Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschliche
Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009
ISBN-13: 978-3-518-58505-4, 350 S., ca. sfr 42.50
Rezensiert von:
Hannelore Bublitz, Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften
E-Mail: bublitz@zitmail.upb.de
Bei dem vorliegenden Band handelt es sich fast durchweg um Beiträge zu Geschlecht und Sexualität, die zwischen 2000 und 2004 schon an anderer Stelle, zum Teil in einer anderen Fassung, veröffentlicht wurden.
Gegenstand der vielschichtigen Beiträge sind Geschlechternormen und ihre regulierende Funktion. Wie schon in früheren Schriften geht es Butler dabei um zwei Dinge: Zum einen um die Macht der Norm, die sich im wiederholten Vollzug selbst erzeugt und damit Realitäten schafft. Zum anderen stellt Butler die Frage nach den Grenzen dieser im Voraus festgelegten Norm. Ihr Anliegen kreist um das Problem, wie man jemand gerecht wird, der nicht hineinpasst in die idealisierten Dimensionen des Geschlechts. Es geht um die Bedingungen der Konstitution des Individuums als unterworfenes Subjekt, aber auch um die Möglichkeiten seiner „Entunterwerfung“, wie Butler im Anschluss an Foucault die Möglichkeit der kritischen Distanz zu Normen, zu dem, was „im gegebenen Wahrheitsregime nicht vorgesehen ist“ (S. 98), nennt. Die verschiedenen Beiträge konzentrieren sich also auf die Frage, „was es bedeuten könnte, restriktiv normative Konzeptionen des von Sexualität und Gender bestimmten Lebens aufzulösen“ (S. 9). Sie sind von dem Versuch geleitet, „die Gender- und Sexualitätsproblematik auf die Aufgaben des Weiterlebens und Überlebens zu beziehen“ (S. 13).
Butlers Ausführungen thematisieren die Abhängigkeit des einzelnen Individuums von der Sozialität. Sie kreisen um die Frage, was ein menschliches Leben ist und „wie das Menschliche produziert, reproduziert und deproduziert wird“ (64). Dabei geht es insbesondere um jene Normen und Praktiken, die Voraussetzung des Menschlichen bilden und „ohne die wir das Menschliche überhaupt nicht denken können“ (S. 97). Die Norm erscheint als dasjenige, das soziale Subjekte in ihrem Dasein erst einsetzt, zugleich bildet sie aber auch dasjenige regulierende Moment, das Subjekte in ihrem menschlichen Sein stark eingrenzt. Dies ist ablesbar an den Effekten, die die Norm hervorbringt. Gender erscheint so als „Apparat, durch den die Produktion und Normalisierung des Männlichen und Weiblichen von statten geht“ (S. 74), der es vielen aber unmöglich macht, ein menschliches Leben zu führen. Die Beiträge machen aus unterschiedlichen Perspektiven deutlich: Die Norm, die einerseits das menschliche Dasein in der Sozialität erst stiftet, und die damit ein konstitutives Moment der Subjektivierung ausmacht, bildet zugleich eine das individuelle Sein reg-lementierende Begrenzung. In Auseinandersetzung mit Normen, die Butler als implizite Standards der Normalisierung betrachtet, richten sich Butlers Überlegungen, wie in ihren vorherigen Schriften, auf diejenigen Formen, mit denen Normen eingesetzt, vor allem aber auch untergraben werden können. Die Frage, die hier gestellt wird, ist die nach den Abweichungen, die den regulatorischen Prozess unterbrechen können.
In dem Beitrag „Jemandem gerecht werden“ (S, 97ff.), der sich mit der chirurgischen Korrektur intersexueller Kinder befasst, stellt Butler anhand der Geschichte von Brenda/David, die Frage, was als kohärentes Geschlecht gilt, wer als Person zählt und was es heißt, die Geschlechternorm dadurch in Frage zu stellen, dass man sich zwar zu ihr in Beziehung setzt, sich aber nicht an ihre Anforderungen hält und ihre Grenzen überschreitet. An diesem ‚Fall’ wird die Möglichkeit, aber auch die Grenze, das eigene Mensch-Sein jenseits des Zugriffs der Norm zu etablieren, sehr deutlich: David, in frühester Kindheit zwangsweise in den Geschlechterapparat als Brenda eingeordnet und erzogen, befindet sich, indem er die Norm – der kohärenten Männlichkeit ebenso wie die der Weiblichkeit – zurückweist und auf sich selbst verweist, also auf einem eigenen Sein beharrt, auf der Grenze zwischen Norm und eigenem Wert, in einem Zwischenbereich, der sich nicht benennen lässt:
„Das heißt, er ist nicht eins geworden mit der Norm und ist dennoch jemand, der spricht, der beharrt und sogar auf sich selbst verweist. Und aus genau dieser Lücke, dieser Deckungsungleichheit zwischen der Norm, die eigentlich sein Mensch-Sein stiften soll, und dem unausgesprochenen Insistieren auf sich selbst, das er vorführt, leitet er seinen Wert ab und spricht seinen Wert aus. (…) Das bedeutet, gerade indem er nicht vollständig erkennbar, nicht völlig verfügbar und kategorisierbar ist, entsteht sein Mensch-Sein“ (S. 119).
Der Band versammelt einige der jüngsten Arbeiten, in denen sich Butler die Frage stellt, „was es bedeuten könnte, restriktiv normative Konzeptionen des von Sexualität und Gender bestimmten Lebens aufzulösen“ (S. 9). Es geht um die Beanspruchung körperlicher Autonomie, auch wenn und gerade weil der Körper unweigerlich bedeutet, „anderen ausgeliefert zu sein“ (S. 40). Dies gilt ebenso für Forderungen nach sexueller und reproduktiver Freiheit, nach Selbstbestimmung des Geschlechts. Damit verbunden ist die Forderung nach der „Entdiagnostizierung von Gender“ (S. 123ff.) und die Befreiung von jeder Form der Diskriminierung und Pathologisierung der Geschlechtsidentität.
Der Band verbindet theoretische Analysen mit praktischen Fragen nach politischen Bündnissen. So thematisiert Butler (in der Einleitung mit der Überschrift „gemeinsam handeln“) die Notwendigkeit der Entspannung des Verhältnisses von Feminismus, Queer-Theorie und Transgender-, Intersex- und Transsexuellen-Bewegung. In ihrem Beitrag „Das Ende der Geschlechterdifferenz“ erscheint Gender als „Schauplatz verschiedenster Interessenkonflikte“ (S. 296), die Geschlechterdifferenz als unausweichlicher Hintergrund für die „Möglichkeit des Denkens, der Sprache und der Existenz der Körper in der Welt“ (S. 284). Mehr denn je thematisiert Butler das Verhältnis von (akademischer) Theorie und politischer Praxis. Sie stellt die „Frage nach der sozialen Veränderung“ (S. 325ff.) und Erneuerung der Geschlechterbeziehungen, wobei sie davon ausgeht, „dass Theorie selbst verändernd wirkt“ (S. 325), gleichzeitig aber deutlich macht, dass sich Theorie, um verändernd zu wirken, gesellschaftlich und politisch einmischen muss. Auch erörtert Butler die Verortung ihrer eigenen feministischen Position in und/oder außerhalb der akademischen Institution der Philosophie und fragt sich, ob die Philosophie sich in den Humanwissenschaften nicht verdoppelt habe und sich damit selbst zum „Anderen“ geworden sei. Ihre Überlegungen münden in der Überlegung, ob die Philosophie sich möglicherweise nicht eher „als ein Strang unter vielen im Gewebe der Kultur“ (S. 393) wiederfinde als in der institutionalisierten Philosophie. Damit verrückt, ja, dezentriert sie die Philosophie ein Stück weit.
Die Beiträge verschränken sich in der Infragestellung gewohnter Konzepte von Identitäts- und Körperpolitik mit der rhetorischen und politisch brisanten Frage, welche Art von Leben als ‚rechtmäßig’ zu betrachten ist und welche nicht. Butler schließt Überlegungen über prekäre Lebensbedingungen bestimmter Teile der Bevölkerung an Bündnisfragen politischer Praxis an und situiert diese in den Kontext ihrer theoretischen Analyse(n). Damit gelingt es ihr, auch ‚das politische Subjekt’ als mehrschichtiges, als aktive und veränderliche Größe zu denken. Ich halte den Band für eine weiterführende Auswahl und gelungene Zusammenstellung körperlich und sprachlich orchestrierter Aspekte der Geschlechterproblematik.
Empfohlene Zitierweise:
Hannelore Bublitz: [Rezension zu:] Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2009. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 10.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/54>
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