Hampe, Michael: Erkenntnis und Praxis
Hampe, Michael: Erkenntnis und Praxis. Zur Philosophie des Pragmatismus (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft), Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2006
ISBN-13: 978-3-518-29376-8, 338 S., EUR 13.00
Rezensiert von:
Konrad Wrobel, Köln
E-Mail: kon.wro@gmx.net
Gegenwärtig bilden die so genannten Neopragmatisten (z.B. Brandom, Putnam, Rescher, Rorty) Argumentationsmuster ihrer klassischen Vorgänger aus, sodass zu deren Verständnis eine Beschäftigung mit den Ursprüngen des Pragmatismus sinnvoll erscheint. Dieser allgemein geteilten Motivation zu einem Studium des klassischen Pragmatismus stellt sich Hampe mit folgender These: der Neopragmatismus ist eine einseitige Rezeption des klassischen Pragmatismus, weil er durch Ausblendung der notwendig metaphysisch-spekulativen Sprache philosophischer Kritik an den von ihr anvisierten Terminologien der Alltagsüberzeugung, Wissenschaftslogik und Religion das kritische Potential dieses Denkens vernachlässigt. Hampe möchte belegen, dass „das Verständnis von individuellem Leben, Wissenschaft und Religion im klassischen Pragmatismus und seiner Metaphysik differenzierter war als im Neu-Pragmatismus und dass es möglich ist, an dieses Differenzierungsniveau wieder anzuschließen, ohne deshalb in der Peirce-, James- oder Dewey-Exegese zu verharren“ (S. 44).
Einen solchen Anschluss führt Hampe in zehn Kapiteln vor, über die sich eine Einteilung von „Teil I: Methoden“, „Teil II: Metaphysik und Kritik“ und „Teil III: Mentalitäten“ legt. Hampe lässt die Kapitel argumentativ sinnvoll aufeinander folgen, aber ebenso kann man empfehlen, sie als Einzelstudien zu lesen. Der Einleitung zufolge zeigt der Pragmatismus seine Leistungsfähigkeit besonders (1) in der Wiederanbindung des philosophischen Denkens an die Lebenspraxis, (2) in der kritischen Vermittlungsleistung zwischen verschiedenen Rationalitätsparadigmata, (3) in der Verteidigung eines wandelbaren Funktionalismus erkenntnis- und handlungstheoretischer Standards, (4) in dem Erweis der Notwendigkeit von Kontingenzen als Voraussetzung für Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten, (5) in der Förderung prozessualer Betrachtungsweisen und (6) in dem Nachweis der Bedeutsamkeit von Religiosität als erkenntnistheoretisches und sozialphilosophisches Thema. Die folgenden Kapitel arbeiten an Problemen, in denen diese Thesen sich bewähren sollen. Hampe untersucht auch Denker wie Feyerabend, Hayek und Whitehead, die man zunächst nicht unbedingt zum Pragmatismus rechnen würde, weist aber interessante Strukturähnlichkeit ihrer Theorien zu pragmatistischen Argumentationsmustern nach und erweitert somit den Skopus der für den Pragmatismus zentralen Ansichten. Er betont zudem, dass Whiteheads Philosophie ihn zu einer (Re-)Lektüre pragmatistischer Entwürfe anregte. Betrachten wir die Ausführungen zu den „Klassikern“ Peirce, James und Dewey:
Hampe entwickelt mit Peirce einen Begriff von Autonomie, welcher den faktischen gesellschaftlichen Abhängigkeiten von Begriffsverwendung und Symbolisierung gerecht wird und dem eine nicht-substantielle aber dennoch vereinheitlichende Struktur zukommt. Autonomie entwickelt sich demzufolge in einem Prozess der Selbstkonstitution des Menschen, indem die Kennzeichnung „autonome Person“ mit einer Reihe von Kompetenzen und Verpflichtungen gegenüber anderen verbunden ist, die eine solche Beschreibung ebenfalls anerkennen. An diesem Beispiel zeigt Hampe detailliert den für die pragmatistische Methode besonderen Zusammenhang von Faktizität und Normativität auf, mit dem Peirces Theorie von Gemeinschaft, Freiheit und Wahrhaftigkeit bereits zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wie die inferentielle Semantik von Sellars und Brandom.
Entgegen faktischen Abhängigkeiten möchte der Pragmatismus auch einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit zulassen. Hampe analysiert deshalb in einer funktionalen Bedeutungsanalyse (selbst ein pragmatistisches Vorgehen) den Begriff der „Unmittelbarkeit“ in pragmatistischen Kontexten. So sind Peirces Begriff des Zufälligen oder James’ Begriff der Wirklichkeit Konzepte von Unmittelbarkeit, welche eine Grenze des Wissens und der Handlungskontrolle aufzeigen und auf die ethische Relevanz menschlichen Wissens überhaupt hinweisen. Dieser pragmatistische „Universalkommentar des Wissens“ (S. 93) hält Wissenschaft und Moral ständig in Gang, denn die Hoffnung, gegenwärtigen Kontingenzen in der Zukunft eine sinnvolle Deutung zufügen zu können, lässt durch ständige Auseinandersetzung mit dem zunächst nicht Kalkulierten verantwortungsvolle Innovationen entstehen. Die präzisen Ausführungen Hampes zu den diversen empiristischen Tendenzen des Pragmatismus sind besonders wichtig, um deutlich zu machen, warum klassische Unmittelbarkeitskritik (z.B. Hegels „sinnliche Gewissheit“) an diesen Begriffen der Unmittelbarkeit nicht ansetzen kann und wie genau der Pragmatismus bestimmte Voraussetzungen des klassischen Empirismus kritiksicher weiterzubilden versucht. So benennt Hampe, entgegen Humes Forderung, keine Ideen ohne Empfindungsgrundlage zuzulassen, Peirces und James’ Konstruktion mit dem für die Gegenwartsphilosophie vermeintlichen Oxymoron aber treffenden Begriff „metaphysischer Empirismus“ (S. 102), in dem ursprüngliche Erfahrung nicht etwas unmittelbar Gegebenes bezeichnet, sondern als ein „konstruierter Nullpunkt des Weltbezuges gedacht wird, der jedoch als solcher nicht Gegenstand der Welterfahrung ist“ (S. 102).
Um James’ Argumente für die Eigenständigkeit religiöser Erfahrung darzustellen, geht Hampe (zusammen mit der Co-Autorin dieses Kapitels Felicitas Krämer) auf James’ Realitätskonzeption, sein Menschenbild und seine Gottesvorstellung ein. Alle stehen im Sinne des Pragmatismus antistatisch in einem gegenseitigem Abhängigkeits- und Konstitutionsverhältnis zueinander: „Aus verschiedenen Welten entstehen verschiedene Menschen, die sich einen anderen Gott denken, was zu anderen Handlungen führt, die eine andere Welt hervorbringen usw.“ (S. 258). In der religiösen Erfahrung wird auf besonders intensive Weise deutlich, dass sie den Erfahrenden auf alternativlose Art verändert, denn im Gegensatz zum common-sense oder zur Wissenschaft nimmt James’ „Radikaler Empirismus“ keine methodisch distanzierte Perspektive eines Subjekt-Objekt Dualismus ein, sondern versteht die Wirklichkeit als einheitlichen Erfahrungsstrom, in dem der Realitätsgehalt einer Vorstellung allein von ihren Wirkungen auf das unmittelbare Leben her beurteilt wird. Hampe und Krämer verdeutlichen ausführlich das Kooperieren von James’ erkenntnistheoretischen und ontologischen Prämissen in seiner Argumentation, die viele klassische Voraussetzungen der Philosophie überbieten will.
Mit Dewey beantwortet Hampe die Frage, wie Philosophie als kritische Vermittlungsinstanz zwischen Disziplinen eine begriffliche Autonomie diesen gegenüber entwickeln kann. Hampe behauptet im Gegensatz zu Dewey, dies sei ohne innovative Erzeugung einer eigenen Begrifflichkeit nicht sinnvoll durchführbar. Mit Hilfe eines originären Vokabulars ist es nach Hampe möglich, die Motive wissenschaftlichen Erkenntnishandelns so offen zu legen, dass die von Dewey diagnostizierten Wertkonflikte zwischen verschiedenen Erkenntnishandlungen rational ausgetragen werden können, weil Wissenschaft, „wie alles menschliche Handeln, in bestimmten sozialen Kontexten stattfindet und dass diese sozialen Kontexte nach Wertvorstellungen organisiert sind, die auch das Handeln der Wissenschaftler bestimmen“ (S. 192). Hampe führt hier, wie auch sonst an geeigneter Stelle, eigene Überlegungen expliziter aus: das Kapitel zu Deweys Sicht der Aufgaben moderner Philosophie mündet in einen originell konstruierten Vorschlag zu einer Idealklassifikation von Formen philosophischer Kritik.
Folgende Besonderheiten in Hampes Darstellung seien abschließend benannt: (1) Whiteheads Philosophie wird nicht nur als Grundlage, sondern häufig auch als die elaborierteste Form mancher vorgestellter Probleme beiläufig erwähnt. Schränkt diese Folie die Überprüfung der eigenen Ansprüche der klassischen Pragmatisten ein? (2) Die zwei sogenannten Peirceschen „Gründungsdokumente“ des Pragmatismus, „The Fixation of Belief“ und „How to Make Our Ideas Clear“, finden kaum Erwähnung. Verdeutlicht nicht gerade das dort entwickelte „belief-doubt“-Schema den erkenntnistheoretischen Beginn der Peirceschen Überlegungen und liegt die diesem eingebettete „pragmatic maxim“ nicht als Regel fast allen Gedanken des Pragmatismus zu Handlungsrelevanz und Prozessualität zugrunde? (3) „Teil III: Mentalitäten“ wird eingeleitet mit einer Darstellung von Reschers Theorie zu Rationalitätsmentalitäten in Bewertung von Risiken in Erkenntnishandlungen, aus der sich die letzten drei Kapitel verstehen lassen sollen. Wäre hier nicht eine Auseinandersetzung dieses Neopragmatisten mit dem Klassiker James anregend gewesen, der auch bereits Aussagen über den Einfluss von „passional tendencies and volitions“ auf die Maximen „believe truth“ und „shun error“ macht?
Hampe hat eine ausführliche Abhandlung über verschiedene Aspekte des Pragmatismus in deutscher Sprache verfasst und zeigt deren Lösungsansätze für gegenwärtige Probleme auf. Eine vergleichbar umfangreiche Arbeit hat im deutschen Sprachraum Pape vorgelegt [1], welcher den Pragmatismus idealistisch interpretiert. Hampe wendet sich gegen diese Auslegung. Klar und deutlich klärt er Voraussetzungen pragmatistischer Theorie auf und expliziert facettenreich deren Begründungspotential für verschiedene Argumente.
Anmerkungen:
[1] Pape, Helmut: Der dramatische Reichtum der konkreten Welt. Der Ursprung des Pragmatismus im Denken von Charles S. Peirce und William James. Weilerswist 2002.
Empfohlene Zitierweise:
Konrad Wrobel: [Rezension zu:] Hampe, Michael: Erkenntnis und Praxis. Zur Philosophie des Pragmatismus (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft), Frankfurt am Main 2006. In: Kritikon, 18.02.2009. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/200902/47>
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