Lévi-Strauss, Claude: Traurige Tropen
Lévi-Strauss, Claude: Traurige Tropen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
ISBN-13: 978-3-518-58511-5, 541 S., ca. sfr 61.50
Rezensiert von:
Ehler Voss, Universität Leipzig, Institut für Ethnologie
E-Mail: ehler.voss@uni-leipzig.de
„Davon überzeugt, daß eine Universitätslaufbahn mir nicht offenstünde, verlockte mich das Projekt, einmal ohne Vorbedacht zu schreiben und alles mitzuteilen, was mir durch den Kopf ging“, sagt Claude Lévi-Strauss rückblickend über die Entstehung seines 1955 erstmals erschienenen Buches Tristes Tropiques [1]. Zuvor war er zum zweiten Mal mit einer Bewerbung am Collège de France gescheitert. Die Heterogenität des Textes, eine in neun Teile und 40 Kapitel zergliederte Collage aus ironischem Reisebericht und intellektueller Autobiographie, poetischen Miniaturen und einfühlsamer Kommentierung von Wegbegleitern, ethnographischer Beschreibung und ethnologischer Analyse, philosophischer Reflexion und pessimistischer Kulturkritik, erschwert eine Einordnung des Buches in gängige Genrekategorien. Und doch hinderte dessen Veröffentlichung Lévi-Strauss nicht an einer wissenschaftlichen Karriere, machte ihn zudem weit über die Fachgrenze der Ethnologie hinaus berühmt, und die Traurigen Tropen wurden zu einem der bekanntesten Bücher eines Ethnologen. Trotz seiner ausdrücklichen Abkehr von der Philosophie und der Hinwendung zur Ethnographie, übte Lévi-Strauss starken Einfluss auf die Nachkriegsphilosophie vor allem in Frankreich aus, was den Wunsch einer explizit philosophischen Rezensionszeitschrift erklären mag, dieses vielkommentierte Buch anlässlich einer Sonderausgabe zu seinem hundertsten Geburtstag in Erinnerung zu rufen.
Die Traurigen Tropen durchzieht eine Auseinandersetzung mit dem klassischen Thema der Ethnologie: der Konfrontation mit dem Fremden und der Reflexion über sein Verhältnis zum Eigenen, begleitet von der Unsicherheit, ob sich im Versuch des Fremdverstehens nicht immer bloß das Eigene reproduziert. Mit der Reflexion über das Fremde und das Eigene geht auch bei Lévi-Strauss die ebenso klassische wie problematische, große und allzu grobe Teilung der Menschheit in the west and the rest einher, in Zivilisierte und Primitive, in eigenes Wir und fremdes Ihr. Dient der Kontakt mit dem Fremden den Einen als Vergewisserung der eigenen Überlegenheit, offenbart er den Anderen die eigene Unzulänglichkeit. Zum letzteren tendiert Lévi-Strauss, wenn er das Eigene als zerstörerisch erkennt. Das Fremde in seiner Ambivalenz aus Bedrohung gewohnter Ordnungen und der Verheißung möglicherweise besserer Ordnungen und Erfahrungsweisen ist für Lévi-Strauss selbst vor allem verlockend. Er hofft mit Rousseau, dem „ethnographischste[n] von allen Philosophen“ (S. 460), einen Zustand anzutreffen, der nicht utopischer Naturzustand ist, aber doch ein Zustand der „rechten Mitte“, ein zu heuristischen Zwecken postulierter Zustand, der in den Worten Rousseaus „nicht mehr existiert, vielleicht nie existiert hat und wahrscheinlich auch nie existieren wird und von dem wir dennoch richtige Vorstellungen haben müssen, um unseren gegenwärtigen Zustand beurteilen zu können“ (S. 462f.). Auch wenn den Fremden im Gegenzug die fremde Zivilisation mitunter ebenfalls verlockend vorzukommen scheint, etwa wenn die Tupi-Kawahib (einer der vier von ihm zwischen 1934 und 1938 besuchten Ethnien im Inneren Brasiliens, denen er jeweils einen Teil des Buches widmet) beschließen, „endgültig ihr Dorf zu verlassen und sich der Zivilisation anzuschließen“ (S. 410), versteht Lévi-Strauss diesen Fremdkontakt der Fremden vor allem als existentielle Bedrohung, denn für ihn markiert er den Anfang vom Ende einer gesuchten Ursprünglichkeit. Gemeint ist nicht nur die Abholzung und Verschmutzung des Regenwaldes und die physische Ausrottung der Eingeborenen, sondern auch die Überführung der primitiven Kultur in eine weltweite zivilisierte Monokultur. Wo er auch hinkommt, wird seine Suche nach unberührten, „wirklichen Indianern“, wie er sie selbst in Anführungszeichen setzt, enttäuscht. Ob Blechbüchsen in den Hütten oder Häuptlinge in Schlafanzügen: die Zivilisation war fast immer schon vor ihm da. Wenn Lévi-Strauss später seine vierbändige Mythenanalyse Mythologica mit der Analyse einer Partitur vergleicht und dementsprechend gestaltet, so erinnern die Traurigen Tropen an ein Requiem für das todgeweihte Fremde.
Neben vielem Lob, das die Traurigen Tropen erfahren haben, wurde gegen sie auch immer wieder Einspruch erhoben. Jacques Derrida etwa entdeckt bei seiner Lévi-Strauss-Lektüre bekanntlich einen „Ethnozentrismus, der als Anti-Ethnozentrismus gedacht wird“ [2]. Dabei bezieht sich Derrida zu einem großen Teil auf das Kapitel „Schreibstunden“, in dem Lévi-Strauss u.a. beschreibt, wie er unter den Nambikwara Zettel und Bleistifte verteilt, obwohl er davon ausgeht, sie könnten nicht schreiben. Nach einiger Zeit beobachtet er, wie sie Wellenlinien auf den Zetteln anfertigen und erkennt darin eine Imitation seines eigenen Schreibens. Während die meisten damit nach kurzer Zeit wieder aufhören, unterhält sich der Häuptling mit Lévi-Strauss nur noch, indem er Linien zeichnet und von diesen abliest. Lévi-Strauss bewundert den Häuptling im weiteren Verlauf für dessen Erkennen der politischen, d.h. machtakkumulierenden Funktion der Schrift, was Lévi-Strauss jedoch zu einer allgemeinen Reflexion über die negativen Seiten von Schriftlichkeit veranlasst und er denjenigen Schläue zuspricht, die sich daraufhin von dem Häuptling abwenden. In dieser Szene deutet sich eine "inversive Ethnographie" an, die nicht nur das Beobachten, sondern auch das Beobachtetwerden thematisiert, welches zu einer Infragestellung des Eigenen aus der Perspektive des Anderen führen könnte und auf diese Weise das Eigene in einer Weise fremd erscheinen ließe, die über die Möglichkeiten einer Selbstreflexion hinausginge. Für Derrida bleibt Lévi-Strauss jedoch bei seiner Annährung an das Fremde im Eigenen gefangen, indem Derrida die Rede von schriftlosen Kulturen und die Bedrohung, die Lévi-Strauss im Kontakt der Nambikwara mit seiner Schrift sieht, auf eine lange abendländische Tradition zurückführt, in der die Vorgängigkeit von Oralität behauptet und die Schriftlichkeit als Supplement abgewertet wird.
Allerdings erweist sich die Vermutung, hinter der großen Menschheitsteilung in Zivilisierte und Primitive verberge sich bei Lévi-Strauss die klassische koloniale "Veranderung" mit den bekannten dichotomen Eigenschaftszuschreibungen literal versus oral, geschichtlich versus geschichtslos, komplex versus einfach usw., welche entweder koloniale Überheblichkeit zum Ausdruck bringt oder aber das Fremde unter umgekehrten Vorzeichen idealisiert, als zu einseitig. Mit einer solchen Lesart läuft man Gefahr zu übersehen, dass die dem Text innewohnende Ironie mehr ist als bloße Koketterie ebenso wie seine Äußerung, er wäre aufgrund der Strenge der Gattung, in der jedes Wort zur Handlung beitragen müsse, gerne Dramatiker geworden [3]. Denn die Traurigen Tropen scheinen mit mehr Bedacht geschrieben zu sein, als Lévi-Strauss’ einleitend zitierte Erinnerung vermuten lässt. So erkennt Erhard Schüttpelz vor dem Hintergrund zeitnaher Texte von Lévi-Strauss das Hantieren mit Dichotomien in den Traurigen Tropen (und damit auch mit der großen Menschheitsteilung sowie der Unterscheidung von Oralität und Literalität) als ein janusköpfiges Maskenspiel, das wie in weltweit verbreiteten Initiationsriten mit dichotomer Gruppenteilung gleichsam zweier gegenüberstehender Spiegel eine unendliche Wechselseitigkeit der Perspektiven erzeugt und die Zweischneidigkeit jeglicher Kategorien (und damit auch der Schriftlichkeit) vorführt [4]. Mit Bezug auf diese Interpretation wird auch von Iris Därmann Derridas Kommentar zu Lévi-Strauss hinterfragt, die Kontextlosigkeit seiner Interpretation kritisiert und u.a. die Frage gestellt, ob nicht Derridas Konzept der Ur-Schrift auf subtile Weise einer sich einem außereuropäischen Schriftsinn verschließenden Europäisierung aller Kulturen und Sprachen gleichkommt und ob daher der Vorwurf des Ethnozentrismus und der Unerschütterlichkeit gegenüber dem Fremden nicht an Derrida zurückgegeben werden müsste [5].
Befremdlich bleibt an den Traurigen Tropen die Vorstellung kultureller Reinheit, die sich etwa hinter den Metaphern der Jungfräulichkeit und des ersehnten Erstkontaktes zu erkennen gibt. Lévi-Strauss suggeriert in sich abgeschlossene Kulturen, die sich nur aus sich selbst heraus verändern können, ohne zerstört zu werden, denen Fremdes gewaltsam oktroyiert wird und in denen sich bei nachlassendem äußeren Druck die jeweils eigenen kulturellen Traditionen erneut Bahn brechen. Demgegenüber steht die heute verbreitetere Ansicht, dass Kultur vielmehr ursprünglich von Fremdheit durchsetzt ist. Fremdheit wird dann nicht mehr allein als bedrohliche Kontamination von reiner Eigenheit aufgefasst, sondern in der ständigen kreativen Aneignung von Fremdem die Grundvoraussetzung von Kultur und kultureller Dynamik gesehen. Dadurch erscheinen u.a. die Furcht vor einer Monokultur ebenso wie die Folgen von Interkulturalität in einem anderen und etwas weniger pessimistischem Licht als bei Lévi-Strauss.
Die Vielschichtigkeit der Traurigen Tropen machen diese, wie hier angedeutet, zu einem anhaltenden Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit der immer wieder neu zu stellenden Frage nach dem Verhältnis von Eigenem und Fremdem. Die gebundene Sonderausgabe - versehen mit den Fotos und Abbildungen der Originalausgabe sowie 40 Aneignungen in Form farbiger Gouachen von Mimmo Paladino - bietet dazu einen Anreiz mehr.
Anmerkungen
[1] Claude Lévi-Strauss und Didier Eribon, Das Nahe und das Ferne. Eine Autobiographie in Gesprächen, Frankfurt am Main 1989 [zuerst 1988], S. 90.
[2] Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main 1974 [zuerst 1967], S. 210.
[3] siehe Anm. 1, S. 136.
[4] Erhard Schüttpelz, Die Moderne im Spiegel des Primitiven. Weltliteratur und Ethnologie (1870-1960), München 2005, S. 251-288.
[5] Iris Därmann, Fremde Monde der Vernunft. Die ethnologische Provokation der Philosophie, München 2005, S. 641-671.
Empfohlene Zitierweise:
Ehler Voss: [Rezension zu:] Lévi-Strauss, Claude: Traurige Tropen, Frankfurt am Main 2008. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 11.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/63>
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