Pechmann, Alexander: Autonomie und Autorität
Pechmann, Alexander: Autonomie und Autorität. Studien zur Genese des europäischen Denkens (= Alber Philosophie), Freiburg [u.a.]: Karl Alber 2008
ISBN-13: 978-3-495-48302-2, 753 S.
Rezensiert von:
Lars Osterloh, Universität Leipzig, Institut für Philosophie
E-Mail: LarsOsterloh@web.de
Bei philosophischen Abhandlungen ist es sicherlich nicht die Regel, dass sie das Attribut „europäisch“ im Titel führen. Schließlich haben ihre Autoren ja, sofern sie sich nicht zum Relativismus bekennen, einen universalistischen Anspruch, derart, dass ihre für wahr befundenen Einsichten immer und überall wahr seien. So setzt sich von Pechmann mit seinem Titel prima facie der Gefahr aus, für einen Relativisten gehalten zu werden. Und in der Tat behandelt er das europäische Denken in Abgrenzung zum außereuropäischen. So entfaltet er die Problematik des Themas von dem Satz des Suquamish-Häuptlings Seattle an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, J.Q. Adams: „'Die Erde ist meine Mutter und die Tiere meine Brüder und Schwestern.'“ (S. 45) Dieser Satz scheint für Europäer unverständlich zu sein und daher kein Wissen auszudrücken. Allerdings droht zugleich eine Vereinnahmung der Philosophie durch Europäer, wenn er deren Denkweise für europäisch hält: „'Die Philosophie denkt europäisch' heißt [...], dass sie, indem sie europäische Denker thematisiert, selbst so denkt, wie die von ihr thematisierten Denker denken bzw. gedacht haben. [...] Indem sie die Gedanken dieser Denker ― über die Unterschiede hinweg ― zu ihren eigenen Gedanken macht, expliziert die Philosophie, was sie ist: europäisches Denken.“ (S. 24) Dies will von Pechmann aber nicht normativ verstanden wissen, so dass er dem Vorwurf des Eurozentrismus entgeht (vgl. S. 23). Durch die Deutung der Philosophie als spezifisch europäische Denkweise will von Pechmann vielmehr deren Identität von ihrem Ursprung an thematisieren. Darüber hinaus stellt er sich durch diese Behandlung der Philosophie in die Reihe europäischer Denker (wie jeder andere auf der Welt, der dies auch tut). Erst auf dieser Grundlage lässt sich sinnvoll von außereuropäischem Denken reden, mit der Konsequenz, sich diese Denkweisen gleichermaßen selbst erschließen zu müssen, um sie zu verstehen. Allerdings bezieht sich die Denkweise darauf, wie Wissen überhaupt zustande kommt. Somit ist sie, unabhängig von je konkreten (europäischen oder außereuropäischen) Gedachten, eine universell anwendbare Tätigkeit, die in Europa entstanden ist. Die Untersuchung der Genese dieses Denkens soll deren Ursprung und weitere Entwicklung darlegen, so dass aus der Kontinuität als Modifikation dieses Ursprungs in der Rezeption so etwas wie europäisches Denken festzustellen ist. Dieses Denken gründet nach von Pechmann in der griechischen Idee der Autonomie (v.a. bei Heraklit) und der römischen Idee der Autorität und wird anhand der für das Mittelalter, die Neuzeit sowie die Moderne grundlegenden Autoren Augustinus, Descartes und Kant als Konstitutivum europäischen Denkens dargestellt.
Ein Bezug zum o.g. Zitat des Häuptlings stellt sich nun dadurch her, dass das europäische Denken Wissen konstituiert. Denn ob der Häuptling europäisch denkt oder nicht, hängt davon ab, was für ihn als Wissen gilt. Dieses hat nach von Pechmann die Struktur eines „epistemischen Codes“ (bzw. „'Kategoriensystems'“, S. 47). Denn der je konkrete Code (vermutlich als oberster Grundsatz eines solchen Systems gedacht) ist ein Grundsatz mit der Verbindlichkeit eines Gesetzes und stellt das Kriterium für Wissen dar. Es ist eine „Tätigkeit, welche gegebene Aussagen oder Vorstellungen auf einen je vorhandenen 'epistemischen Code' bezieht und sie diesem Code gemäß als Repräsentanten von Wissen (bzw. Nichtwissen) beurteilt.“ (ebd.) Ein solcher Code wäre z.B. Heraklits „Satz vom Logos“ oder Descartes` Kriterium der Klarheit der Erkenntnis des cogito. Damit lässt sich das Befremdliche des Zitats, die Verwendung der Verwandtschaftsbezeichnungen, als Orientierung an einem fremden epistemischen Code einordnen, nach dem diese Aussage als Wissen gilt. Dieser Code wäre eben nicht der europäische.
Diese Antwort kann aber nicht befriedigen. Denn sie unterstellt, dass der Häuptling Wissen formulieren wollte und sich dabei auf einen epistemischen Code bezogen hat. Wäre dies der Fall, dann wäre er in formaler Hinsicht ein Denker in europäischer Tradition, aber nicht in inhaltlicher. Aber diese Unterscheidung macht von Pechmann nicht. Zwar geht es nicht um außereuropäische Denkweisen, aber mangels expliziter Abgrenzung von diesen läuft er Gefahr, europäische Denkmuster auf andere Kulturen zu projizieren. Dies stünde einem „Sinn der Arbeit“ (S. 714) entgegen, nämlich der „’Verabsolutierung’ der eigenen Tradition zum Paradigma des wissenschaftlichen Diskurses durch den distanzierten Nachvollzug zu widerstehen.“ (S. 715) Und zugleich würde dem Relativismus auf der inhaltlichen Ebene Tür und Tor geöffnet. Denn eine Koexistenz verschiedener Wissenssysteme würde Wissen von einer willkürlichen Auswahl von Grundsätzen abhängig machen.
Darüber hinaus gibt von Pechmann auch kein Kriterium für die Geltung epistemischer Codes als Wissen an. Er macht es sich nur zur Aufgabe, Epoche machende Codes in der europäischen Tradition hinsichtlich ihrer Entstehung zu rekonstruieren, d.h. „nur nach[zu]vollziehen, wie sie zu Wissen wurden“ (S. 44), sich aber jeglicher Beurteilung zu enthalten. Diese Rekonstruktion der Genese von Wissen versteht er als „Epistemologie“ (in der griechischen Bedeutung des Wortes επιστημη als Wissen, S. 42). Durch diese Betrachtung dessen, was je schon zu Wissen geworden ist, entsteht die Frage nach der Anerkennung der Geltung gar nicht, so dass konfligierende Wissensansprüche, auch in der diachronen Perspektive, nicht zu entscheiden sind. Hierzu wäre möglicher Weise auch ein eigener Code notwendig, der eigene Urteile ermöglichen würde. Doch von Pechmann vertritt gerade keinen eigenen Standpunkt, sondern will die Tradition des europäischen Denkens aus der Außenperspektive rekonstruieren. Sein Ort liegt „jenseits der Philosophie“ (S. 41). Zugleich bezieht er sich dabei auf die europäische Tradition dieses Standpunktes, nämlich im Anschluss an Adorno, Heidegger und auch Foucault (wenngleich auch in kritischer Abgrenzung). Einerseits handelt es sich also um europäisches Denken, andererseits ist es gemäß der obigen Bestimmung keines, weil es dieses Denken nur zum Gegenstand hat und nicht an dessen Weiterentwicklung teilnimmt. Seine Position ist die „epistemologische Meta-Ebene“ (S. 705), von dem aus von Pechmann den Wahrheitsanspruch des europäischen Denkens hinsichtlich der Entstehungsbedingungen untersuchen will.
Diese Abgrenzung zur urteilenden philosophischen Tradition hängt nun davon ab, ob die Darstellung der Genese nicht selbst einen Code darstellt, seine Epistemologie nicht einen genetischen Code enthält, der eigenen Geltungsbedingungen unterliegt und insofern an die eigene Lesart der Tradition anschließt. So greift von Pechmann auch auf diese Tradition und ihre Codes zurück, wenn er die Kriterien der Konsistenz (124, vgl. performativer Widerspruch S. 296f, 375), der Auflösung von Aporien (S. 130f, 201ff, 259, 381, 537 (als unauflösbare Aporie)), aber auch das παραδοξον, 147-150, 203, 432) sowie der Kohärenz (als Präsupposition für die These einer Tradition) heranzieht, um Wissensansprüche zu rekonstruieren (dies ist aufgrund der schlechten Quellenlage insbesondere bei den Fragmenten der Vorsokratiker unabdingbar). Und insbesondere die Vermeidung von Erklärungszirkeln ist ihm für die Begründung seines Ansatzes leitend (vgl. S. 43, S. 297, S. 462, S. 497, S. 507 Anm. 75, S. 517, 572, 603). Dieses sind aber wesentliche Merkmale europäischen Denkens, deren Geltung von Pechmann offensichtlich anerkennt und übernimmt. Zudem bezieht er seinen Standpunkt der Meta-Ebene selbst aus der Tradition (vgl. S. 109 u. S. 124). Daher bilden die Kriterien zusammen mit seinem umfangreichen Wissen von der europäischen Tradition, das in der These (oder den Grundsatz) mündet, dass die Entstehung von Autonomie und Autorität die grundlegenden Prinzipien für die europäischen Wissens-Codes darstellen, die Grundlage seiner Urteile, durch die man ihm die Autonomie europäischer epistemischer Gesetzgebung und Autorität in dieser Hinsicht zuschreiben kann. Denn auch die These der Genese eines Grundsatzes beansprucht Geltung.
Empfohlene Zitierweise:
Lars Osterloh: [Rezension zu:] Pechmann, Alexander: Autonomie und Autorität. Studien zur Genese des europäischen Denkens (= Alber Philosophie), Freiburg [u.a.] 2008. In: Kritikon, 10.07.2009. Abgerufen am 11.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200907/96>
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