Glock, Hans-Johann: What is Analytic Philosophy?
Glock, Hans-Johann: What is analytic philosophy?, Cambridge: Cambridge University Press 2008
ISBN-13: 978-0-521-69426-1, XII, 292 S., £15.99 (pbk), £45.00 (hbk)
Rezensiert von:
Matthias Wille, Universität Köln
E-Mail: matthias.wille@uni-koeln.de
Der Ausdruck „analytische Philosophie“ (im Folgenden kurz: AP) wurde im 20. Jh. wahrscheinlich wie kein zweiter zur Kennzeichnung und Abgrenzung einer Form/von Formen wissenschaftlichen Philosophierens gebraucht. Der inzwischen fast inflationäre Gebrauch provoziert aber geradezu die Frage, die den Titel des vorliegenden Buches liefert und damit auch eine Vorabrechtfertigung für die darin verfolgten Erkenntnisanliegen.
Der Hauptteil der Monographie (Kap. 3-7 = S. 61-203) setzt sich mit naheliegenden, aber auch weniger weit verbreiteten Kriterien auseinander, die für eine Definition des Ausdrucks „AP“ herangezogen werden können. Die sich daraus ergebenden Bedeutungsbestimmungen sollten jedoch nicht als reine Nominaldefinitionen verstanden werden, wenn man – wie der Autor – einen Adäquatheitsanspruch erhebt: die faktisch gebrauchten sowie weitere möglichen Charakterisierungen stets an der gemeinhin akzeptierten Extension des Ausdrucks zu bemessen (S. 15). Ein Definitionsvorschlag ist entsprechend dann zu verwerfen, wenn die normierte Extension von AP entweder über die gemeinhin akzeptierte (deutlich) hinausgeht oder aber diese zu weit einschränkt. Damit ist das gesamte Unternehmen des Buches vor allem als Beitrag zur deskriptiven Metaphilosophie (S. 3) zu sehen. Die Frage, was unter der „gemeinhin akzeptierten Extension von AP“ verstanden wird, beantwortet der Autor durch einen historischen Überblick (Kap. 2 = S. 21-60), in dem eine konsensfähige Geschichte über die Entstehung und den Aufstieg der AP erzählt wird. Damit trifft Glock die weit verbreiteten intuitiven Verständnisse.
Dann geht es zur Sache! Ob geographische oder sprachliche Unterschiede (Kap. 3 = S. 61-88) notwendige oder hinreichende Bedingungen für eine gute Definition liefern wird ebenso ausführlich analysiert wie die Frage, ob die AP wesentlich bestimmt ist durch ein fehlendes philosophiehistorisches Bewusstsein (Kap. 4 = S. 89-114). Oder liefert eventuell die These, dass es sich bei AP um ein dezidiert antimetaphysisches, dem Kontextprinzip verpflichtetes, nicht-naturalistisches Unternehmen (Kap. 5 = S. 115-150) handelt, das entscheidende Differenzierungsmerkmal? Das Für und Wider für diese Zugänge wird vom Autor mit einem beeindruckenden Überblick über die philosophische Landschaft offengelegt. Dasselbe gilt für die nachfolgenden Fallstudien, AP methodologisch über prozedurale Besonderheiten im akademischen Betrieb und die argumentative Rigorosität und Klarheit (Kap. 6 = S. 151-178) zu bestimmen oder deren Vernachlässigung von Ethik, Moral und politischer Theorie (Kap. 7 = S. 179-203). Dabei argumentiert der Autor, der ja immerhin selbst analytischer Philosoph ist, keineswegs voreingenommen. So bezeichnet er es etwa als ein „Skandal der analytischen Philosophie“ (S. 173), dass gerade die Forderung nach Klarheit in der analytischen Tradition bisher so gut wie überhaupt keine metaphilosophische Auseinandersetzung erfahren hat.
Da der Rezensent diese – im Detail stets aufschlussreichen – Analysen hier nicht im Einzelnen besprechen kann, soll eine allgemeinere Perspektive auf Glocks Auseinandersetzung mit diesen Definitionen eingenommen werden. Es sei nämlich sogleich erwähnt, dass sich der Autor nicht einzig systematischer Argumente aus einzelnen Bereichen bedient, um die stets zu manifestierenden Diskrepanzen von faktisch geteilter und normierter Begriffsextension zu erweisen. Vielmehr taucht er immer wieder in die jüngere Philosophiegeschichte ab, um mittels im Hintergrund befindlicher Problemgeschichten und zum Teil unter Heranziehung wissenschaftssoziologischer Erklärungen nachvollziehbar zu machen, woher bestimmte Charakterisierungen kommen und zu welchen Zwecken sie ursprünglich gedacht waren. Damit verschafft sich der Autor den argumentativen Raum, um Definitionsvorschläge in ihrer Klarheit und Sinnhaftigkeit auf ausgezeichnete Kontexte zu relativieren, womit aber stets deren „globaler“ Charakterisierungsanspruch von AP verlorengeht. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Behandlung der Dichotomie von analytischer und kontinentaler Philosophie, die für das Buch in einem gewissen Sinne eine Klammer bildet. So erörtert Glock zu Beginn des dritten Kapitels (S. 61ff.) erst einmal, unter welchen Umständen diese Unterscheidung eingeführt wurde, um schließlich im letzten Kapitel (Kap. 9 = S.231-261) den Leser dafür zu sensibilisieren, dass dieses starre Schema unzeitgemäß geworden ist (S. 257) und eine Weiterverwendung von plastischen Unterscheidungen dieser Form der Sache mehr schaden – vor allem der Entwicklung analytischen Philosophierens selbst.
Obgleich es das vorletzte Kapitel (Kap. 8 = S. 204-230) ist, in dem der Autor seine Antwort auf die Leitfrage präsentiert (womit eben dieses Kapitel systematisch zentral wird), so ist es nach Auffassung des Rezensenten gerade das letzte Kapitel, mit dem Glock dieser Monographie etwas Besonderes verleiht. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: jene gut 170 Seiten, in denen die Vielfalt der fremden und eigenen Definitionsvorschläge aufgezeigt und kritisch hinterfragt wird, sind philosophisch erhellend, philosophiehistorisch lehrreich und wissenschaftssoziologisch informativ. Aber mit dem letzten Kapitel „Present and future“ übernimmt der Autor eine wissenschaftspolitische Verantwortung, denn er zieht nicht nur praxisrelevante Folgerungen aus seinen philosophischen Untersuchungen, sondern er formuliert auch Empfehlungen für die Community – vor allem im Hinblick auf die immer noch fest verwurzelte Dichotomie zwischen anglo-amerikanischer und kontinentaler Philosophie. Genauso wie auf beiden Seiten des Atlantiks Fehler in der Überwindung von Missverständnissen und Vorbehalten begangen wurden so liegt diese Unterscheidung quer zu den Belangen der analytischen Philosophie. Und im Interesse der Zukunft würde man gut daran tun „that mainstream Anglophone analytic philosophy should abandon some of its superior airs“ (S. 259).
In dem bereits erwähnten achten Kapitel entwirft der Autor seinen eigenen Vorschlag, dem gemäß die Bedeutung des Ausdrucks „AP“ nicht über eine Liste notwendiger und/oder hinreichender Bedingungen bestimmt werden sollte, sondern über Familienähnlichkeiten. Dieser Zugang soll dazu führen, dass die vom Autor bestimmte Begriffsextension genau die gemeinhin geteilten Fälle erfasst. Allerdings wird Bestimmungsversuchen dieser Form in aller Regel (und auch nicht ganz zu Unrecht) vorgeworfen, dass sie letztlich nichts explizit machen, sondern unter Verweis auf „Ähnlichkeiten“ semantische Zusammenhänge eher verschleiern. Glock liefert jedoch eine nachvollziehbare Operationalisierung dessen, wie „Familienähnlichkeit“ (vgl. Tabelle auf S. 218) im vorliegenden Fall festgestellt werden kann. Ausgehend von einem Kern, der durch paradigmatische Fälle und paradigmatische Merkmale von AP konstituiert ist, wird das Netz der familienähnlichen Fälle analytischer Philosophen durch Variation der Merkmale bestimmt. Damit diese Variation – genauso wie die Wahl der paradigmatischen Fälle – nicht willkürlich erfolgt, wird der Aufbau der familienähnlichen Zusammenhänge eingebettet in eine Geschichte, die Bezug nimmt auf eine historische Tradition im Ausgang von Frege, Russell und Wittgenstein (vgl. Baumstruktur auf S. 227).
Das vorliegende Buch sei nicht nur jedem empfohlen, der sich für die jüngere Philosophiegeschichte interessiert. Es liefert darüberhinaus für jeden Philosophen, der sich der analytischen Tradition zurechnet, einen kritischen Beitrag zur Selbstreflexion auf die eigenen Grundlagen und Standpunktbeschreibungen.
Zwei Überlegungen seien gleichwohl noch angestellt. Inhaltlich wünschenswert wäre eine ausführlichere Erörterung der definitionstheoretischen Grundlagen bzgl. Real-/Nominaldefinitionen gewesen (S. 12f.). Diese Grundlagen sind ja nicht nur konstitutiv für die erhobenen Adäquatheitsansprüche, sondern sie betreffen auch die deskriptive Ausrichtung der Monographie und führen zu folgender methodologischer Rückfrage: ist es in jedem Falle wünschenswert, den faktischen Sprachgebrauch zu rechtfertigen, wenn es unter diesen Fällen letztlich auch solche geben mag, die einen Etikettenschwindel betreiben? Was spricht etwa gegen Hackers Vorschlag[1], Quine auszuschließen? Auch wenn dies ketzerisch anklingt, aber man bewahrt sich damit – wie Hacker[2] – die kritische Kompetenz, nicht alles zeitlich Nachfolgende auch als (Weiter)Entwicklung zu bewerten. Gerade die szientistischen, naturalistischen und sprachunkritisch-metaphysischen Entwicklungen sind weder im Geiste eines Frege noch im Sinne eines Wittgenstein oder Strawson. Oder was spricht – um ein weiteres Beispiel zu nennen – dafür, aristotelische Metaphysiker wie Lowe weiterhin als „analytische Philosophen“ zu bezeichnen (vgl. S. 224)? Fällt diese Form des Betreibens von Metaphysik nicht weit hinter die sprachkritische Wende und sogar Kant zurück? Hier scheint der faktische Gebrauch eine ungerechtfertigt große normative Kraft zu entfalten, denn es bleibt letztlich ungeklärt, warum gerade die Forderung nach Sprachkritik kein notwendiges Merkmal analytischen Philosophierens sein soll.
Anmerkungen
[1] P.M.S. Hacker, Wittgenstein’s Place in Twentieth Century Analytic Philosophy, Oxford, Backwell, 1996, Kap. 7.
[2] P.M.S. Hacker, Wittgenstein’s Place, Kap. 8.
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Wille: [Rezension zu:] Glock, Hans-Johann: What is analytic philosophy?, Cambridge 2008. In: Kritikon, 01.11.2008. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/200811/21>
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