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Februar 2009, Bd. 2

Otto, Stephan: Die Wiederholung und die Bilder

Otto, Stephan: Die Wiederholung und die Bilder. Zur Philosophie des Erinnerungsbewußtseins, Hamburg: Felix Meiner 2007
ISBN-13: 978-3-7873-1846-9, 443 S., EUR 26.80, sfr 45.60


Rezensiert von:
Frauke A. Kurbacher, Berlin
E-Mail: frauke.kurbacher@gmx.net

Mit Stephan Ottos Ausführungen zur Erinnerung liegt ein nicht nur kenntnisreiches, sondern auch thesenstarkes Buch vor, dessen programmatisches Grundanliegen es ist, die nur in kulturwissenschaftlicher und literarischer Hinsicht virulente Erinnerungsthematik ins Zentrum philosophischer Betrachtung zu rücken. Die bislang fehlende philosophische Aufmerksamkeit der memoria gegenüber liegt, Otto zufolge, in der Entwicklung philosophischer Erinnerungstheorien selbst begründet. Ein treffendes Zitat Walter Benjamins steht hierbei dem gesamten Projekt zum Geleit: „Es ist von höchster Wichtigkeit für die kommende Philosophie, zu erkennen und zu sondern, welche Elemente des Kantischen Denkens aufgenommen und gepflegt, welche umgebildet, und welche verworfen werden müssen“. So sieht auch Otto bezüglich der Erinnerung und ihrer Degradierung zum bloßen „Epiphaenomen“ einen entscheidenden Wendepunkt in der Philosophie Kants. Seine Grundthese lautet entsprechend: Philosophisches Erinnern wird seit Kant als bildloses vorgestellt und gefordert -, ohne Bilder aber gewinnen wir kein Bild unserer selbst und sind eines möglichen Selbstverständnisses beraubt (S. 16, 83ff). Denn wer – gibt Otto in einer Verweiskette über Deleuze bis hin zu Giordano Bruno zu bedenken - „unser Denken lösen wollte von den Bildern der Welt, die wir betrachten und erinnern, der käme auch niemals [...] zu einem ‚Bild seiner selbst‘“ (S. 11). Die Brisanz der Erinnerungsfrage erwächst also aus ihren Folgen für ein modernes Verständnis von Person, und damit lässt sich Ottos Rekonstruktion der Erinnerungsphilosophie als Versuch einer kritischen und konstruktiven Revision der philosophischen Subjekt- und Bewusstseinstradition in ihrer bildlosen Selbstvergessenheit seit Kant begreifen.
In sechs ausführlichen Kapiteln werden zahlreiche Positionen angeführt, im Besonderen aber Aristoteles, Augustinus, Giordano Bruno, Husserl, Kant, Vico und Plotin, bis hin zu neueren Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts, wie etwa Neo-Strukturalismus, Hirnforschung oder Neurophysiologie, die nicht chronologisch, sondern nach systematischen Fragezusammenhängen untersucht werden. Dennoch folgt die Argumentation einer feinsinnigen philosophie-historisch orientierten und dreifach geteilten Komposition, die die wiederholte Inblicknahme der einzelnen Philosophen unter verschiedenen Fragestellungen im Gestus einer der Erinnerungslogik inhärenten sich differenzierenden Wiederholung vorsieht. (Insbesondere sind hier die nicht unproblematischen, aber gleichwohl überaus instruktiven und inspirierenden Interpretationen aristotelischer und augustinischer Erinnerungsphilosophie hervor zu heben.) Ausgehend von den genannten thesenreichen Diagnosen zum aktuellen Disput zwischen Bild und Begriff, der als erstes mit einem Rückgriff auf die Renaissance behandelt wird, lenkt Otto den Blick erneut auf Kant und von dort nochmals über Augustinus zurück bis hin zur Antike. Im letzten Teil, der die zeitgenössischen Diskurse zur Erinnerung in einem zunehmend polemischen Ton analysiert, konturiert sich dann die Vorstellung einer Erinnerungsphilosophie des Autors. Dabei bleibt Ottos Versuch, was die Bildhaftigkeit und den Bildbegriff angeht, selbst etwas blass. Im Bildbegriff steckt vermutlich aus der Perspektive des Autors schon zu viel Konzept und zu wenig konkretes Bild. Was aber ist ein Bild? In seiner Kritik hält es Otto offenbar mit dem von ihm am Anfang und Ende des Buches genannten Mythos des Aktaion, - sein Bildbegriff lässt sich eher nur im Spiegel der Kritik an anderen bildlosen Theorien erschließen. Zum Vorwurf der abendländischen Dominanz des Visuellen innerhalb der derzeitigen Debatte um Emotionen und Sinnlichkeit wird dabei keine Stellung bezogen.
Hingegen wird der iconic-turn in großer Differenziertheit gegen einen linguistic-turn geführt, der unter dem Vorbehalt mehr oder minder unbesonnener Exilierung bis Eleminierung des Bildhaften steht. Über die Frage nach bild- oder nicht-bildhafter Erinnerung, die auf die nach der Anschaulichkeit oder Abstraktion des Denkens überhaupt verweist, wird deutlich, dass es bei memoria um nichts Geringeres geht, als um den Stellenwert der aisthesis, der Wahrnehmung, Sinnlichkeit und Konkretion unseres Weltzugreifens und Selbstbegreifens. Das Bild nun provoziert die Frage, inwiefern dem Denken selbst Sinnlichkeit zukommt, und zwar nicht in Form einer Analogie, sondern in Form einer in Erinnerungsbildern verbürgten Sinnlichkeit des Denkens selbst, die einen Erkenntnisgegenstand von eigener Erkenntniskraft bilden. Sie zieht ihre besondere Relevanz aus der Ausbildung der Person als einer qua Erinnerungsfähigkeit charakteristisch gebildeten Persönlichkeit. Dabei erhellt Otto – und dies ist eine besondere Qualität seiner Darstellung der Erinnerungstheorien – jeweils auch die philosophischen Kontexte und Rahmenbedingungen. Aber sowie es gute philosophische Gründe für das Bildhafte gibt, haben auch andere theoretische Schwerpunktsetzungen die ihren. Sie kommen hier jedoch nicht eigens zur Sprache. Ein Abgleich von beiden könnte vielleicht ein weiteres, philosophisches Licht auf die derzeitige Hinwendung zum Erinnerungsbewusstsein werfen.
Otto zufolge fehlt bei Kant im Verhältnis zwischen Begriff und Anschauung nicht nur die konkrete Anschaulichkeit, sondern vielmehr die memoria selbst. In der Tat tritt bei Kant, der wohl als einer der letzten auf eine Vermögenspsychologie zugreift, nicht die Erinnerung als Vermittelndes zwischen Verstand und Einbildungskraft als Vermögen der Begriffe und Anschauungen, sondern Urteilskraft, deren Eigenständigkeit er in der dritten Kritik zu erweisen sucht und damit selbst eine Entwicklung einläutet, die nicht nur als Rehabilitation der Emotionen und der aisthesis, sondern auch als Kritik an seinem eigenen Erkenntniskonzept gedeutet wurde. Das judicium, das durchaus auch in der Scholastik in den tres operationes mentis seine Position zwischen der memoria und dem ingenium innehatte, wird von Kant offenbar in seiner Medialität eher als dazu befähigt betrachtet, unter den Maßgaben von Freiheit und ohne eine noch gegebene Verbindlichkeit kosmologischer oder religiöser Vorstellungen, Orientierung für den neuzeitlichen Menschen zu bieten. Unter Umständen wäre hier also eher ein Paradigmenwechsel zwischen Erinnern und Urteilen zu untersuchen als einer zwischen Bild und Begriff.
Zielgerade des eigenen Ansatzes von Otto, der sich in fortschreitender Auseinandersetzung mit der Tradition eher implizit entwickelt, ist ein Verständnis von Erinnerung als „mentales Handeln“ (S. 234ff), das insofern eine Person in ihrer lebendigen und zumindest teilweise intentionalen Lebensführung als auch in ihrer charakterlichen Formgebung von Persönlichkeit ethisch perspektiviert. Hierfür sind die von Otto als „Asymmetrien des Erinnerns“ bezeichneten Differenzverhältnisse konstitutiv, die sich in den verschiedenen von ihm betrachteten und zusammengeführten Philosophien auffinden lassen, - und zwar angefangen von einem gegenwärtig erinnernden Bewusstsein und einem erinnerten Gewesensein (S. 260), über ein Erinnerungsbild und dem es festhaltenden ‚inneren Wort‘, bis hin zum „wissenden Bewusstsein“ und „Bildbewusstsein“ (S. 340), um nur drei der grundlegenden Unterscheidungen zu nennen (s. auch S. 280 u. 344). Das Erinnern als ein „Modus“ von Bewußtheit (S. 330) arbeitet stets in diesen „differenzierenden Asymmetrien“ (S. 280), für die nach Otto ohnehin eine Reihe verschiedener Typen von Selbstbeziehung veranschlagt werden müssen (S. 345).
Gerade vor diesem Hintergrund fragt sich allerdings, so erhellend die Kontrastierung von Bild und Begriff (Wort) auch sein mag, wie zutreffend sie nicht nur im Einzelfall für einen der Interpretierten ist, sondern vor allem wie sinnvoll sie für das Anliegen des Erinnerungstheoretikers überhaupt und besonders für unser personales und persönliches Selbstverständnis ist. Wäre hier nicht eher von einer konstitutiven Verbindung zwischen Bild und Begriff auszugehen, und damit diese Relation selbst als janusköpfig zu begreifen?
Ungeachtet solcher kritischen Anmerkungen, ist Ottos Buch ein hoch zu schätzendes. In seiner profunden Kenntnisfülle, Detailgenauigkeit mit Überblick unter unablässigem Fragen, erinnert es zurecht an eine genuin philosophische Mannigfaltigkeit der eigenen Kultur, die über aller pragmatisch-geschäftigen Kulturwissenschaftlichkeit und -wirtschaftlichkeit das drängende Bedürfnis nach eigenem philosophischem Fragen und den theoretischen Grundlagen zu vergessen scheint.
Der Vertreter und Kenner der einen oder anderen von Otto vorgenommenen philosophischen Richtung mag nicht allen Darstellungen und Argumenten gänzlich zustimmen, aber auch er wird nicht umhin können, sich mit den vorgebrachten Thesen zum Personen-Philosophie fundierenden Wert der memoria auseinanderzusetzen und sich dabei an ein Philosophieren zu erinnern, dessen Tragweite sich keinesfalls in akademischen Schulstreiten erschöpft, sondern seine Aufmerksamkeit grundlegenden Fragen zuwendet, die prinzipiell über den Rahmen einer Philosophie hinausgreifen und gerade damit ihre Relevanz aufzuzeigen vermögen.


Empfohlene Zitierweise:
Frauke A. Kurbacher: [Rezension zu:] Otto, Stephan: Die Wiederholung und die Bilder. Zur Philosophie des Erinnerungsbewußtseins, Hamburg 2007. In: Kritikon, 18.02.2009. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/200902/24>

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