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Juli 2009, Bd. 2

Lowe, E. Jonathan: Personal agency

Lowe, E. Jonathan: Personal agency. The metaphysics of mind and action, New York: Oxford University Press 2008
ISBN-10: 0-19-921714-9, p. cm


Rezensiert von:
Tim Henning, Universität Jena, Institut für Philosophie
E-Mail: tim.henning@uni-jena.de

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In seinem neuen Buch Personal Agency verficht E. J. Lowe ein weiteres Mal kontroverse, „unzeitgemäße“ Positionen in ideenreicher Weise. Frühere, viel diskutierte Werke Lowes haben bereits für den Substanzdualismus in der Philosophie des Geistes sowie für eine Neo-Aristotelische Ontologie der primären und sekundären Substanzen, partikularen und universalen Akzidenzien argumentiert. Der vorliegende Text wendet sich nun im dergestalt abgesteckten theoretischen Rahmen der Metaphysik personalen Handelns zu.

Lowe vertritt hier eine libertarische Theorie der Willensfreiheit, die neben einer Form der Akteurskausalität auch Elemente des Volitionismus enthält, der Willensakte als Basishandlungen auffasst; zudem argumentiert Lowe für eine antipsychologistische Konzeption des Handelns aus Gründen. Diesen praktischen Themen widmet Lowe jedoch nur einen der zwei Hauptteile des Buches. Vorangeschickt wird ein weiterer Teil, der dem Thema mentale Verursachung und speziell einer Kritik materialistischer Argumente gewidmet ist, die sich auf die kausale Geschlossenheit der physikalischen Welt berufen.

Das Thema der mentalen Verursachung wird in neueren Arbeiten zur Philosophie des Geistes, und so auch im vorliegenden Text, meist ausgehend von einem typischen Argument diskutiert, das vor allem Jaegwon Kim bekannt gemacht hat. Dieses Argument verknüpft eine „Geschlossenheitsprämisse“, der zufolge jedes Ereignis in der Welt eine hinreichende, rein physikalische Ursache habe, mit einer Prämisse, die beinhaltet, dass Ereignisse in der Welt im Allgemeinen nicht kausal überdeterminiert seien. Die Folgerung, die gezogen wird, lautet dann, dass mentale Zustände, wenn sie kausal wirksam sind, mit physikalischen Ereignissen oder Zuständen identisch sein müssen.

Lowe ist als prominenter Verfechter einer substanzdualistischen Konzeption des Geistes unmittelbar von diesem Argument betroffen. Um einen Epiphänomenalismus zu vermeiden, bemüht sich Lowes Kritik des Arguments, zu zeigen, wie mentale Substanzen trotz der Geschlossenheitsprämisse eine eigenständige kausale Relevanz haben können.

Ein wichtiger und verblüffend einfacher Schachzug, mit dem dies für einige Lesarten der fraglichen Prämisse gelingt, besteht in einer scharfen Unterscheidung zwischen transitiver Verursachung und kausaler Überdetermination. Dies macht es möglich, mentale Zustände als irreduzible Ursachen neben physikalischen Ursachen zu denken, ohne bestreiten zu müssen, dass jedes Ereignis hinreichende physikalische Ursachen hat. Letztlich lässt sich die kausale Eigenständigkeit des Mentalen sogar unter der extrem starken Annahme retten, dass jedes Ereignis nur physikalische Ereignisse zu seiner kausalen Vorgeschichte zähle. Lowe zeichnet ein Bild mentaler Verursachung, das mentale Ursachen auf einer ganz anderen Ebene verortet als physikalische Ursachen (vgl. v. a. 110 f), und das mit jener starken Geschlossenheitsthese vereinbar ist. Dieses Bild bringt zwei ontologische Differenzierungen ins Spiel –diejenige zwischen Tatsachen und Ereignissen sowie die zwischen Tokens und Typen. Lowes differenziertes Bild mentaler Verursachung ist dann dieses: Mentale Ursachen verursachen erstens keine Ereignisse, sondern Tatsachen. Zweitens verursachen mentale Kausalfaktoren Tatsachen wie die, dass ein Ereignis eines bestimmten Typs stattfindet. Meine Intention, einkaufen zu gehen, erklärt also zum Beispiel kausal die Tatsache, dass ein Einkaufengehen meinerseits stattfindet. Sie erklärt jedoch für keines der mikrophysikalischen Ereignisse, die dasselbe konstituieren, dass gerade dieses stattfindet. Wie könnte sie? Physikalischen Details sind mir als Akteur nicht klar, und ich habe sicherlich nicht sie absichtlich herbeigeführt.

Dieses Modell hätte sicherlich einer eingehenderen Diskussion bedurft, als Lowe sie ihm gönnt. Es ist aber deutlich, dass es mehr als nur den Vorzug hat, mit einer starken physikalischen Geschlossenheitsthese vereinbar zu sein. Zudem fängt es ein, dass mentale Ursachen auf einer anderen Ebene operieren und andere Erklärungen ermöglichen als physikalische. Damit demonstriert Lowe, dass auch Substanzdualisten, ihrem schlechten Leumund zum Trotz, keineswegs den Punkt suchen, an dem das Mentale an das Physikalische stößt.

Obgleich dies nur ein Teil der Themen ist, die im ersten Teil des Buches verhandelt werden, ist es geboten, nun auch dem zweiten Teil einige Aufmerksamkeit zu widmen. Hier zeigt Lowe auf, wie der Raum, den seine Diskussion für eine eigenständige Form mentaler Verursachung geöffnet hat, zu füllen ist. Erneut kann hier nur auf eine Auswahl der reichen Themenvielfalt eingegangen werden.

Das Herzstück des zweiten Hauptteils ist die generelle Theorie der Kausalität, die Lowe entwickelt, um rationalen personalen Wesen irreduzible kausale Potenziale einräumen zu können. Lowe kombiniert dabei, wie angedeutet, eine Form der Theorie der Akteurskausalität mit einer Theorie der Willensakte. Dabei entwirft er ein Bild, das dem herkömmlich akzeptierten geradewegs entgegengesetzt ist. Gewöhnlich wird ja unterstellt, dass Ereigniskausalität die Form der Kausalität sei, die die natürliche Welt strukturiert; Akteurskausalisten streiten dann mit ihren Gegnern darum, ob sich das Handeln von Personen durch eine spezielle Form von Kausalität auszeichne. Lowe zufolge verhält es sich umgekehrt: Alle Kausalität ist Akteurskausalität, freilich in einem weiten Sinne von „Akteur“ (s. u.). Personales Handeln zeichnet sich hingegen durch spezielle Ereignisse aus, die involviert sind – die, die Lowe Willensakte (volitions) nennt.

Ich konzentriere mich hier auf die Theorie der Kausalität: Lowe ist seit längerer Zeit als Verfechter einer Ontologie der Substanzen und ihrer causal powers bekannt. Eine solche Ontologie hat sich in Metaphysik und Wissenschaftstheorie als fruchtbar erwiesen; Lowe weist nun darauf hin, dass diese Ontologie es sinnvoll macht, die Orthodoxie des Ereigniskausalismus umfassend in Frage zu stellen. Dieser beruht Lowe zufolge nämlich auf einem regelrechten Kategorienfehler: „Strictly speaking, an event cannot do anything and so cannot cause anything. [...] [A]n example of [...] a blatant category mistake [...] is [...] provided by the statement, [...] ‘Your collision with the car injured you’. Here I want to protest that it was the car that injured me, by colliding with me. After all, only the car – not the collision – had the right sorts of properties to cause me injury, being massive, rigid and fast.” (S. 4)

In einer Ontologie der kausalen Kräfte gilt, so scheint Lowe zu behaupten: Wo verursacht wird, werden solche Kräfte ausgeübt. Die ontologisch basalen Ursachen allen Geschehens sind daher, so scheint der Schluss weiter zu lauten, die Ausübenden, d. h. individuelle Substanzen. Lowe bezeichnet dieses allgemeine Kausalitätsmodell mitunter als Modell der agent causation, wobei er unbelebte Substanzen zu den kausalen Akteuren rechnet. Meist jedoch spricht er weniger irreführend von substance causation. Freilich betont er, anders als klassische Akteurskausalisten, dass es immer doings von Substanzen, also Ereignisse seien, in denen sich die kausalen Kräfte der ersteren manifestieren. Daher gibt es in Lowes bevorzugter Formalisierung von Kausalaussagen auch einen Ort für Ereignisse: „Some agent, A, by acting in a c-type manner, caused e“ (4). Eine Aussage, die die metaphysischen Verhältnisse getreu wiedergibt, wäre daher: „Die Bombe verursacht den Zusammenbruch der Brücke, indem sie explodiert.“

Diese Konzeption einer durch Ereignisse realisierten Substanzkausalität vermeidet viele bekannte Schwächen des Akteurskausalismus, und sie entspricht einer Metaphysik, die sich wachsender Beliebtheit erfreut. Gleichwohl ist Lowes Argumentation nicht zwingend. Selbst wenn Substanzen die Träger kausaler Kräfte sind und Verursachung in deren Realisierung besteht, scheint es uns immer noch frei zu stehen, ob wir die Träger der Kräfte (etwa: die Bombe), oder die aktivierenden Bedingungen (das Anzünden der Lunte) oder die Realisierungen der Kräfte selbst (die Explosion) als Ursachen im metaphysisch primären Sinne verstehen. Der Schluss von Kausalkräften auf die Ausübenden könnte vor allem linguistischen Konnotationen des Ausdrucks „Kräfte“ geschuldet sein. Und Lowes Hinweis, dass causing ein doing sei, erscheint geradezu als petitiös. Ereigniskausalisten behaupten gerade, dass „verursacht“ kein weiteres Geschehnis ausdrückt, sondern eine Relation zwischen Ereignissen.

Lowe gibt ein weiteres Argument für das Primat der Substanzkausalität (S. 133f), das jedoch ebenfalls nicht zwingend ist. In einer Weise, die an Kants Replik auf Hume gemahnt, wird argumentiert, dass wir als passive Wesen nicht in der Lage wären, kausale Verknüpfungen von akzidentellen Regularitäten zu unterscheiden; dazu müssten wir uns vielmehr unserer eigenen aktiven Wirksamkeit als Akteure bewusst sein. Dieses transzendentale Argument überzeugt nicht. Selbst wenn es irgendein Primat ‚kausaler Selbsterfahrung’ gibt – was zwingt uns zu dieser ontologischen Deutung derselben? Warum könnten wir unserer Aktivität nicht in Form der Ereigniskausalität innewerden? Sogar wenn es stimmt, dass wir uns primär als kausal effektive Substanzen erleben, dann ist das Argument diese (vermeintliche) Evidenz, nicht die transzendentalen Analyse.

Lowes Theorie der Substanzkausalität bedarf also weiterer argumentativer Stützung. Aber der Reiz des Buches liegt ohnehin vor allem in seinem Reichtum an Ideen und neuen Vorschlägen. Gerade in den Jahrtausende alten Debatten, die das Buch verhandelt, ist diese Stärke nicht gering zu schätzen. Da ist es nur ein geringer Schaden, dass nicht alle Argumente Lowes gleichermaßen zu überzeugen vermögen.


Empfohlene Zitierweise:
Tim Henning: [Rezension zu:] Lowe, E. Jonathan: Personal agency. The metaphysics of mind and action, New York 2008. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 11.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/38>

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