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Februar 2009, Bd. 2

Stegmaier, Werner: Philosophie der Orientierung

Stegmaier, Werner: Philosophie der Orientierung, Berlin: de Gruyter 2008
ISBN-13: 978-3-11-020025-6, XIII, 804 S., 48,- Euro


Rezensiert von:
Annette Hilt, Johannes-Gutenberg Universität Mainz, Philosophisches Seminar
E-Mail: hilt@uni-mainz.de

„Jede Zeit findet ihr erlösendes Wort. […] Und trotzdem wollen die Zeiten alle dasselbe fassen, wird ihnen der eigentliche Bedeutungsgehalt der Worte nur das Mittel, […] jene letzte Tiefe der Dinge sichtbar zu machen, ohne deren Bewußtsein alles menschliche Beginnen ohne Hintergrund und sinnlos bleibt.“ [1] – So fasste H. Plessner das Bedürfnis, unseren Umgang mit den Problemen menschlichen (Zusammen-)Lebens auf einen orientierenden Begriff zu bringen, zusammen.

‚Orientierung’ ist nicht nur ein solches Hilfswort, sondern „Letzt- und Grundbegriff“ (XV), der wie selbstverständlich all unserem Denken und Handeln, der Bildung von Kategorien und Begriffen vorausgeht. W. Stegmaiers Philosophie der Orientierung greift diese alltägliche Leistung, sich zurechtzufinden, philosophisch auf und zeigt, was wir eigentlich tun, wenn wir uns orientieren und wie eine solche Reflexion unserer Orientierung selbst wieder orientierend wirken kann und soll.
Das Phänomen ‚Orientierung’ als Strukturprinzip wird in 19 Kapiteln ausgehend von seiner „Evolution“ als philosophischer Begriff (Kap. 3) entfaltet und in seinen praktischen Dimensionen untersucht: beginnend von Kants Orientierungsbegriff als ‚Standpunkt der Vernunft’ bis hin zu seiner Luhmannschen Anwendung als ‚entsubstanzialisierte Selbstbezüglichkeit der Vernunft’ zur pragmatischen Stabilisierung sozialer Systeme unter postmodernen Kontingenzbedingungen.
Stegmaier setzt an bei der vorphilosophischen Evidenz, der Plausibilität, auf die sich Orientierung stützt, um diese in Philosophie und Wissenschaftstheorie kaum thematisierte Funktion (vgl. S. 16) gegen metaphysische, bewusstseinstheoretische, aber auch psychologische, soziologische und politische Modelle der Selbst- und Weltverständigung zu rehabilitieren: „Vexierrätsel“ (326) wie die Frage nach dem Bewusstsein vom freien Willen, der gelingenden intersubjektiven Verständigung mit den Anderen oder der Globalisierung normativer Ordnungen gewönnen in einem recht verstandenen Orientierungsbedürfnis eine Eigendynamik, in der sich blinder Selbstbezug auf eine jeweilige Letztbegründung in Perspektiven ausdifferenziere und seine Fremdbezüglichkeit anerkenne. Die Kunst der Orientierung ist somit die Selbststrukturierung problematischer Zusammenhänge.

„Der Selbstbezug ist auf den Fremdbezug ausgerichtet, der Fremdbezug der Orientierung ist der Sinn ihres Selbstbezugs.“ (13): Hier öffnet sich die Philosophie der Orientierung von der Systemtheorie zu einer Vielzahl handlungs- und kommunikationstheoretischer Ansätze, zu Spielarten der ontologischen und ethischen Differenz, zu einem perspektivischen Denken, wie Stegmaier auch seine bisherigen Studien zu Kant, Nietzsche, Levinas, zur Theorie des Zeichens und des Interpretationismus immer wieder neu zusammenstellt und deren unterschiedliche Begrifflichkeiten aneinander schärft. So gewinnt er einerseits Dimensionen von Orientierung über philosophische Grundbegriffe wie ‚Substanz’ und ‚Subjekt’, ‚Situation’, ‚Perspektive’, ‚Reflexion’, ‚Identität’ und ‚Differenz’; andererseits werden diese an Praxisfeldern wie der Beunruhigung von Orientierungen in Kommunikationsprozessen, ihre Selbststabilisierung über Reflexion und Interaktion, der Transformation von Ritualen oder der Ausdifferenzierung individueller und kollektiver Identitäten phänomenologisch vertieft.

Stegmaier gelangt so von einem ersten Überblick räumlicher und zeitlicher Orientierungsstrukturen zu der affektiven Haltung, die das Orientieren ausrichtet (Kap. 4): Es ist das Grundparadox der Orientierung, dass sie die Situation, die sie sich erschließt, zugleich verändert; so ist Beunruhigung die Grundstimmung der Orientierung, aus der sich unterschiedliche Modi des Stimmens und Praktiken der Einpassung in die Situation ergeben; immer changieren sie zwischen den beiden Polen des Orientierungsbedürfnisses – Beunruhigung und Beruhigung – (vgl. 164): Solche Grundhaltungen versetzen uns in einen kognitiven und emotiven Spannungszustand, der einen einmal gewonnenen Standpunkt gegenüber einem festen Horizont der Orientierung immer wieder transzendiert: diese fluktuierende Dynamik der Orientierungsleistung ist Grundlage von Freiheit (156), so Stegmaiers erste Abgrenzung von willensmetaphysischen Subjektivitätsmodellen.

Davon ausgehend entwickelt er die konstruktiven Strategien gelingender Orientierung über Sprache und Zeichen (Kap. 5 und 8), über Denk- und Handlungsperspektiven (Kap. 6 und 7), über die Konstitution eigener Identitäten in Erfahrung und Reflexion (Kap. 9 und 10), um schließlich von dem einzelnen Orientierungssubjekt zu der Fremdbezüglichkeit der Orientierung in intersubjektiven Kontexten zu gelangen (Kap. 11 und 12): Hier ist es vor allem der ‚Spielraum’, den Stegmaier als Metapher, und zwar als „offenbar unersetzbare und damit absolute Metapher im Blumenbergschen Sinn“ (224) wählt: Metapher ist als bildliche Vorstellung Grundbestand der philosophischen Sprache, auf die die Vernunft angewiesen ist, wenn Begriffe fehlen und aus solchen Vorstellungen erst wieder neue Regeln für das Denken gewonnen und begrifflich fixiert werden müssen: Dies wird an Kants Grundtext zu einer Philosophie der Orientierung Was heißt: Sich im Denken orientiren? [2] über den bekannten Stegmaierschen Interpretationsansatz der Fluktuanz von Bildern und Zeichen mit Nietzsches beweglichem Netz von Begriffen weiterentwickelt; diese unterschiedlichen Ansätze werden pragmatisch vertäut, denn ‚Metaphorik’ heißt bei Stegmaier, dass ein solches Bild [3] zwar unersetzbar ist, aber je nach Kontext begrifflich variiert oder sogar wieder eingeklammert werden muss: vom Handlungsspielraum und der Handlungsfreiheit kann man sich ‚metaphorisch’ verabschieden, um ‚Halt zu finden’: Das führt dazu, dass die Metaphorik des Halts am stärksten die Sprache der Orientierung bestimme (226), es weniger um Handlungsfreiheit, denn um Handlungssicherheit, eben um „Halt in der Orientierung“ gehe (225). Dies wird strategisch an unserem alltäglichen Praxisbezug, dem „Sprachspiel des Halts“, das sich „in der deutschen Sprache in verschiedene Wortarten […] verzweigt“ (229), plausibilisiert. Stegmaier systematisiert dies am Beispiel des Verbs ‚halten’ ausführlichst: er unterscheidet ein „Feld des Zum-Stehen-Kommens“, eines des „Zum-Stehen-Bringens“, des „Stützens, Bewahrens, Instandhaltens“, des „Sich-Zusammennehmens“ und „Sich-ins-Verhältnis-Setzens“ mit weiteren Unterpunkten (Kap. 7.1.); das gibt immer wieder Anlass zu weiteren Überlegungen, Rückgriffen auf bereits genannte Motive und Metaphern, ohne dass terminologisch oder schließlich orientierend viel gewonnen wäre, und so verlieren sich manche Kapitel ein wenig in dem weiten Feld der Orientierung.

Halt wird dann jedoch in der zweiten Hälfte des rund 800 Seiten starken Werkes wieder gewonnen, wenn sich Stegmaier auf die reflexiven, normativen und schließlich ethischen Dimensionen der Orientierung konzentriert und sozialphilosophische Probleme für die ‚Philosophie der Orientierung’ ins Spiel und auf orientierende Regeln bringt: Bemerkenswert sind seine Ausführungen zu Interaktion und Kommunikation über Rituale und eine ‚Diplomatie der Zeichen’, wo sehr genau von der leibnahen Kommunikation, Mimik und Gestik, von der Situation, dem Anderen von Angesicht zu Angesicht ausgesetzt zu sein, zu Praktiken der Ausprägung stabiler Institutionen und pluraler Identitäten unseres sozialen Verhaltens geführt wird; die Engführung verschiedener kulturwissenschaftlicher Ansätze (als Auswahl seien Dilthey, Elias, W. James, Gehlen, Goffmann, Luhmann, Mead und Weber genannt) ist zugleich eine fundierte Einführung in wissenschaftliche Theoriebildung. Diese Analysen werden schließlich im Phänomen des Vertrauens verankert, das eigentlich die Grundlage aller gelingenden Orientierung, die zwischen Beunruhigung und Beruhigung zugleich Sicherheit und Freiheit finden will, wäre.

Abschließend wird dies den Fremdbezug der Selbstbezüglichkeit der Orientierung in eingespielten Interaktionsmustern noch einmal an den Feldern Ökonomie, Politik und Recht sowie den Medien verdeutlicht: die jeweils eigenen Regeln dieser Felder müssen angesichts ihrer wachsenden Interdependenzen ohne eindeutige Geltungsgrenzen sich immer wieder verändern, sich neu bestimmen und Geltung bzw. vielmehr Akzeptanz in ihrer Plausibilität gewinnen. Was dies im Falle der globalen Krise der Finanzmärkte bedeutet, bedeuten könnte und sollte, würde für eine ‚Philosophie der Orientierung’ neue Anwendungsfelder öffnen, vor allem bleibt Raum für hier ausgesparte Felder wie z.B. dem der Ökologie oder einer Erweiterung der etwas kurz geratenen Ausführungen zu Kunst und Religion in ihrer Orientierungsleistung wie auch in ihrer Funktion der Beunruhigung alltäglicher Orientierungsmuster.

Stegmaier gelingt dieser Ausblick auf die weitere Arbeit an der Orientierung am Ende des Buches dadurch, dass er in drei abschließenden Kapiteln (15, 16 und 18) die Problemfelder und die von ihm bis dahin entwickelte Orientierungsmetaphorik und -begrifflichkeit zu der Frage nach der normativen und ethischen Selbstbindung der Orientierung zusammenführt und zugleich eine Rückbindung der Orientierungsphilosophie an metaphysische Grundbedürfnisse des Menschen formuliert: Moralische Orientierung neigt zu Dezisionismen, daher stellt sich immer wieder das Problem der Selbstreflexion der Moral über eine ethische Orientierung, die um ihre Standortgebundenheit, ihre Perspektivität, aber auch die Verpflichtung ihrer Freiheit in Spielräumen weiß.

Ethische Orientierung ist für Stegmaier die Reflexion der eigenen Moral an anderen Moralen, dies jedoch über die neu zu erprobende und etablierende ‚Tugend der Verantwortung’, die auf Gegenseitigkeit verzichtet, mit der Schwäche und den Fehlern ihrer selbst und anderer in Betracht zieht: Hier wäre es das Vertrauen, auf die Orientierung bauen muss, ohne es selbst je gewährleisten zu können – Stegmaier fasst dies in anderen Worten mit seinem Exkurs zur Gabe ohne Erwartung einer Gegengabe. Dies verweist auf das ‚Außerhalb’ jeglichen Orientierungshorizontes, auf die unaufhebbare Ungewissheit, unter der sich „das Bedürfnis nach Gewissheit und Halt nur so erfüllen (lässt), dass man daran arbeitet, im Ungewissen Halt zu finden.“ (646) Metaphysik als Auseinandersetzung mit diesem ‚Jenseits’ von Plausibilitäten, ohne dass dabei ein letzter Halt gefunden werden könnte, wäre dann nicht der Schlusspunkt oder der Abschlussgedanke einer Philosophie der Orientierung, sondern „eine Möglichkeit der Orientierung selbst“, und zwar einer der Beunruhigung angesichts ihrer Endlichkeit. Ob dies nun in der „Weltorientierung“ geschieht, die „der Weltgesellschaft überall Fluktuanz und damit Evolution (ermöglicht)“ (632), mag dahingestellt sein: Stegmaier öffnet und vertieft in der Philosophie der Orientierung ein Feld des Fragens und Reflektierens und verweist damit auf den Kantischen Anspruch, sich im Denken zu orientieren: Sich einerseits offen gegenüber anderen Perspektiven zu halten, zugleich aber nicht nur pragmatisch nach Perspektiven zu suchen, sondern diese Perspektiven auch als kritische Standpunkte einzunehmen: auf dass darin „jene letzte Tiefe der Dinge sichtbar“ werde, „ohne deren Bewußtsein alles menschliche Beginnen ohne Hintergrund und sinnlos bleibt.“ [1]

Anmerkungen:
[1] Plessner, Helmuth, Die Stufen des Organischen und der Mensch, in: Ders., Gesammelte Schriften IV, hrsg. v. G. Dux, O. Marquard u. E. Ströker, Frankfurt am Main 1980, S. 37.
[2] Kant, Immanuel, Was heißt: Sich im Denken orientiren?, AA VIII, hier v.a. 133.
[3] Wie auch ‚Orientierung’ selbst eine Metapher ist: die Ausrichtung nach dem ‚Orient’, dem Osten (vgl. 55f.).


Empfohlene Zitierweise:
Annette Hilt: [Rezension zu:] Stegmaier, Werner: Philosophie der Orientierung, Berlin 2008. In: Kritikon, 18.02.2009. Abgerufen am 31.10.2014. <http://www.kritikon.de/issue/200902/27>

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