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Juli 2009, Bd. 2

Pleines, Jürgen E.: Glauben oder Wissen

Pleines, Jürgen E.: Glauben oder Wissen. Analyse eines Dilemmas (= Philosophische Texte und Studien), Hildesheim: Georg Olms Verlag 2008
ISBN-13: 978-3-487-13849-7, 286 S., EUR 48.00


Rezensiert von:
Dietrich Schotte, Universität Marburg, Institut für Philosophie
E-Mail: schotted@staff.uni-marburg.de

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Nicht zuletzt dank Jürgen Habermas’ Friedenspreisrede wird wieder über das Verhältnis von Glauben und Wissen gestritten, wobei beide Begriffe zumeist als Stellvertreter dienen für bestimmte Institutionen oder Praxen, wie etwa Religion und Wissenschaft. Gerade aufgrund dieser Stellvertreter-Funktion oszillieren die Nuancen, Perspektiven und Argumente in den entsprechenden Diskussionen nicht selten zwischen verschiedenen Diskursebenen und –bereichen. Allein schon vor diesem Hintergrund erscheint es als ebenso wünschenswert wie nützlich, eine differenzierende Begriffsanalyse vorzunehmen – eben dies hat Jürgen-Eckardt Pleines sich in seinem Buch „Glauben oder Wissen. Analyse eines Dilemmas“ zur Aufgabe gemacht.

Dabei positioniert sich Pleines bereits in dem einleitenden Text („Zur Einführung“, S. 7 – 25) in doppelter Weise: Erstens weist er die Vernunftkritik aus der religiösen Perspektive, exemplifiziert am Beispiel Pauli (etwa Phil 4.7), zurück, aus deren Perspektive „Weisheit […] unmittelbar zur Gottesfurcht“ werde (S. 13). Es kann nach Pleines nicht um individuelle Bekenntnisse und deren Inhalt zu tun sein, wenn man sich philosophisch mit dem Begriff des Glaubens befasst, vielmehr muss geklärt werden, in welchem Rahmen man – intersubjektiv plausibel – davon reden könne, dass man etwas Bestimmtes glaube. Daher gehe es nicht um den religiösen Glauben, sondern um Glauben als Fürwahrhalten. Zweitens, und darauf verweist die gerade angeführte Engführung von Glauben als Fürwahrhalten bereits, stellt sich Pleines selbstbewusst in die Tradition der „Philosophie des deutschen Idealismus, die in mancherlei Hinsicht immer noch richtungsweisend und hilfreich bei dem Versuch sein kann, die eigene Zeit in Gedanken zu fassen“ (S. 23).

Bevor sich Pleines dem genuinen Gegenstand des ersten Teils („Glauben und Fürwahrhalten“, S. 25 – 122) zuwendet, grenzt er sich in dem „Vorüberlegungen“ betitelten ersten Abschnitt desselben zuvorderst von der christlich-religiösen Deutung von Glauben als Vertrauen auf Gott ab, weil dieser „religiöse Irrationalismus“ das Glauben nicht als „Moment des Wissens“ sieht (S. 25)[1]. Anschließend entwickelt er Glauben anhand des griechischen Begriffs der doxa, so dass es einen Grad von Fürwahrhalten bezeichnet, den die Ermangelung letzter oder wenigstens Gewissheit verschaffender Gründe auszeichnet. Wir glauben also, „insofern wir etwas für wahr halten, das seinen vernünftigen Beweis noch schuldig ist“ (S. 42). Dann gilt aber auch: „Deshalb ist das ‚für wahr Gehaltene’ nicht beliebig, denn es sprechen für dessen Annahme gute Gründe“ (ebd.). Das Projekt, auf die Bedingungen der Möglichkeit eines solchen Glaubens, auf seine Grenzen, etc. zu reflektieren, ist nach Pleines die Metaphysik, die er – so scheint es – irgendwo zwischen Platon / Aristoteles und Kant / Hegel verortet (S. 56f., 115f.). Mehr als eine ‚scheinbare’ Bestimmung lässt sich vor allem deswegen nicht erreichen, weil Pleines im ersten wie auch in den folgenden Teilen den Argumentationsgang als eine quasi-historische Erzählung aufbaut (vgl. etwa 84ff.), der allerdings die pointierte und klare Explikation zentraler Begriffe und Ergebnisse ebenso abgeht wie eine Einordnung dieses Tuns: Soll es eine Genealogie oder gar eine historisch angemessene Beschreibung sein? Dafür wären in jedem Falle die unklaren Verweise und dunklen Andeutungen ungeeignet, zumal in diesem Fall eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand der jeweiligen ideengeschichtlichen Diskurse wohl die unumgängliche Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens wäre. Als Kernthese des ersten Teils bleibt: Glauben kann vernünftigerweise nur meinen, einen zukünftigen („diesseitigen“!) Sachverhalt begründet für wahr zu halten, ohne einen schlüssigen Beweis führen zu können.

Von dieser Grundlage aus untersucht Pleines im zweiten Teil dann das Verhältnis von „Glauben und praktischer Vernunft“ (S. 122 – 185). Dabei bezieht er sich auf Kants moralischen Gottes“beweis“ (vgl. S. 132), der dem „Vernunftbegriff“ Gott einen „reinen Funktionscharakter“ zuweise (S. 140). Allerdings wäre es gerade dann nötig, diese Deutung des Gottesbegriffs kritisch zu hinterfragen vor dem Hintergrund religiöser Praxis, zumal Pleines Kants Begriff des Fürwahrhaltens als „Einschätzung des religiösen Glaubens“ (unkommentiert) zur Grundlage weiterer Überlegungen macht. Zwar finden sich immer wieder Passagen, die eine kritische Distanz zur religiösen Praxis und damit ein Problembewusstsein bezüglich der Unterscheidung von religiösem Glauben und Fürwahrhalten nahelegen (etwa S. 122, 152f., u.ö.), diese werden allerdings flankiert von eher affirmativ-hegelianischen Darstellungen, nach denen die Religion und Theologie „insgesamt als Momente einer Philosophie des Geistes zu betrachten und entsprechend ihrer welthaften Bedeutung gedanklich einzuordnen“ seien (S. 167). Wie überhaupt bei den (zahlreichen), nicht selten mit unkommentierten Originalzitaten versehenen Passagen, in denen Pleines Hegel referiert, fehlt gerade hier die systematische Explikation von Argumenten und Begriffen. Gerade für nicht Eingeweihte wäre eine ‚Übersetzung’ von Hegels Gedanken sinnvoll, um den Gedankengang des Autors nachvollziehen zu können, der auf diese Weise ebenso dunkel bleibt wie der seiner Referenzgröße. Zumal in neuerer Zeit durchaus diskussionswürdige Angebote zu einer unprätentiösen Hegellesart vorliegen [2]. Dass dann noch Rudolf Bultmann und Ernst Fuchs als die „Hermeneuten unter den heutigen Theologen“ bezeichnet werden, ist zwar skurril, bestärkt aber den ohnehin sich aufdrängenden Eindruck, dass der Autor aktuellen Diskussionen eher fernzubleiben gedenkt – oder sie vielleicht einfach für nicht satisfaktionsfähig erachtet (DAS hätte er aber gerne begründen dürfen). So bleibt beim Leser nur der Eindruck, dass man viel spekulative Geschichtsschreibung und viel unverdauten Hegel präsentiert bekommen hat mit dem recht mageren Ergebnis, dass „Glauben“ – religiös und sonst – eine bestimmte Haltung bezeichne: Sich auf die ungewisse Zukunft einzulassen, weil man gute Gründe zu haben meint, auf ein Gelingen der Handlung zu hoffen.

Im Grunde ist diese Bestimmung des Glaubens dann auch der Kern des dritten Teils („Vernunftglauben“, S. 185 – 260) und des „Epilogs“ (S. 260 – 277). Systematisch fügt Pleines seiner These nichts Substantielles mehr hinzu, allerdings garniert er sie mit kritischen Diskussionen einzelner Aspekte v. a. der christlichen Religion, hier die bereits in der „Einführung“ betonte Ablehnung paulinischer Gedanken noch einmal betonend (vgl. etwa S. 206ff.). Am Ende bleibt in jedem Falle der Eindruck, dass die Kernthese Pleines’, man solle sich vom christlichen Glaubensbegriff und Weltbild zugunsten eine eher aristotelischen Haltung verabschieden, besser in einem systematisch prägnanten Aufsatz aufgehoben gewesen wäre.

Abschließend ist es wohl noch Pflicht des Rezensenten, auf formale Mängel hinzuweisen. Dass Original-Hervorhebungen in den Zitaten bisweilen nicht wiedergegeben werden ist weniger unsauber als vielmehr ärgerlich. Selbiges gilt für die Eigenart, Hegel schlicht nach den Werken, d.h. unter Angabe von Band und Seitenzahl zu zitieren. Es dürfte (und sollte) den Leser interessieren, welches Argument aus welchem Werk entnommen wird (vor allem, wenn man Monographien und Vorlesungsmitschriften [!] munter mischt). Schlicht und ergreifend peinlich ist es, wenn im Jahre 2008 noch Nietzsches Buch „Der Wille zur Macht“ zitiert wird (S. 78, Anm. 149). Überhaupt: Die Zitation ist uneinheitlich und die verwendeten Siglen sind teilweise im Literaturverzeichnis nicht ausgewiesen, wobei Letzteres unvollständig ist [3]. Daneben fallen Kleinigkeiten, wie die Übersetzung von Einbildungskraft mit „imago“ (S. 233) im Grunde kaum noch ins Gewicht, wenngleich auch sie das Attribut ‚ärgerlich’ verdienen.

Sowohl formal als auch inhaltlich wäre dem Band ein aufmerksamer Lektor zu wünschen gewesen. Die erhoffte Klärung des Dilemmas „Glauben oder Wissen“ jedenfalls gelingt höchstens im Ansatz.

Anmerkungen:
[1] Hier ist eine Anmerkung erforderlich: DER Glauben bezeichnet nach Pleines religiöse Glaubenssysteme und Weltanschauungen, DAS Glauben hingegen ein Moment „im Vollzug des Redens, des Denkens und des Handelns“ (S. 25).
[2] Vgl. etwa als Überblick die Aufsätze in Halbig, Christoph; Quante, Michael; Siep, Ludwig (Hrsg.): Hegels Erbe, Frankfurt am Main 2004.
[3] So wird Euripides zitiert (S. 128, Anm. 246), fehlt aber im Literaturverzeichnis.


Empfohlene Zitierweise:
Dietrich Schotte: [Rezension zu:] Pleines, Jürgen E.: Glauben oder Wissen. Analyse eines Dilemmas (= Philosophische Texte und Studien), Hildesheim 2008. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 30.07.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/43>

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