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Dezember 2009, Bd. 2

Janich, Peter: Kein neues Menschenbild

Janich, Peter: Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung (= edition unseld), Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009
ISBN-13: 978-3-518-26021-0, 191 S., ca. sfr 18.00


Rezensiert von:
Kevin Dear
E-Mail: kevind@mail.uni-paderborn.de

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Der Dialog zwischen Hirnforschung und Philosophie hat bekanntermaßen seit Jahren die akademischen Flure verlassen und taucht in den unterschiedlichsten populärwissenschaftlichen Digital- und Printmedien auf. Das Problem liegt für Peter Janich darin, dass sich bisher durch eine begriffliche Unschärfe ein „Aufeinander-Einreden und Aneinander-Vorbeireden“ (S. 9) vor allem in der deutschsprachigen Debatte abgezeichnet hat. Janich bemüht sich in seinem neuen Buch um ein sprachkritisches Programm, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und mögliche Fehler kenntlich zu machen, die teilweise zu wirklichen Scheindebatten geführt haben. Der Titel seines Buches ist sicherlich als eine Replik auf den Anstoß Wolf Singers anzusehen[1], der stellvertretend für eine Gruppe von Forschern für die Revidierung unseres Menschenbildes durch die jüngsten Ergebnisse der Neurowissenschaften plädiert. Janich verkennt keineswegs die „große Fülle neuen empirischen Wissens“ (S. 179) der Hirnforschung, ihn interessiert aber vielmehr die Art und Weise, wie die Naturwissenschaft über ihre Gegenstände und ihre Methoden spricht. Daraus erwächst Janichs rekonstruktives sprachkritisches Programm, denn: „Sprachkritik ist die wichtigste Aufgabe, die die theoretische Philosophie heute übernehmen kann“ (S. 10).

Das Buch gliedert sich in 6 Kapitel, in denen der Autor nach einer kurzen Einleitung (S. 9-17) zunächst seine eigene Position in Bezug auf die Vernünftigkeit von Sprache, Diskurs und Wissenschaft klarmacht (Kap. 2; S. 18-39). Anschließend wird die „Sprache der Hirnforschung“ auf drei unterschiedlichen Ebenen vorgestellt und diskutiert. Diese sind die Objektsprache (Kap. 3; S. 40-89), die Parasprache (Kap. 4; S. 90-135) und die Metasprache (Kap. 5; S. 136-176). Das letzte Kapitel bildet ein „Fazit“ (S. 177-181), das die These, die im Titel des Buches steckt, nochmals unterstreicht.
Eine Besonderheit, auf die es hinzuweisen gilt, ist die ungewöhnliche Tatsache, dass bei wörtlichen Zitaten im Verlauf der Kapitel explizit nicht die Namen der zitierten Autoren genannt werden, höchstens die Zuordnung zur jeweiligen Fachwissenschaft (vgl. S. 16).

Die allgemeinen Probleme in der Hirnforschungsdebatte lassen sich – bevor es um die Analyse der Objektsprache geht – durch die sprachliche Rekonstruktion folgendermaßen kennzeichnen: oftmals werden, mit Hinweis auf Sprachregeln und Sprachnormierungen, terminologische Unklarheiten schon dadurch provoziert, dass eine missverständliche Verwendung von Versubstantivierungen wie „Wille“ (von „wollen“) oder „Freiheit“ (von „frei“) den Eindruck erweckt, die Objekte, um die es hier geht, seien eindeutig bestimmbar (S. 37f.). Hinzu komme die „sorglose Verwendung des bestimmten Artikels in der Hirnforschungsdebatte“ (S.38f.), sodass sowohl bei konkreten als auch abstrakten Begriffen wie „das“ Gehirn, „das“ Ich oder „das“ Bewusstsein ein Erklärungsnotstand die notwendige Folge ist.[2]

Das dritte Kapitel (S. 40-89) stellt dann die Auseinandersetzung damit, wie die Hirnforschung über die Gegenstände ihrer Wissenschaft spricht, dar. Dies ist die erste Sprachebene, die Janich interessiert und die dem Leser bereits einen Eindruck davon vermittelt, dass vermeintliche Selbstverständlichkeiten in naturwissenschaftlicher Theoriebildung in Wahrheit sprachliche – und dann auch methodische – Ungenauigkeiten enthalten. Die von Naturwissenschaftlern verwendete Fachsprache („Neuron“ ist z.B. ein objektsprachliches Wort) muss sich einer Kritik unterziehen lassen, die im Falle der Neurowissenschaften eine „Rekonstruktion des sprachlichen Zugangs zur Rede von Hirn und Gehirn“ zum Ziel hat (S. 45). Diese „Neurosprache“ hat ihre Wurzeln in vielen anderen Wissenschaften, etwa in der Chemie und Physik, aber auch in Medizin und Philosophie. Die von Janich oft kritisierte „Sprachvergessenheit“ der Neurowissenschaftler drückt sich in dem Vorwurf aus, dass die einzelnen Sprachebenen nicht eindeutig auseinandergehalten werden, ja, sich sogar vermischen (S.35). Oft würden metasprachliche Sätze (z.B. „A ist empirisch gut bestätigt“ oder „A ist widerlegt“) von Naturwissenschaftlern benutzt, ohne dass jene sich bewusst seien, dass damit über Sätze, „also über sprachliche Gegenstände“ und nicht über „die“ Natur oder „das“ Gehirn gesprochen wird (S.36). Die angesprochene Rekonstruktion fängt bei der sprachlichen Bestimmung des Hirns als „Organ“ im Gesamtorganismus an, wobei hier schon „nie eine einfache Beschreibung, sondern immer schon eine funktionale Deutung“ (S. 44) vorliegt. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass in neurowissenschaftlicher Terminologie vielfach nicht klar ist, dass bzw. ob über einen Gegenstand der Natur, den man vorfindet, gesprochen wird, oder aber über ein „künstliches Objekt“.

Neben Physik und Chemie bedient sich die Hirnforschung aber auch Termini anderer technischer Fachsprachen, u.a. der Elektrotechnik oder der Kybernetik, wenn es beispielsweise um „neuronale Verschaltungen“ (S. 61) im Hirn geht. Verheerende Auswirkungen hat ebenso der sorglose Gebrauch einer unangebrachten metaphorischen Sprache, die falsche Assoziationen und Vorstellungen darüber, wie Vorgänge im Hirn tatsächlich (d.h. natürlich) ablaufen. Die Nachrichtentechnik stellt die prominenteste Variante dar, neuronale Funktionen zu beschreiben (S. 66ff.). Beim Rückgriff auf naturwissenschaftliche Fachbereiche wie Physiologie, Evolutionsbiologie und Verhaltenspsychologie stellt sich für Janich zwangsläufig die Frage nach der Positionierung der Hirnforscher (S. 86).

Die Untersuchung der Parasprache (S. 90-135), die als Begleitsprache der Hirnforschung bestimmt wird, beschäftigt sich mit der sprachlichen Formulierung der Ansprüche, Ziele und Programme dieser Wissenschaft. Die Popularisierung der Tätigkeiten und Ergebnisse dient aber nicht nur dazu, eine für den Laien und Nichtexperten verständliche Sprache zu wählen: in der Parasprache findet sich vor allem das „Selbstverständnis“ einer bestimmten Wissenschaft wieder (S. 93). Das Gehirn muss also so dargestellt werde, dass die angebotenen Erklärungen greifen! Leider hat sich die eigentlich positive Aufgabe zu einem „werbesprachliche[n] Selbstdarstellungsdisput“ entwickelt (S. 99). Die Parasprache stellt für Janich mittlerweile ein Spiel- und Schlachtfeld dar, das die gesamte Hirnforschungsdebatte umkreist. Als Beispiel hebt Janich das sog. „Manifest“ elf führender Hirnforscher heraus[3], in dem ihre Ziele und Zwecke dargestellt werden. Die Verpflichtung, über die zu erklärenden Sachverhalte Auskunft zu geben, sollte laut Janich nicht zu „unseriösen Versprechungen“ (S. 113) führen. Insofern stellt die Parasprache die öffentlichkeitswirksamste Sprachebene dar, die nicht nur Informationen über die Objekte der Wissenschaft, sondern auch über die Wissenschaft selbst liefert.

Die dritte Sprachebene ist die der Metasprache (S. 136ff.). Hier wird über Objekt- und Parasprache gesprochen, was zu wissenschaftstheoretischen Kontroversen führt, vor allem wenn es um Kompetenz in Methodenfragen geht (vgl. S. 138).[4] Dieses Kapitel enthält neben methodischen Fragen einen kritischen Rückblick auf die Entwicklung der Wissenschaftstheorie vor allem im 20. Jahrhundert, die zwar eine „Relativierung naturwissenschaftlicher Geltungsansprüche“ (S. 143) für sich reklamieren konnte, selbst aber eine „doppelte Unglücksgeschichte“ (S. 144) vorweist. Einerseits kennzeichne sich die Entwicklung der Wissenschaftstheorie durch eine „Resignationsüberbietungsgeschichte“ (S. 143), andererseits durch eine einseitige Konzentration auf sprachlogische Probleme und deren Bearbeitung. Die Gefahr, dass Probleme hier selbst „erfunden werden“ sieht Janich auch, was das selbstkritische Moment von „Kein neues Menschenbild“ auszeichnet.

Die Methodendiskusssion wird dann interessant, wenn es zu Uneinigkeiten und/oder Missverständnissen kommt, die die methodischen Handlungen und deren terminologische Bestimmungen betrifft. Janich macht darauf aufmerksam, dass die Diskussion der klassischen wissenschaftstheoretischen Fragen (Was ist ein Experiment? Was ist ein „Beweis“? etc.) auch an dieser Stelle wieder auftaucht.

Insgesamt stellt das Buch einen sehr wichtigen, weil fruchtbaren, Beitrag zu dieser Kontroverse dar, der nicht nur für Philosophen, sonder auch und vor allem für Naturwissenschaftler interessant und lesenswert ist.

Anmerkungen:
[1] Singer, Wolf, Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2003
[2] Janich weist zu Recht darauf hin, dass auch nicht unbedingt von „der“ Hirnforschung gesprochen werden kann. Ein Blick auf einzelne Disziplinen wie experimentelle Psychologie, Neurophysiologie, (Zell-)Biologie, Kognitionswissenschaften usw. legt nahe, dass die Verwendung von Fachtermini aus Nachbarwissenschaften die oben angesprochenen Probleme mit sich bringen können.
[3] Vgl. Gehirn & Geist Nr. 6/2004
[4] Janich weist daraufhin, dass es bereits im naturwissenschaftlichen Studium unüblich ist, grundlegende wissenschaftstheoretische Veranstaltungen besuchen zu müssen (S. 139).


Empfohlene Zitierweise:
Kevin Dear: [Rezension zu:] Janich, Peter: Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung (= edition unseld), Frankfurt am Main 2009. In: Kritikon, 06.12.2009. Abgerufen am 30.07.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200912/100>

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