch das Verschwinden des Normalarbeitsverhältnisses noch verstärkt werde. Popp sieht jedoch in dieser Krisensituation ein „politisches Potenzial“, „menschliches Tätigsein grundlegend jenseits der ökonomischen Rationalität neu zu bestimmen“ (113)
Ökonomische Rationalität, das Handeln ökonomischer Akteure nach Kriterien der Nutzen- und Profitmaximierung ohne Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge (104), ist für Popp die letztliche Ursache der Reduzierung des umfassenden menschlichen Tätigseins auf den Aspekt der Lohnarbeit. Die ökonomische Rationalität hat also den Platz inne, der bei Arendt die Umwandlung von Handeln und Herstellen in Arbeit anzeigt. Popp weist darauf hin, dass Arendt mit ihrer Ursachenanalyse für diesen Umdeutungsprozess nicht zu überzeugen weiß, setzt jedoch selber – und damit beginnen für mich die Probleme – den Begriff der ökonomischen Rationalität unvermittelt ein. Zwar will sie ihn explizit als „Chiffre“ (102) verstanden wissen, die Verschiedenes zusammenfasst, dennoch bleibt das Phänomen in seiner Herkunft, Reichweite und gesellschaftstheoretischen Fassung letztlich unterbestimmt. So bleibt undeutlich, inwiefern die ökonomische Rationalität eine – mehr oder weniger subjektive – „Denkweise“ (102) ist, der ebenso andere Denkweisen entgegengesetzt werden können, oder inwieweit er vielmehr eine objektive Lebensform darstellt, die nicht ohne weiteres aus dem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang herausgebrochen werden kann. Diese Unschärfe setzt sich fort bei ihrer Kritik am sog „Arbeitsparadigma“ (111). Ist dieses Paradigma durch ein anderes zu ersetzen oder nicht doch notwendige Begleitmusik einer wesentlich ökonomisch integrierten Gesellschaft?
Eine der zentralen gesellschaftsanalytischen Thesen Popps findet sich auf S. 146: „Die zunehmende Automatisierung von Arbeits- und Produktionsvorgängen und das Problem der Massenarbeit heben den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Lebenssicherung de facto auf“. Dieser Gedanke scheint mir nur unter zwei Voraussetzungen richtig zu sein. 1. man bestimmt einen Maßstab der Lebenssicherung, der notwendige von nicht notwendigen Bedürfnissen unterscheidet. 2. man abstrahiert von der heutigen Form ökonomischer gesellschaftlicher Reproduktion. Beide Operationen sind notwendig spekulativ und gerade dieser spekulative Gehalt in Popps Argumentation wird nicht deutlich genug expliziert.
Auch ist die These, dass unserer Gesellschaft die Lohnarbeit ausgeht, schwierig überprüfbar. Ohne Zweifel ging in europäischen Gesellschaften die durchschnittliche Arbeitszeit pro Person in den letzten 150 Jahren zurück, auf der anderen Seite werden aber mehr und mehr Personen und Tätigkeiten in den Kreislauf der Lohnarbeit hineingezogen, die weltweite gesellschaftliche Gesamtarbeit sinkt also nicht.

Eingebettet in die Analyse der gesellschaftlichen Situation spricht Popp eine Vielzahl von Vorschlägen an, die einen Ausweg aus der konstatierten Krise versprechen. Eindeutig präferiert sie dabei ein Verlassen des Arbeitsparadigmas. Über diese grundlegende Unterscheidung hinaus, wird jedoch nicht immer deutlich, welche Vorschläge Popp selbst vertritt und welche nicht. Immer scheint jedoch die Prämissen gesetzt, dass die gegenwärtige „Menge“ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion ausreichend ist und dass sie sich durch andere Formen gesellschaftlicher Vermittlung nicht zum negativen verändern würde. Die Diskussion über die Formen gesellschaftlicher Vermittlungsinstanzen – Markt, Staat oder etwas Drittes – wird dabei nicht berührt, obwohl sie an dieser Stelle notwendig wäre. Die radikalsten Forderungen, die Popp anspricht, etwa „Einkommensgarantie“ (132) und „neue Aufteilung der vorhandenen und gesparten Arbeitszeit [...] jenseits der ökonomischen Rationalität“ (148) bedeuten schließlich nichts anderes als eine völlig neue Form ökonomischer Vergesellschaftung. Auch wer die Adressaten der Vorschläge sein sollen, bleibt undeutlich. Forderungen nach Anerkennung von Tätigkeiten außerhalb des Lohnerwerbspektrums scheinen sich eher an die Zivilgesellschaft zu richten, andere, wie der Vorschlag Andre Gorz' bzgl. der Einrichtung von Arbeitszeitkonten (152) scheinen eher eine zentrale Planungskommission zu erfordern.

Die Handlungstheorie
Der dritte Teil der Arbeit versucht, vor dem Hintergrund von Arendts Handlungsbegriff aktuelle handlungsphilosophische Diskussionen zu beleuchten. Dabei wird zuerst das Ungenügen der analytischen Handlungstheorie herausgestellt. Bei dieser lässt sich – so Popp – die Umdeutung des Handelns in Herstellen konstatieren, die für Arendt schon einen wesentlichen Teil der philosophischen Tradition kennzeichnete. Die Klarheit der analytischen Theorie ist erkauft durch ihre Alltagsferne – ihre Ergebnisse sind mithin nur solche, die wesentliche Aspekte eines alltäglichen Handlungsbegriffes ausblenden. Ein umfassender Begriff des Handelns, wie ihn die Theorie Arendts anstrebt, ist jedoch – dies gesteht Popp zu – nur schwer systematisierbar und kaum in eine einheitliche Theorie zu fassen. So ist Popps Intention auch schwächer. Sie will Elemente der Handlung angeben, diese aber nicht noch einmal synthetisieren. „Handeln kann weder als algorithmisches Verfolgen einmal festgelegter eindeutiger Ziele und Zwecke, noch als vages, im Kontext situiertes, aber überhaupt nicht vorhersehbares Tun aufgefasst werden.“ (220)
Wesentlicher Mangel der analytischen Handlungstheorie sei ihre resultative Herangehensweise. Das Handeln werde nur in seinen Folgen untersucht und damit als eine Art Mechanismus gefasst. Dies zeigt Popp an der Umdeutung des aristotelischen Syllogismus, der nicht als Handlungserklärung sondern als Handlungsanleitung zu verstehen sei. Resultative Handlungserklärungen würden zwangsläufig in ein Herstellungsmodell des Handelns zurückfallen – indem sie den teleologischen Aspekt der Handlungen zu stark betonten und damit den Bereich des menschlichen Miteinanders unter ein Subjekt-Objekt-Verhältnis brächten. Politisches Handeln bekäme dadurch einen Herrschaftscharakter, der ihm – folgt man dem Modell Arendts – systematisch und anthropologisch nicht zukommen kann. Handeln ist dabei als kommunikativer und auch kreativer Akt gedacht, dessen Ausgang prinzipiell offen ist.
Popp schlägt in Anlehnung an Schütz u. a. eine Unterscheidung von Handeln und Handlung vor – wobei gerade das Handeln durativ zu untersuchen sei. Handeln solle nicht modellhaft analysiert, sondern gerade in seiner Unsicherheit, in seinem Wagnischarakter gefasst werden. Ebenso gehe die Bedeutung des politischen Handelns in der Analyse der Handlung verloren und dies heißt zuerst: Handeln kann in seiner Pluralität nicht mehr gedacht werden. Zwar führt es wohl zu weit, wenn Popp zu der Aussage kommt, Handeln sei nicht als Tätigkeit Einzelner zu verstehen (88), da es das doch immer auch ist, jedoch überzeugt das Argument, dass das Miteinandersein im und die Kontextualität des Handeln(s) eine rein solipsistische Position innerhalb der Handlungstheorie obsolet machen müsste. Handeln sei schließlich immer in Gesamtkontexte eingebettet und lässt sich lebensweltlich nicht in einzelne Handlungsakte auflösen. Die Pluralität des Handelns lasse es auch zu, die realen (damit aber auch lösbaren) Aporien des Handelns – auf die Arendt in Vita Activa insistiert – zu thematisieren (zu den Aporien vgl. 73ff). Schließlich thematisiert Popp die ethischen Aspekte menschlicher Handlungen, hier in starker Orientierung an Höffe, wobei vor allem der Begriff der Verantwortung in den Fokus genommen wird. Schwierigkeiten bereitet dieser Begriff jedoch in Bereichen des institutionellen Handelns, bei dem erst eine Subjektposition modelliert werden müsse, um von Verantwortung sprechen zu können. Während dies bei einigen Institutionen noch relativ leicht fällt – etwa bei den Handlungen des Staates, deren Verantwortung Stellvertreter übernehmen können – wird an anderer Stelle wiederum ihr unterbestimmter Begriff „ökonomischer Rationalität“ deutlich. Gerade der Zwang zur gesellschaftlichen Rationalität, sei er mit Marx' „automatischem Subjekt“ oder mit Habermas' „systemischen Imperativen“ formelhaft gefasst, ist mit einer Verantwortungstheorie schlecht in Einklang zu bringen
Um ein Fazit zu ziehen: Während die Fruchtbarkeit von Arendt für die philosophische Handlungstheorie von Popp klar herausgearbeitet wird, bleiben die gesellschaftstheoretischen Ausführungen in ihrer begrifflichen Fundierung zu unscharf. Dies verweist nicht zuletzt darauf, dass ein handlungstheoretisches Modell wie das von Arendt, den spezifischen Überschuss des gesellschaftlichen Seins nicht einzuholen in der Lage ist.


Empfohlene Zitierweise:
Martin Eichler: [Rezension zu:] Popp, Alexandra: Arbeiten und Handeln. Eine Weiterführung von Hannah Arendt, Marburg 2007. In: Kritikon, 01.11.2008. Abgerufen am 30.07.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200811/11>

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