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Juli 2009, Bd. 2

Münker, Stefan (Hrsg.): Was ist ein Medium?

Münker, Stefan (Hrsg.): Was ist ein Medium?, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
ISBN-10: 3-518-29487-3, 341 S.


Rezensiert von:
Albert Kümmel-Schnur, Universität Konstanz
E-Mail: Albert.Kuemmel@uni-konstanz.de

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Stefan Münker/Alexander Roesler (Hg.), Was ist ein Medium?, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008, 341 Seiten, ISBN 978-3-518-29487-1, 13 Euro.

2007 forderte der Wissenschaftsrat die medienwissenschaftlichen Studiengänge Deutschlands zur Disziplinierung auf. Diese Forderung basierte auf der Diagnose, der Medienwissenschaft mangele es an Verständigung auf einen einheitlichen Gegenstand. Ganz gleich, ob sie den Therapievorschlag des Wissenschaftsrates teilen oder nicht, werden die meisten Medienwissenschaftler/innen dieser Diagnose ohne Zögern zustimmen können.

Der vorliegende Band reiht sich dementsprechend in eine Reihe von Versuchen ein, den Gegenstandsbereich medienwissenschaftlicher Untersuchungen klarer zu bestimmen. Er geht auf eine im Dezember 2005 am Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar durchgeführte interdisziplinäre Tagung zurück, verfügt aber über eine erheblich erweiterte Beitragsliste. Es ist den Herausgebern gelungen, einen prominent besetzten, repräsentativen Querschnitt unterschiedlicher Positionen der Mediendebatte zusammenzustellen. Dabei gehen die meisten Autor/inn/en von einer im Begriff des Mediums selbst begründeten Krise aus. Alle drei möglichen Reaktionen auf diesen Befund sind in der Aufsatzsammlung vertreten: die historisierende Entfaltung des Begriffs, die dezisionistische Entscheidung für einen bestimmten Medienbegriff, aber auch das fröhliche Weitermachen angesichts der unauflösbaren Aporien.

Die Strategie der Mehrheit der Aufsätze dieses Bandes ist, die Unübersichtlichkeit der Lage festzustellen, einen Ordnungsvorschlag zu machen und diesen auf einen übergreifenden Begriff hin zu perspektivieren. Dieses Vorgehen ist notwendigerweise mit dem Fluch jeder Ektropie belastet: jeder Versuch, das Chaos zu ordnen, stiftet mehr Unordnung, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Jeder neue Medienbegriff ist m.a.W. auch nur ein weiterer Medienbegriff. Einen Ausweg aus dieser Lage bietet nur der Wechsel der Beobachtungsebene durch Historisierung oder Distanzierung.

Sinnvoller Weise beginnt der Band mit begriffshistorischen Überlegungen von Wolfgang Hagen. Sie zeigen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ‚Medium’ zu einem ebenso zentralen wie problematischen Begriff avancierte. Hagen sieht den Grund, kurz gesagt, in der fehlerhaften Aristoteles-Übersetzung von Thomas von Aquin. Wo Aristoteles von einem für jede Wahrnehmung konstitutiven Zwischenraum, der aber nicht weiter ontologisiert werde, gesprochen habe, setze Thomas von Aquin eine Substanz, die Wahrnehmung ermögliche: das Medium. Diese Ontologisierung führe über literarische Romantik und Ätherdiskurs „zielgenau in die Fänge jener Verstärkungs- und Entmischungs-Apparaturen Telegrafie, Radio und Film.“ (S. 15) Genau zu diesem historischen Zeitpunkt entfalte das Erbe christlicher Metaphysik sein größtes zerstörerisches Potential: der Begriff wird unangemessen verwendet, seine Semantik wird gedehnt, Technik, Spiritismus und Psychologie beziehen sich mit demselben Begriff auf unterschiedliche Sachverhalte.

Auch Stefan Rieger entscheidet sich für eine Beobachtung zweiter Ordnung. Statt den Begriff an seine einfachen Anfänge zurückzuführen, geht er von der unüberschaubaren Vielfalt seiner gegenwärtigen Verwendungen aus. Wenn es ohnehin uneindeutig bleibe, was ein Medium sei, könne man auch den Frosch als ein solches betrachten, genauerhin den Frosch als Protagonist und Opfer physiologischer Versuche des 19. Jahrhunderts. Das Plädoyer Riegers ist, sich von Großkonzepten wie ‚Medium’ nicht den Blick auf die historisch je besondere Situation und ihre Detailanalyse verstellen zu lassen. Seine Antwort auf die Frage, was ein Medium sei, lautet deshalb: „Kommt ganz auf die konkreten Umstände an.“

Die mittlere Position zwischen den gerade vorgestellten Extremen wird am klarsten von Siegfried J. Schmidt vertreten. Sein Aufsatz stellt einen sog. „Medienkompaktbegriff“ (S. 144) vor, der möglichst viele Aspekte der aktuellen Medientheoriedebatte zu synthetisieren versucht. Der auf traditionelle Massenmedien wie Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen bezogene Medienkompaktbegriff denkt Medien prozessual als Verknüpfung von Kommunikationen und Handlungen. Er geht von Zeichen aus, die als Kommunikationsinstrumente begriffen werden, und entfaltet sich über deren technische Zurichtung und soziale Institutionalisierung zum eigentlichen Medienangebot. Das ist plausibel und durchaus kompakt, wenn auch eher eine Systematik zur Analyse von Mediensystemen als ein Begriff. Allerdings wird das von Schmidt vorgeschlagene Vorgehen weder Systemtheoretiker, die Medien als bloße Möglichkeitsbedingungen von Formen auffassen, noch Hardware-Theoretiker, die Medien von ihrer physischen Basis her denken, überzeugen.

Beide Positionen finden sich ebenfalls in dem Band: Elena Esposito warnt vor Externalisierung (z.B. Medium als Kanal) und rät zu einer systemtheoretischen Abstraktion, die Luhmanns Thesen aufnimmt und präzisiert. Die zentrale These Espositos ist, dass Medien Wirklichkeit in Möglichkeit umwandeln. Diese These spielt sie am Beispiel des Geldes sehr elegant durch – ihre Betonung der Unabhängigkeit des Medialen von seiner Trägersubstanz macht ihre Überlegungen jedoch für große Teile der Medientheorie wenig anschlussfähig. Wolfgang Ernst beginnt seine Überlegungen strikt konträr zu jeder Abstraktion mit einem Hinweis auf die Elektronenröhre im Volksempfänger, die ein aufgestempeltes Hakenkreuz mit Reichsadler trägt. Sein recht mühsam zu lesender Text versucht im Begriff der Technologie die Prozessualität medialer Techniken zu erfassen. Dieses Mediendenken ist auf eine und nur eine Maschine hin optimiert: den Computer. Er ist Ziel, Erfüllung und Ende einer Medienwissenschaft, die strikt bemüht ist, jede Verbindung zu Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften radikal zu kappen, um sich den Ingenieurs- und Naturwissenschaften anzudienen. Es sei dahingestellt, ob diese Wissenschaften auf eine Unterstützung durch die Medienwissenschaft gewartet haben.

Es wirkt wie eine Reaktion auf diese Kommunikationsverweigerung, wenn Hartmut Winklers unmittelbar auf Wolfgang Ernsts Text folgende Überlegungen die Unerlässlichkeit einer „semiotische(n) Dimension für eine Definition der Medien“ (S. 211) betont. Winkler vertritt offensiv eine recht grobe Zwei-Welten-Theorie, die von ihrem Ergebnis her – Medien lösen harte Verbindungen (in der Realität) und schaffen Möglichkeiten (des Symbolischen) – Epositos Thesen nicht ganz unähnlich ist. Von Eposito wie vielen anderen der im Band vertretenen Positionen unterscheidet sich Winkler durch sein Votum für Medien als (materielle) Formen: als Beispiel dient ihm die Bühnenrampe, die als Medium den Zuschauerraum von der Bühne, dem Ort symbolischer Interaktion trenne.

Die weitaus meisten Beitragenden würden hier eher der von Fritz Heiders berühmtem Text „Ding und Medium“ (1927) gelegten Spur, die Medien als das Unterschwellige, im Vollzug gerade nicht Erkenn- oder Sichtbare deutet, folgen. Das gilt für Sybille Krämers pointierte Lektüren der Botenfigur genauso wie für Dieter Merschs „negative Medientheorie“ (S. 304). Auch Natascha Adamowskys Deutung spiritistischer Medialität als Modell von Medialität überhaupt bezieht sich, wiewohl spiritistische Medien sehr deutlich sichtbar sind, auf eine unerkennbare Mitte des Medienspektakels: etwas ‚Inkommensurables’ (S. 63).

Dirk Baecker gelingt es, der (scheinbar) unvermeidbaren Unerkennbarkeit des Mediums eine hohe theoretische Komplexität abzulauschen. Er schlägt vor, in Theorie und Begriff des Mediums müsste das Spiel von Figur und Grund thematisiert werden. Das Medium sollte man also weder als Figur noch als Grund auffassen, sondern als Bedingung der Möglichkeit einer Beobachtungstheorie innerhalb einer sich selbst beobachtenden Welt. Ob diese spannende These allerdings nicht ihrerseits zu komplex geraten ist, um konkrete Medienanalysen zu präzisieren oder zu ermöglichen, könnte nur seine praktische Erprobung zeigen.

Ich meine, dass nur eine konsequente Historisierung der gegenwärtigen Situation zu größerer Klarheit bei der Definition des zutiefst vagen Begriffs ‚Medium’ führt. Diese noch zu schreibende Geschichte müsste allerdings nicht nur den Begriff ‚Medium’ ableiten, sondern v.a. die sukzessiven Verschiebungen seines Einsatzes und insbesondere seine Institutionalisierung an den Universitäten im Laufe des 20. Jahrhunderts nachvollziehbar machen. Am Ende der Analyse stünde freilich kein neuer Medienbegriff – man könnte aber vielleicht klarer sagen, was eigentlich die Frage war, auf die das Chaos der heutigen Medienbegriffe antwortet. Und man verstünde vielleicht wieder deutlicher, welche Aufgaben Medientheorie heute zu bewältigen hat. „Was ist ein Medium?“ wäre, so gesehen, nicht die Frage, sondern selbst bereits eine Antwort, die nur die Form einer Frage angenommen hat.


Empfohlene Zitierweise:
Albert Kümmel-Schnur: [Rezension zu:] Münker, Stefan (Hrsg.): Was ist ein Medium?, Frankfurt am Main 2008. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 11.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/59>

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