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Februar 2009, Bd. 2

Vieweg, Klaus; Welsch, Wolfgang (Hrsg.): Hegels Phänomenologie des Geistes

Vieweg, Klaus; Welsch, Wolfgang (Hrsg.): Hegels Phänomenologie des Geistes. Ein kooperativer Kommentar zu einem Schlüsselwerk der Moderne (= Suhrkamp-Taschenbücher Wissenschaft), Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
ISBN-13: 978-3-518-29476-5, 690 S., EUR 18.00


Rezensiert von:
Sebastian Ostritsch, Universität Stuttgart, Institut für Philosophie
E-Mail: sebostritsch@gmx.de

Die Renaissance der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels ist landauf, landab in vollem Gange. Trotz mehrerer Versuche, eines „Kehraus mit Hegel“ wie ihn Ernst Tugendhat anstrebte, oder der Historisierung des Hegelschen Denkens, wie von Herbert Schnädelbach als einzig sinnvoller Umgang mit einem der wirkmächtigsten Denker der Philosophiegeschichte angesehen, blüht die systematische Beschäftigung mit dessen spekulativem Idealismus.

Was Hegel seinerzeit den Naturforschern Haller und Kielmeyer vorwarf, nämlich „das Sinnliche statt in den Begriff, ins Lateinische“ [1] zu übersetzen, kann heute auf die meisten der sich mit Hegel beschäftigenden Arbeiten selbst bezogen werden: Sie übertragen die zugegebenermaßen schwer zugängliche Arbeit Hegels am Begriff nur in noch weniger verständliche idiosynkratische „Hegelei“. Von dieser Sorte Philosophie setzten sich die Beiträge des vorliegenden kooperativen Kommentars zur Phänomenologie des Geistes, der das Ergebnis einer im Oktober 2006 von den Herausgebern Wolfgang Welsch und Klaus Vieweg veranstalteten internationalen Tagung anlässlich des 200. Jahrestages des Erscheinens dieses Hegelschen Frühwerks ist, wohltuend ab. Insgesamt 33 Autoren zeichnen in ebenso vielen Beiträgen die gesamte Bewegung des Bewusstseins von der unmittelbaren Ostension in der sinnlichen Gewissheit bis hin zum absoluten Wissen nach. Der Band folgt im Aufbau der Kapiteleinteilung der Phänomenologie, wobei deren Vorrede und Einleitung im Kapitel „Zur Gesamtkonzeption des Werkes“ behandelt werden. Eine mit „Ausblick“ betitelte Sektion mit zwei über den Inhalt der Phänomenologie hinausgehenden Beiträgen beschließt den Band.
Neben der sprachlichen Zugänglichkeit erfüllt der Band das Desiderat eines - im Rahmen der Möglichkeiten eines solchen Bandes - erschöpfenden Kommentars aller Kapitel der Phänomenologie. Indem eine Vielzahl der Beiträge es darüber hinaus schafft, die Brücke von einer bloß interpretativen Auseinandersetzung mit den einzelnen Kapiteln der Phänomenologie hin zu ihrer Fruchtbarmachung für aktuelle philosophische Diskussionen zu schlagen, kann das vorliegende Werk den selbst erhobenen Anspruch, „für Novizen wie Experten“ (S. 6) gleichermaßen hilfreiche Leseunterstützung und -ergänzung zu bieten, größtenteils einlösen.

Auffallend bei der Verteilung der Beiträge ist jedoch die Überrepräsentation des Selbstbewusstseinskapitels. Neben den sieben Beiträgen, die dieses Kapitel zum Gegenstand haben, erweist sich bei genauerem Hinsehen auch der Aufsatz Brady Bowmans, der als einziger dem doch so wichtigen Kapitel „Kraft und Verstand“ zugeordnet ist, mit seiner Erörterung des Begriffs „Leben“ als eher dem Selbstbewusstseinskapitel zugehörig. Die Feststellung Bruno Liebrucks, es handle sich beim Verstandeskapitels wohl um den „schwierigste[n] Abschnitt im ganzen Werk“ [2], wird durch diesen Mantel des Schweigens zwar indirekt bestätigt - dem Text genüge getan wird damit aber nicht. Nicht nur, weil dieser höchst interpretationsbedürftig ist, etwa in Bezug auf die von Hegel im Hintergrund seiner Argumentation mitgedachten Theorien der Kausalität, der Bewegung und der Kraft, sondern auch weil aus ihm Lösungsstrategien für aktuelle Debatten erwachsen könnten.

Die von Erzsébet Rózsa zu Beginn ihres Essays identifizierten Pole der aktuellen Hegelforschung des Neopragmatismus und des Neoplatonismus, wie sie ihr zufolge exemplarisch in den Positionen Robert Brandoms und Vittorio Hösles angetroffen werden können, durchziehen den gesamten Band. Vereint werden sie zwar durch das Ringen um einen von Kant emanzipierten Hegel, dessen spekulativer Idealismus gerade nicht die Aufgabe einer realistischen Position bedeuten soll (so beispielsweise Sally Sedgwick in ihrem Beitrag über Hegels Kritik am Bild des Erkennens als Mittel).
Besonders spannend ist die Lektüre dieses Buches aber immer dann, wenn unterschiedliche Lesarten aufeinanderprallen. So beharrt Axel Honneth wie schon in früheren Texten auf der Theorie einer intersubjektiven Anerkennungsbeziehung für die Selbstbewusstseinskonstitution. Mit dieser sieht er gleichzeitig eine Protomoral instantiiert, die erst die Befriedigung des ontologischen Bedürfnisses der Begierde sein könne und somit das Zustandekommen des Selbstbewusstseins ermöglichen soll. Pirmin Stekeler-Weithofer hingegen vertritt die Auffassung der sogenannten Leipziger Schule, die im Kapitel exponierte Figur der Anerkennung sei zunächst nur bewusstseinsintern und somit intrapersonal zu deuten. Eine vorschnelle Übertragung der Anerkennungsbeziehung auf soziale Beziehung verböte sich, wenn sie sich nicht als eben solche kennzeichnet. Die Stärke des Aufsatzes Stekeler-Weithofers liegt nicht nur in seinem präzisen Umgang mit dem Hegelschen Text, sondern auch in dem Umstand, dass er auf die Argumente und Defizite der gegnerischen Seite eingeht.

Positiv hervorzuheben sind auch all diejenigen Beiträge, die um eine Verbindung einer klaren Rekonstruktion der Argumentation Hegels mit der Aktualisierung seines Denkens bemüht sind. So vertritt Rolf-Peter Horstmann die These, dass der Hegelsche Monismus einer sich selbst exemplifizierenden Idee mit dem Anspruch antrete, für die begriffliche Erfassung einer Mannigfaltigkeit von Objekttypen aufzuwarten, die gar nicht in das begrenzte Raster einer kantischen Erkenntnistheorie passen. Die Aporien, die sich aus dem Umstand ergeben, dass Objekte nicht nur einem Objekttyp, sondern gleichzeitig mehreren „Welten von Gegenständen“ (S. 61) angehören, kann man aktuell beispielsweise an der Geist-Gehirn Diskussion mitverfolgen. Gerade in solchen Kontexten könnte Horstmanns Vorschlag, die Phänomenologie als einen Prozess der Freilegung „epistemische[r] Zugangsbedingungen“ (S. 74) für Objektarten zu lesen, durchaus gewinnbringend sein.
Michael Quantes Beitrag über Psychologie, Physiognomik und Schädellehre im Vernunftkapitel zielt auf die Gewinnung systematisch relevanter Argumentationsstrategien im Gebiet der Philosophy of Mind. Dass die von Hegel in diesem Kapitel vorgelegte Argumentation sowohl funktionale Reduktionismen als auch die durch Jerry Fodor prominent vertretene Modularisierung des Geistes wirkungsvoll bekämpfen kann, dürfte den Lesern Christoph Halbigs bekannt sein. Dieser wendet sich in seinem Essay dem Gewissenskapitel der Phänomenologie und damit einer explizit normativen Fragestellung zu und bemüht sich dabei um eine systematische und nicht bloß historisch-rekonstruierende Aneignung der Hegelschen Argumente. Die Einsicht, dass die Konzeption, der Grund einer Handlungsverpflichtung liege lediglich in der bloßen Gewissheit, verpflichtet zu sein, letztendlich instabil werden muss, führt genau zu der These, das John McDowell schon seit einer Weile am Herzen liegt: der des moralischen Realismus.
McDowell legt in seiner fundamentalen Auseinandersetzung mit der gerade im angelsächsischen Bereich so beliebten Lesart, Hegels Denken lediglich als Fortführung des „Kantische[n] Konstruktivismus“ (S. 375) zu sehen, eine tiefgreifende Kritik an Robert Pippins Interpretation der Handlungstheorie des Vernunftkapitels vor. Die alles entscheidende Frage, wie die Gültigkeit der normativen Verpflichtung, die das Subjekt freiwillig eingeht, gewährleistet werden kann, kann für McDowell nicht einfach im sozial-pragmatischen Weiterdenken des normativen Ansatzes Kants liegen. Richtigerweise fordert er „die typisch hegelianische Ausgewogenheit zwischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit“ (S. 377) für einen wohlverstandenen Normenrealismus ein.

Nicht alle Versuche der Aktualisierung Hegels aber sind gelungen. Der den Band beschließende Essay Wolfgang Welschs überzeugt nicht in seinem Bemühen, Hegels spekulativen Idealismus mit dem Paradigma des modernen Evolutionsdenkens kompatibel zu machen. Das liegt vor allem daran, dass Welsch sich nicht hinreichend einer kritischen Analyse der für sein Unterfangen entscheidenden Begriffe von Entwicklung und Evolution in Philosophie und Biologie widmet, zumal Hegel selbst zu Beginn seiner Naturphilosophie auf den Unterschied von Naturphilosophie und empirischer Wissenschaft aufmerksam gemacht hat.

Auf der Seite der Monita ist weiter anzuführen, dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Hegelschen Dialektik sowie der auch in der Phänomenologie leitenden, aber erst in der Wissenschaft der Logik explizierten Konzeption von Reflexion wünschenswert gewesen wäre. Im Gegenzug hätte man sich den ein oder anderen lediglich unter bildungsbürgerlichen Aspekten relevanten Artikel sparen können.

Trotz der beanstandeten Mängel erleichtert das Buch sicherlich nicht nur den Einstieg in die Beschäftigung mit der Phänomenologie des Geistes und gibt zudem einen hervorragenden Überblick über die aktuelle Forschungslage zu diesem grundlegenden Werk des abendländischen Denkens, sondern fordert auch zu systematischem Philosophieren mit Hegel auf.

Anmerkungen
[1] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Phänomenologie des Geistes, hg. v. H.F. Wessels u. H. Clairmont, Hamburg 1988, S. 189.
[2] Liebrucks, Bruno, Sprache und Bewußtsein. Band 5: Die zweite Revolution der Denkungsart. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main 1970, S. 52.


Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Ostritsch: [Rezension zu:] Vieweg, Klaus; Welsch, Wolfgang (Hrsg.): Hegels Phänomenologie des Geistes. Ein kooperativer Kommentar zu einem Schlüsselwerk der Moderne (= Suhrkamp-Taschenbücher Wissenschaft), Frankfurt am Main 2008. In: Kritikon, 18.02.2009. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/200902/19>

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