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November 2008, Bd. 1

Hechler, Daniel; Philipps, Axel: Widerstand denken

Hechler, Daniel; Philipps, Axel (Hrsg.): Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht (= Sozialtheorie), Bielefeld: transcript 2008
ISBN-13: 978-3-89942-830-8, 279 S., EUR 26.80, sfr 43.00


Rezensiert von:
Alexandra Popp, Berlin
E-Mail: alexandra-popp@hotmail.com

Die Auseinandersetzung mit Autoren und Texten, die zum anerkannten Kanon gehören, bringt das Problem mit sich, dass jeder Gedanke scheinbar schon einmal kommentiert wurde. Genuin neue Interpretationen fallen in der Flut der Kommentare nur schwer auf. Wenn hinlänglich bekannte Gedanken und Ideen zum Ausgangspunkt für eigenes und kreatives Denken genommen werden, geht das oft unter. Michel Foucault gehört mittlerweile mit Sicherheit zum Kanon der abendländischen Philosophie. Die Anmerkungen zu seinen Werken sind sehr zahlreich und entsprechend liegt der Verdacht nahe, dass tatsächlich alles schon einmal gesagt wurde. Daniel Hechler und Axel Philipps haben nun einen Sammelband herausgebracht, in dem das Verhältnis von Widerstand und Macht im Ausgang von Foucault untersucht wird. Vom Anspruch her denken sie damit Foucaults Machtanalyse in eine bislang kaum beachtete Richtung weiter. Foucault selbst hat sich mit dem Phänomen des Widerstands nicht befasst, weshalb es bisher auch kaum Kommentare zu dieser Problematik gibt.

In der Einleitung skizzieren die Herausgeber zunächst einen Leitbegriff von Widerstand, der prägend für fast alle Beiträge des Bandes sein wird. Widerstand wird nicht subjektiv, sondern im funktionalistischen Sinne als Resistenz verstanden. Als abweichendes Verhalten beinhaltet Widerstand also immer den Verweis auf eine Norm, von der abgewichen wird. Und hier kommt Foucaults Machtanalytik als Referenz ins Spiel. Dass sie gerade Foucaults Ansatz als Basis für die theoretische Annäherung an den Widerstand gewählt haben, begründen die Herausgeber zum einen mit der „Beweglichkeit des Denkens“ (S. 10) von Foucault, will heißen: der Anwendbarkeit seiner Thesen und vor allem seiner Methode auf verschiedenste Zusammenhänge. Einen weiteren Grund sehen sie in der „Kontinuität eines spezifischen Ethos“ (ebd.) im Foucaultschen Werk. Damit meinen sie Foucaults Annahme, Macht beinhalte stets ein Anderes bzw. ein Gegenüber, das sich ihr entzieht und das demnach prinzipiell Widerstand leisten kann. Mit seiner Rede von den omnipräsenten Machtspielen hat Foucault Machtverhältnisse zwar prinzipiell überall verortet, hat dabei aber mit Spiel einen bewusst offenen Terminus für die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Herrschaft und Beherrschung gewählt. Bei einem Spiel sind die Verhältnisse relativ offen, es geht darum, sich miteinander zu messen. Prinzipiell kann jedes Spiel auch abgebrochen und wieder von vorne begonnen werden. Wenn Foucault von Machtspielen spricht, dann meint er also, dass Macht und Gegen-Macht keine statischen Gebilde sind, sondern sich miteinander in Verhältnissen befinden, die sich permanent ändern. Im Sammelband von Hechler und Philipps wird explizit auf die problematische normative Rechtfertigung von Foucaults Machtkonzept verzichtet, stattdessen steht das Widerstandsphänomen als Teil des Machtspiels im Mittelpunkt.

Neben einigen wenigen Philosophen haben sich an dem Buch vor allem Sozialwissenschaftler beteiligt. Die Beiträge sind in drei thematische Teile zusammengefasst: Im ersten Teil werden Widerstandspotentiale in Foucaults Analysen aufgezeigt. In diesem Abschnitt sind sowohl Werkinterpretationen zur Machtanalytik als auch Diskussionen zu ihrer konkreten Anwendung enthalten. Im Mittelteil werden die Grenzen eines an Foucault inspirierten Denkens über Widerstand diskutiert. Weil Widerstand und Macht eng zusammenhängen, werden in diesem Teil zugleich auch verschiede Grenzen der Machtanalytik benannt. Im letzten Teil schließlich werden mit Foucaults Begrifflichkeit im Hinterkopf verschiedene konkrete Widerstände untersucht.

Da sich Foucault selbst nicht mit dem Widerstand befasst hat, nehmen die Interpretationen im ersten Teil des Buches zwar nominell ihren Ausgang bei dieser Problematik, befassen sich dann aber sehr schnell mit Aspekten des Verhältnisses von Macht und Gegen-Macht. Ulrich Brieler weist in seinem Beitrag auf den engen Zusammenhang zwischen Foucaults Macht-Analytik und der späten Hinwendung zu konkreter Subjektivität hin. Gemeinhin wird Foucaults Beschäftigung mit der Antike als Bruch zum früheren Werk gedeutet. Brieler jedoch zeigt mit genauer Textkenntnis, dass sich die Suche nach neuen Möglichkeiten von (Selbst-)Politisierung und von intellektueller Praxis aus Foucaults persönlicher Erfahrung von 1968 ergab. Die Lebenskunst ist in diesem Sinne kein Widerspruch zur Machtanalytik, sondern eine Erweiterung des politischen Feldes (S. 28f.). Im Artikel von Jens Kastner erscheint Foucault als ein früher Kritiker neoliberaler Politik. Konkret wird hier gezeigt, wie es in der Reaktion auf Widerstände stets zu weiteren Machtzentrierungen kommt (S. 43). Christian Kupke nimmt Foucaults Aussage ernst, es gäbe ein Recht, in den Bereich der Politiken und Strategien einzugreifen und zeigt, inwieweit sich tatsächlich ein Menschenrecht auf Widerstand im deutschen Grundrecht verankern ließe (S. 83f.).

Interessant sind vor allem jene Beiträge aus dem Mittelteil des Bandes, in denen die Grenzen von Foucaults Machtanalytik aufgezeigt werden. Ob die These, dass Macht und Widerstand stets gemeinsam auftreten, überhaupt zu halten ist, fragt Tobias N. Klass. Er schlägt dazu einen Bogen über Nietzsches Machtbegriff, an dem sich Foucault sehr stark orientiert hat. Die Omnipräsenz der Macht, wie sie Nietzsche und Foucault annehmen, beinhaltet nicht nur den relationalen Charakter der Macht, auf den üblicherweise hingewiesen wird, sondern auch agonale und dynamische Aspekte. Wenn Macht das Bestreben hat, sich tendenziell immer weitere Macht einzuverleiben, dann ist die Foucaultsche Annahme „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand“ problematisch. Der Widerstand, der sich der Macht entgegen stellt, müsste korrekterweise als eine Macht anderer Art gedacht werden, weil die Unterscheidung sonst weder logisch noch grammatisch sinnvoll ist. Streng genommen muss auch die Macht, gegen die es Widerstand gibt, als eine Macht anderer Art gedacht werden, weil es gegen eine tatsächlich omnipräsente, sich immer weitere Macht einverleibende Macht gar keinen Widerstand geben kann (S. 157ff.). Klass verweist hier auf Hannah Arendts Unterscheidung von Macht und Herrschaft, nach der Widerstand sich nicht gegen Macht, sondern gegen Herrschaft als Zementierung oder Verfestigung von Macht richten würde. Das Diktum müsste also korrekterweise heißen: Wo es Herrschaft gibt, gibt es Widerstand. Und dieser Widerstand wäre dann im Sinne positiver Freiheit als Praxis der Freiheit und nicht nur als Befreiung zu fassen (S. 164).

Maximilian Schwochow kritisiert in seinem Beitrag, dass sich bei Foucault, im Gegensatz etwa zum Werk von Judith Butler, keine Anleitung für konkrete Ausgestaltungsmöglichkeiten des Widerstands findet. Das führt er auf Foucaults Ablehnung zurück, Kriterien für Verfahren künftiger Widerstandshandlungen zu etablieren und Widerstand wissenschaftlich zu fassen. Foucault hat diese Problematik selbst gesehen und hat die Definition von Kriterien bewusst abgelehnt, um der Gefahr zu entgehen, Wissen als Zensurinstanz zu etablieren (S. 196). Robert Feustel schließlich greift die bisher wenig beachtete Kritik Baudrillards an Foucaults Machtanalytik auf. Er stellt dar, wie mit dem Simulationsmodell von Baudrillard der bei Foucault selbst unklare Übergang von Wissen zu Macht erklärt werden kann.

In einem abschließenden Praxisteil wird die Untersuchung konkreter Widerstände, die schon im ersten Teil des Buches eine Rolle spielte, wieder aufgegriffen. Diese Analyse erfolgt vor allem aus soziologischem Interesse und Foucaults Beitrag reduziert sich noch stärker als im ersten Teil auf die Rolle des Ideenlieferanten. Dieser Teil stellt eine Sammlung empirischer Belege zu konkreten Widerständen dar. Die Analyse der Proteste gegen die Hartz-Gesetzgebung (wie im Beitrag von Axel Philipps), der sozialen Spaltung (Bernd Heiter) oder eines illegalen Tempelbaus in Indien (Ursula Rao) zeigt, dass es konkrete Widerstände gibt und Menschen bestimmten Strukturen widerstehen, aber es wäre nicht unbedingt notwendig, hierfür auf Foucault zurückzugreifen. Für eine tatsächlich foucaultsche Analyse konkreter Widerstände dürfte der Fokus nicht so stark nur auf den Ausgeschlossenen und Widerständigen liegen, sondern es müsste weitergehend untersucht werden, wie das Spiel zwischen Macht und Widerstand aussieht. Alles in allem ist der Sammelband von Hechler und Philipps also ein interessantes Buch über den Widerstand und die Möglichkeiten, dieses Phänomen theoretisch darzustellen. Hinsichtlich der Foucault-Interpretation liefert der Band jedoch wenig Neues.


Empfohlene Zitierweise:
Alexandra Popp: [Rezension zu:] Hechler, Daniel; Philipps, Axel (Hrsg.): Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht (= Sozialtheorie), Bielefeld 2008. In: Kritikon, 01.11.2008. Abgerufen am 30.07.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200811/12>

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