Psarros, Nikos: Facetten des Menschlichen
Psarros, Nikos: Facetten des Menschlichen. Reflexionen zum Wesen des Humanen und der Person (= Edition panta rei), Bielefeld: transcript 2007
ISBN-10: 3-89942-613-4, 191 S, EUR 21.80, sfr 35.20
Rezensiert von:
Hagen Schölzel, Universität Leipzig, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
E-Mail: schoelzel@uni-leipzig.de
„Die Erkenntnis, dass das Menschliche keine homogene Substanz darstellt, sondern einen mannigfaltig strukturierten Weltbereich, macht es verständlich, warum die in diesem Band versammelten Beiträge nicht „das Wesen“ des Menschlichen zu ergründen versuchen. Dieses Wesen, diese Substanz gibt es gar nicht […]“ (S. 15). Mit diesem klaren Bekenntnis formuliert Nikos Psarros zugleich das (Nicht-)Programm seines hier zu besprechenden Buches. Der Band versammelt neun Arbeiten, die der Autor im Laufe mehrerer Jahre zu unterschiedlichen Gelegenheiten bereits in Form von Vorträgen oder Aufsätzen einem philosophischen Fachpublikum präsentiert hat. Diese Arbeiten werden ergänzt um eine eigens für den Band geschriebene Ontologische Vorbemerkung. Die einzelnen Kapitel kreisen um folgende als „scheinbar wichtigste Facette“ bezeichnete Problematik: das „System der Gemeinschaften“ sowie das „Hervorbringen von Personen“ (S. 16) und sind im Anschluss an die Vorbemerkung in drei thematische Komplexe gegliedert.
Der erste Komplex Person und Mensch beginnt mit einem Aufsatz unter dem Titel Merkmal, Leistung oder Anerkennung?, der diese drei Möglichkeiten der Betrachtung von Person bzw. Personalität untersucht und philosophisch rekonstruiert. Im darauf folgenden Abschnitt Rotpeters Verwandlung analysiert der Autor Franz Kafkas Kurzgeschichte Ein Bericht an die Akademie, die die Erzählung des vormaligen Affen Rotpeter von seiner Menschwerdung schildert. Psarros weist zum einen auf die Privilegiertheit der „Angehörigen der Spezies Homo sapiens“ (S. 55) hin, deren Mensch sein ohne besondere Bedingungen anerkannt wird. Zum anderen möchte der Autor die Fragilität des spezifischen kulturellen Menschseins in Erinnerung rufen, „das Ende eines langen und opferreichen historischen und politischen Prozesses“ (S. 57). Diese Auseinandersetzung mit einem Stück Prosa erhält ihre thematische Schwester in dem daran anschließenden, mehr wissenschaftstheoretischen Aufsatz Individuelle Enkulturation oder wie findet man den Weg in die Menschheit?, einer Auseinandersetzung mit positivistischen und antipositivistischen Ansätzen in der soziologischen und psychologischen Forschung. Die Ausführungen folgen dabei den „großen Fragen nach dem Ursprung des Sozialen und des Psychischen, nach dem Wesen des Menschen und nach dem Modus der individuellen Einsozialisation und des sozialen Wandels“ (S. 80).
Eigenschaften der Personalität lautet der Titel des zweiten Komplexes, der vier Aufsätze zusammenführt. Autonomie und Autarkie widmet sich den Eigenschaften, Zusammenhängen und Differenzen dieser beiden zentralen philosophischen Begriffe um schließlich in Bezug auf die Facette der menschlichen Seele die Skizze einer Theorie deren nicht-autarker Autonomie zu entwerfen. Daran an schließt eine sprachanalytische Untersuchung von Rationalität und Gemeinschaft. Der Autor kommt dabei zu einer Unterscheidung von drei Idealtypen von Rationalität, die sich allerdings nur formal unterscheiden lassen, wenn man „die „Starrheit“ des Rahmens oder des normativen Hintergrunds einer Handlungs- bzw. Folgerungskette“ (S. 114) anerkennt: objektive (explizit definierte), conjektive (im Lebensvollzug durch Teilnahme an bestehenden Praxen erworbene) und distanzierte Rationalität (die Angemessenheit des normativen Rahmens, die Regeln und die Form der „Kette“ in Bezug auf den „Wert“ des Einzelnen werden hinterfragt) (ebd. ff.). Der dritte Aufsatz dieses Abschnitts versucht sich dem Grunde der Seele zu nähern und ist eine Untersuchung des Gegenstands der Psychologie in Bezug auf individuelle psychische Phänomene. Psychologie wird dabei weder als Natur- noch als Kulturwissenschaft konzeptualisiert, sondern als sich „im Niemandsland zwischen deterministischen Phänomenen [Natur – H.S.] und hermeneutischen Erzählungen [Kultur – H.S.], zwischen Individuum und Gemeinschaft“ (S. 136) bewegende. Deren nicht einheitlicher Gegenstandbereich sei jedoch keineswegs als Mangel zu begreifen, sondern dessen Gegenteil: der Psychologe erblicke „die Mannigfaltigkeit der conditio humana aus einer Perspektive, die allen anderen Wissenschaftlern verschlossen bleibt“ (ebd.). Hier gewinnt exemplarisch die Perspektive Ausdruck, welche im gesamten Band den Hintergrund der Überlegungen Nikos Psarros’ bildet; die Philosophische Anthropologie, die im Anschluss an Arnold Gehlen im Mangel ein positives Wesensmerkmal des Menschen sieht. Das vierte Kapitel im zweiten Abschnitt widmet sich, die im Seele-Kapitel dargelegte Facette des Menschlichen beispielhaft explizierend, dem Phänomen des Schmerzes, wobei Schmerzaussagen als Urteilsformen dargestellt werden. Die „Urteilstheorie des Schmerzes“, soll es einerseits ermöglichen, einen kulturübergreifenden Konsens über das, was Schmerz ist, herzustellen. Dies jedoch unter Anerkennung der „Tatsache, dass jede Person in einer partikulären sozialen Umgebung mit ihren partikulären Schmerznormen und –regeln aufwächst“ (S. 152). Daneben soll sie helfen, eine breit akzeptierte Schmerzontologie für medizinische Zwecke und ein besseres Verständnis der Schmerzwahrnehmung von Tieren zu erreichen.
Der dritte und letzte Abschnitt des Buches Die Welt der Person und ihre Grenzen bietet einerseits einen Text zu Utopien als Demarkationen des Menschlichen. Utopische Entwürfe von Gemeinwesen werden von idealen abgegrenzt. „Eine Utopie verabsolutiert eine notwendige Bedingung guten menschlichen Lebens zum alleinigen Prinzip des menschlichen Lebens überhaupt […]. Ein Ideal hingegen beschreibt ein Ziel des guten menschlichen Lebens“. Beide sind im Grunde nicht realisierbar, jedoch kann man sich an ein Ideal annähern, während eine Utopie schon „aufgrund faktischer Umstände nicht realisierbar“ (S. 176) ist. Vor diesem Aufsatz, der den Abschluss des Buches bildet, beschäftigt sich der Autor zudem mit der Entwicklung des Begriff[s] der Lebenswelt und dessen Verhältnis zu seinen Teilaspekten Natur und Kultur. Dies vor dem Hintergrund der Fragestellung, „nach welchen Kriterien die lebensweltliche Basis einer Wissenschaft aus der Mannigfaltigkeit der Praxen abgegrenzt wird“ (S. 172). Psarros’ Antwort lautet: „Eine Wissenschaft ist selbst eine Praxis und ebenfalls wie die von ihr zu stützenden Praxen in einer umfassenderen Kultur und einer umfassenderen Lebenswelt eingebettet, nämlich in der Kultur und der Lebenswelt der Gemeinschaft, das (sic!) die Gemeinschaften der betrachteten Wissenschaft und der von ihr gestützten Praxen enthält.“ (ebd.)
Erinnern wir uns des Gegenstands dieses Buches. Es beschäftigt sich mit Facetten des Menschlichen und verspricht im Untertitel Reflexionen zum Wesen des Humanen und der Person. Allerdings wurde gleich zu Beginn eingeräumt, dass dieses Projekt gar nicht zu leisten sei, weil ein solches „Wesen“ nicht existiere. Dennoch werden viele Aspekte beleuchtet, die das Buch, bei aller thematischen Heterogenität in Bezug auf die einzelnen Kapitel, für viele interessant machen, die sich für Menschen und Gesellschaft interessieren. Die Paradoxie, die im Annoncieren und beinahe sofortigen Dementieren eines menschlichen „Wesens“ liegt, zieht sich dabei wie ein roter Faden vom (Unter-)Titel ausgehend durch das gesamte Buch und lässt den Leser manchmal etwas unbefriedigt zurück. Ein wenig wünschte man sich daher, dass der Autor, entgegen seines explizit formulierten Ansinnens, eine Philosophietradition zur Bearbeitung seines Gegenstands in Betracht gezogen hätte, die sich solchen Phänomen wohl am konsequentesten genähert hat. Friedrich Nietzsche hat die Grundlagen der Philosophie so nachhaltig in Zweifel gezogen, dass man die Frage nach einem „Wesen“ des Menschlichen kaum noch stellen kann. Michel Foucault, der im Aufsatz über die Seele und den Gegenstandsbereich der Psychologie kurz Erwähnung findet, brachte deswegen das Problem der (Macht-)Spiele um Wahrheiten bzw. Wahrheitseffekte in die Debatte ein. Würde eine dadurch implizierte Selbstreflexivität konsequenter in die Betrachtungen einfließen, hätte das Unternehmen dieses Buches sicher an manchen Stellen (zum Beispiel im Kapitel Rotpeters Verwandlung) eine andere Wendung genommen. Als Mangel kann man das jedoch nicht bezeichnen, es sei denn im Sinne Gehlens verstanden als positives Wesensmerkmal des Textes (anders sieht es allerdings mit einigen orthographischen Lapsus aus, die auf ein etwas oberflächliches Lektorat hinweisen). Auf 190 Seiten unternimmt Nikos Psarros den ernsthaften und in dieser Hinsicht lesenswerten Versuch, einige „Facetten des Menschlichen begrifflich klar zu erfassen und die formalen Bedingungen zu explizieren, die zur Entfaltung eines menschlichen Lebens notwendig sind“ (S. 15f.).
Mit Nietzsche und Foucault müsste man aber auch eine solche Wissenschaft als menschliche Facette im Machtspiel um Begriffe und deren Wahrheitseffekte in Frage stellen. Dann entstünde ein vielleicht ganz anderes, nicht weniger facettenreiches Bild des Menschlichen, das beispielhaft seinen sehr ungezwungenen Ausdruck in der exzellenten Parodie eines bekannten Liedes Herbert Grönemeyers durch den Kabarettisten Hagen Rether findet: „Der Mensch ist Mensch, weil er vergisst, was er erzählt. Weil er Äpfel einfach isst aber Pampelmusen schält…“ Soweit kann der aus einer anderen Tradition kommende Philosoph Nikos Psarros freilich nicht gehen. Nur in einem kleinen Moment klingt die Möglichkeit einer fröhlichen Wissenschaft an, wenn er im Utopien-Kapitel seine exemplarische Darstellung eines utopischen Asklepeiischen Staates demontiert, dessen Gesundheitswesen das Leben der Menschen umfassend regeln würde: „Wäre […] es wert diesen Staat zu realisieren? Ich glaube nicht, nicht zuletzt, weil ich nicht auf die genüssliche Erfahrung des Kochens in den eigenen vier Wänden nach meinen eigenen Vorstellungen und im Bewusstsein, damit meiner Familie und meinen Freunden einen Genuss bereiten zu können, verzichten möchte“ (S. 180). In diesem Sinne ist das Buch anspruchsvolles Lesefutter, jedoch weniger ein literarischer Genuss.
Empfohlene Zitierweise:
Hagen Schölzel: [Rezension zu:] Psarros, Nikos: Facetten des Menschlichen. Reflexionen zum Wesen des Humanen und der Person (= Edition panta rei), Bielefeld 2007. In: Kritikon, 01.11.2008. Abgerufen am 30.07.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200811/15>
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