Druckansicht
Juli 2009, Bd. 2

Sarasin, Philipp: Darwin und Foucault

Sarasin, Philipp: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009
ISBN-13: 978-3-518-58522-1, 456 S., 24,80 Euro


Rezensiert von:
Hagen Schölzel, Universität Leipzig, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
E-Mail: schoelzel@uni-leipzig.de

Click to enlarge

Um es vorweg zu nehmen: Philipp Sarasin ist mit seinem Buch „Darwin und Foucault“ ein überzeugender Wurf gelungen, auch wenn er selbst die Ansprüche niedrig zu halten versucht. Ein Experiment soll es sein, der Versuch einer genealogischen Verkettung zweier Autoren, „die bei aller scheinbaren Verschiedenheit zuerst die ätzende Schärfe ihrer Dekonstruktionen gemeinsam haben“ (S. 9). Mit seinem Zugang erweist sich Sarasin einmal mehr als eigenwilliger Interpret Foucaults, von dem hier behauptet wird: „Foucault stammt von Darwin ab“ (ebd.). Ungeachtet der foucaultschen Perspektive erscheint das Buch in erster Linie als Beitrag zum Darwin-Jubiläum und soll, wohl jenseits aller erwartbaren Historienspektakel, das „intellektuelle Potenzial“ beider Autoren freilegen. „Gerade Darwin scheint angesichts der banalisierten und jedermann bekannten Binsenweisheiten von der ‚Evolution’ und vom ‚Überleben des Tüchtigsten’ kaum mehr wirklich gelesen zu werden“ (S. 11). Auf der anderen Seite hat die Sozial- und Kulturwissenschaft „unter dem Zeichen des siegreichen linguistic turn (...) jede Verbindung zwischen der Welt der Zeichen und jener der Natur aufgegeben“ (S. 109). Anhand seiner beiden Protagonisten verfolgt Sarasin angesichts dieser (sicher etwas überzeichneten) Diagnose ein doppeltes Ziel: er argumentiert gegen ein deterministisches Denken, das seines Erachtens als biologistische und kulturalistische Variante weite Bereiche heutiger Wissenschaft prägt.
Die Diskussion der beiden Autoren und ihrer Werke erfolgt in sich überkreuzenden Erzählungen und Lektüren, die immer anregend und kurzweilig bleiben, bisweilen sogar spannend werden. Sarasin beginnt mit Darwins Reisen, seiner Sammeltätigkeit und der Evolutionstheorie, diskutiert das genealogische Denken beider Protagonisten, präsentiert deren Diagramme als Visualisierungsformen von Serien, beharrt auf der produktiven Kraft von Ereignissen (auch zerstörerischen) und landet schließlich bei der Diskussion von Foucaults Haltung zur modernen Genetik und (im Anschluss an Foucault) einer Kritik an Judith Butlers Überdeterminierung biologischer Körper durch kulturelle Genderpraktiken.
In Bezug auf Darwin geht es Sarasin letztlich darum, eine im Allgemeinen nicht durchdringende Seite seiner Theorie stark zu machen, die den Evolutionsbiologen gleichwohl bekannt sein dürfte. Neben dem survival of the fittest, das gern als Kern der Evolutionstheorie dargestellt wird, existiert mit der sexual selection ein zweiter, als Zeichenprozess zu verstehender Selektionsmechanismus. Das survival of the fittest, aus dem der funktionalistische Kurzschluss abgeleitet wurde, einzig die am besten angepassten und tüchtigsten Individuen seien überlebensfähig, leistet nur einen Beitrag zur Erklärung des Überlebens oder vielleicht besser des Aussterbens von Lebewesen. Es sorgt für die Trennung der Arten, die angesichts einer vielfältigen Variabilität der Individuen, einem Ineinanderfließen von Varianten, sonst gar nicht als solche unterschieden werden könnten. Daneben spielt für die Entstehung der Arten im Sinne der breiten Variabilität ihrer Erscheinungen der im Kern kulturelle Prozess der sexual selection die größere Rolle. Es handelt sich um völlig kontingente Beziehungsspiele zwischen Lebewesen, um die Anerkennung kleinerer oder größerer Differenzen, die oft entgegen jeder funktionalen „Vernunft“ durch kontingente biochemische Ereignisse im Körper (Mutationen) entstehen, um die aus diesen Differenzen wachsende Kraft der Verführung, und damit nicht so sehr einen „Triebkampf“ (wie Petra Gehring in ihrer Rezension des Buches in der F.A.Z. vom 4. März 2009 meint), sondern eher – wenn man so will – Spieltrieb und Verführung. Oder mit den Worten Slavoj Žižeks: „Der Darwinismus präfiguriert (...) gewissermaßen eine Version der derridaschen différance (...): Kontingente und bedeutungslose genetische Veränderungen werden rückwirkend als für das Überleben günstige genutzt (...).“ [1]
In Bezug auf Foucault unternimmt Sarasin dagegen den Versuch, dessen Denken an Darwin bzw. an Erkenntnisse der modernen Genetik anzubinden. Das funktioniert nur durch, erstens, die mikroskopische Untersuchung einiger wenig bekannter Äußerungen des Autors über Darwin und die Evolution, zweitens durch die Konstruktion einer Verbindung über die Darwinrezeption Nietzsches als einer zentralen Referenz Foucaults sowie, drittens, der Rekonstruktion mehr oder weniger atmosphärischer, durch die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägter Rahmenbedingungen, unter denen sich Foucaults Denken entwickelte bzw. nach Sarasins Ansicht entwickelt haben dürfte. Ein wichtiger Bezugspunkt scheint zudem Judith Butler zu sein, die wohl als Zeuge einer kulturdeterministisch argumentierenden Foucaultrezeption herangezogen wird und damit gewissermaßen Antipode zu Sarasins Interpretation ist. Das ganze Unterfangen führt letztlich zu dem paradoxen Ergebnis, dass durch Sarasins Brille betrachtet „unsere beiden Autoren (...) jeweils das Gegenteil dessen sagen, was von ihnen erwartet wird und wofür sie vom Biologismus bzw. vom Kulturalismus üblicherweise als wirkmächtige Referenz, ja als heilige Namen angerufen werden“ (S. 424).
Die Ausführungen weisen aber über die auf die beiden Protagonisten bezogene Untersuchung hinaus auf allgemeine wissenschaftstheoretische Überlegungen. Bereits Darwin sah seine Evolutionsthese aus dieser Richtung stammenden Angriffen ausgesetzt. Seine Theorie beschreibe ein „law of higgledy-piggledy“, ein „Gesetz von Kraut und Rüben“ (S. 147), kritisierte der Philosoph John Herschel seinen Zeitgenossen Darwin. Für Sarasin ist dies „seither der Vorwurf der sciences gegenüber jeder historiographisch verfahrenden Epistemologie des Konkreten“ (S. 151). Die ähnlich gelagerten Kritiken am Vorgehen Foucaults sind hinlänglich bekannt. Die genealogisch verkettete Lektüre Darwins und Foucaults dient Sarasin vor diesem Hintergrund als langes Plädoyer für „die schiere Unmöglichkeit, die narrativ präsentierten genealogischen Reihen einem mathematischen Kalkül zu unterziehen“ (S. 148). Es gibt keine gesetzmäßig, berechenbar oder richtig verlaufende Geschichte, weder kulturell noch biologisch. Denn „(d)ie Kopien im Feld der Kultur variieren ebenso, wie die DNA im Feld des Biologischen spontan variiert“ (S. 424). Darwins Genealogie der biologischen Vielfalt wird also versuchsweise (und sicher ein bisschen „higgledy-piggledy“) mit einem genealogischen Denken von Subjekten und Gesellschaften verkettet, deren Erforschung Foucault entscheidend angestoßen hat. Mit diesem ernsthaften Experiment ist ein Feld potenzieller weiterer Erkundungen zumindest skizziert; dies dürfte für Gesprächsstoff sorgen.
Die antideterministische Bewegung hält Sarasin konsequent durch, was seinem Text eine ähnlich untergründige Wirkung verleiht, wie er sie für seine beiden Vorgänger konstatiert. „Was der Genealoge ins Säurebad seiner Kritik taucht, verliert sein prätendiertes Sosein und erweist sich als Zusammengesetztes, als Konstrukt, als Gewordenes“ (S. 416). Das mag auch für Darwin und Foucault gelten. Dass Sarasin manches an Darwins Theorie als kulturelles Spiegelbild des viktorianischen Zeitalters entschuldigt und ausblendet und sich seine Foucaultinterpretation wesentlich auf alles andere als einschlägige Texte des Autors stützt, stört (ihn) nicht weiter, bewegt er sich doch mit diesem geschärften Blick für Marginalien und Abseitiges exakt im methodischen Fahrwasser seiner beiden Helden. Der literarischen Qualität des Buchs tut dies jedenfalls keinen Abbruch. Sarasins Kritiker scheinen dafür weniger empfänglich. Während Petra Gehring in der F.A.Z. stichelt, „(w)omöglich also ist das Lösungsmittel, in welches die korrosiven Säuren – Darwin und Foucault – da geraten sind, noch ätzender als die beiden Säuren selbst“ (F.A.Z. vom 04. März 2009), polemisiert Jan Füchtjohann in der Süddeutschen Zeitung „(r)ührt man nämlich zwei korrosive Säuren unter Laborbedingungen zusammen, dann geschieht: nichts“ (Süddeutsche Zeitung vom 19. März 2009). Die Variabilität der Kritiken weist darauf hin, dass Sarasin genau am richtigen Ort gegraben haben könnte. Mit seiner ineinander verwobenen Darwin- und Foucaultlektüre entzieht er den Freunden eines biochemisch-genetisch determinierten Menschen konsequent jenen Boden unter den Füßen, auf den er in derselben Bewegung die Verfechter einer nur diskursiven Konstruiertheit der Welt zurückholen will. Entstanden ist eine elegante Skizze unseres in biologischen und kulturellen Genealogien verketteten Gewordenseins mit der Welt. Der darin liegende Sexappeal dürfte dem Buch ein Überleben über das Darwinjahr hinaus sichern.
Anmerkungen:
[1] Weiter schreibt Žižek: „Man kann also tatsächlich behaupten, dass der Darwinismus – natürlich in seiner wahren radikalen Dimension und nicht als vulgarisierter Evolutionismus – nicht nur die Teleologie oder göttliche Intervention in die Natur ‚dekonsturiert’, sondern den Begriff der Natur als einer stabilen Ordnung selbst – was das Schweigen der Dekonstruktion zum Darwinismus, das Fehlen dekonstruktivistischer Versuche, ihn sich ‚anzueignen’, um so rätselhafter macht.“ Vgl. Slavoj Žižek: Die gnadenlose Liebe, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2001, S. 43. (Für diesen Quellenhinweis danke ich Robert Feustel.)


Empfohlene Zitierweise:
Hagen Schölzel: [Rezension zu:] Sarasin, Philipp: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie, Frankfurt am Main 2009. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 09.02.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/86>

Creative Commons BY-NC-NDDiese Rezension ist veröffentlicht unter der Creative Commons BY-NC-ND-Lizenz. Wollen Sie einen Beitrag weitergehend nutzen, nehmen Sie bitte Kontakt mit der Autorin / dem Autor auf.