Albrecht, Reyk: Doping und Wettbewerb
Albrecht, Reyk: Doping und Wettbewerb. Eine ethische Reflexion (= Angewandte Ethik), Freiburg [u.a.]: Karl Alber 2008
ISBN-13: 978-3-495-48319-0, 300 S.
Rezensiert von:
Volker Schürmann
E-Mail: v.schuermann@dshs-koeln.de
Das Buch ist nicht eigentlich, wie der Titel verspricht, ein Buch zum Thema Doping und Wettbewerb. Vielmehr ist es ein Beitrag zu einem bestimmten Ansatz von Entscheidungstheorien, der am Doping und Wettkampf sein Fallbeispiel findet. Die Prämissen dieses Ansatzes sind klar: Menschliches Tun wird in verhaltenstheoretischem Vokabular beschrieben, und näher als spieltheoretisch modelliertes Entscheidungsverhalten. Albrecht folgt im Wesentlichen dem ökonomischen Ansatz von Gary S. Becker, wobei ›ökonomisch‹ als Charakterisierung einer Methode zu verstehen ist, die nicht nur auf die Ökonomie, sondern „auf alle Gebiete des menschlichen Lebens angewendet werden kann“ (S. 157). Es bietet sich dann an, diesen Ansatz auch auf den Wettkampfsport anzuwenden.
Wer die Prämissen des Ansatzes teilt, wird die Entscheidungen, hier: von Sportlern wohlberechnet finden. Wer die Prämissen nicht teilt, wird über Zirkularitäten stolpern: Gefragt, warum man denn bei Sportlern von widerspruchsfreien Zielsystemen ausgehen sollte, erfährt man, dass bei gegenteiliger Annahme „die Entscheidungen nicht mehr eindeutig ableitbar sind“ (S. 159). Wer die Prämissen teilt, wird einen Gewinn an Transparenz der Entscheidungsprozesse konstatieren. Wer die Prämissen nicht teilt, wird sich über die Länge des Anlaufs wundern, die dort genommen wird, um beispielsweise die Selbstverständlichkeit zu entdecken, dass „der Erfolg im Wettbewerb eine wesentliche Präferenz des Sportlers im Wettkampfsport darstellen [dürfte]“ (S. 165). Manche Prämissen werden lokal diskutiert und ggf. modifiziert – der verhaltenstheoretische Ansatz als solcher steht nicht zur Diskussion. Er gilt vielmehr lapidar als „besonders sinnvoll“ (S. 147) oder gar als „erforderlich“ (S. 17). Man mag dem zu Gute halten, nicht alles zugleich problematisieren zu können. Andere urteilen dann freilich, man habe am Thema vorbei geschrieben, denn nur diejenigen, die jedes Risiko vermeiden wollen, also nicht spielen wollen, würden nach den Maximen der mathematischen Spieltheorie handeln (de Wachter).
Die wichtigste Konsequenz des Ansatzes liegt darin, dass das Phänomen des Doping nunmehr als etwas gilt, das einer angewandten Ethik zugänglich ist. Das Buch will definitorisch klären, was Wettkampfsport (Kap. 2) und was Doping (Kap. 3) ist, um dann zu einer ethischen Bewertung von Doping (Kap. 4) zu kommen. Das deutlich längere Hauptkapitel 5 zur entscheidungstheoretischen Behandlung (s.o.) des so präparierten Gegenstands geht den Fragen nach, welche Dopingpraxis empirisch vorfindbar und, entscheidungstheoretisch modelliert, zu erwarten ist, um darauf basierend Ansatzpunkte für legitime Reglementierungen im Sinne des ethisch Wünschbaren herauszuarbeiten. Der Kern des Argumentationsganges – Grundlage und Konsequenz des Anwendungs-Paradigmas zugleich – liegt in der Unterstellung, man könne diesseits aller Bewertungen sagen, was Doping ist, um diesen ›Tatbestand‹ dann, in einem unabhängigen zweiten Schritt, ethisch zu bewerten. Konkret: Doping sei „die unphysiologische körperliche Leistungssteigerung“ (S. 45). Explizit werden „weitere Einschränkungen“ nicht vorgenommen, „um einen möglichst weiten Blick auf die Phänomene zu erlauben“; zu diesen „Einschränkungen“ gehören etwa die Gesund-heitsgefährdung und die „ethische Bedenklichkeit“ (ebd.). Auch sonst wird durchgehend daran festgehalten, dass Ethik regulativ wirkt, nämlich als Beschränkung des menschlichen Tuns, als „Einschränkung der Freiheit“ (S. 115, pass.).
Albrecht führt diesen Ansatz mit Konsequenz, und, wenn man will, insofern über-zeugend durch. Er kann sich hinsichtlich jenes unhinterfragten Zweischrittes durchaus auf ein verbreitetes Alltagsverständnis stützen, das zudem in vielen sportwissenschaftlichen Formulierungen reproduziert wird. Allerdings kommen die eigenen Prämissen durchgehend als alternativlos daher, was weit mehr ist, als sie aus pragmatischen Gründen nicht zu thematisieren. Die konzeptionellen Alternativen kommen so erst gar nicht in den Blick. Die Arbeiten von Gerhardt werden nicht einmal er-wähnt; die sonst viel zitierten Arbeiten von Pawlenka werden ausgerechnet an einem Hauptaspekt nicht thematisiert resp. verfehlt. Pawlenka geht es darum, dass wir es im Sport mit einer ›Sondermoral‹ zu tun haben, also mit einer Moral, die definitorisch an ihren Gegenstand gebunden ist und insofern gerade nicht als Anwendung einer allgemeinen Moral auf den Bereich des Sports begreifbar ist. Albrecht ist durchgehend nicht in der Lage, die seinen Ansatz ›störenden‹ Aspekte überhaupt zu sehen. Zwar problematisiert er, ob man Doping als unphysiologische Leistungssteigerung definieren kann. Aber die ganz einfache Frage, warum eine „unphysiologische Leistungssteigerung“ (gesetzt den Fall, man wüsste, was das sei) von Managern zunächst kein Problem aufwirft, im Sport aber sehr wohl und zwar von vornherein, kann Albrecht nicht bzw. nur verharmlosend beantworten. Seine Antwort lautet: Der Sachverhalt des Dopings sei der gleiche – Einnahme bestimmter leistungssteigernder Mittel −, aber dieser gleiche Sachverhalt werde eben von Anwendungsfall zu Anwendungs-fall verschieden bewertet. Dem aber ist gerade nicht so: Doping im Sport ist ein gänzlich anderer Sachverhalt als Medikamentenmissbrauch von Managern, denn Doping ist definitorisch daran gebunden, ein Verstoß gegen die gleichen Startchan-cen in einem sportlichen Wettkampf zu sein. Es ist sachlich schlicht falsch, von Doping bei den antiken olympischen Spielen zu sprechen. Selbstredend mag es empirisch-faktisch so sein, dass dort leistungssteigernde Mittel eingenommen wurden – die legendären Stierhoden −, aber dieser Sachverhalt war kein Doping, denn eine Sklavenhaltergesellschaft hat kein Problem mit der Chancengleichheit. Chancengleichheit, und also Fairness im Sport und also Doping(verbot) sind Kinder der Moderne. Genau das, was er Pawlenka vorwirft – dass „die Argumentation gegen Doping letztlich auf einem bestimmten Sportverständnis [ruht]“ (S. 100) −, das kann kein Vorwurf sein, weil das ganz selbstverständlich so ist. Für das „private Jogging“ (S. 116) stellt sich kein Problem des Doping, denn dort gibt es keinen Gegner, der fair oder unfair zu behandeln wäre. Die Einsicht in die Notwendigkeit der Wahrung von Chancengleichheit ist zwar formuliert (S. 119, FN), aber es entspringt keine Einsicht, dass dieser Umstand den Wettkampfsport definiert bzw. dass Fairness eine intrinsische Norm des Wettkampfsports ist (so etwa Gerhardt). Privates Joggen ist nicht im gleichen Sinne Sport wie es der Wettkampfsport ist, und das ist keine Frage willkürlicher definitorischer Grenzziehung oder gar des persönlichen Geschmacks. Albrecht dagegen stilisiert sein Tun durchgehend als ›sinnvolle Beschränkung‹ seiner Forschungsfrage, wenn er sich ›nur‹ auf den Wettkampfsport eingrenzt. Wer nicht bereit ist, auch nur in Erwägung zu ziehen, dass Sport als Sport unterschiedlich sein kann, der wird ›folgerichtig‹ einen übergreifenden Begriff von Doping suchen, um ihn dann, sekundär, auf seinen passend zugeschnittenen „Forschungsgegenstand“ anzuwenden.
Zum Ansatz gehört dann freilich auch, das Funktionieren bestimmter Definitionen nicht zu verstehen. Das Buch ist gespickt mit Vorwürfen, vorgelegte Definitionen seien „unklar“, „noch unbestimmt“ etc. Demgegenüber müsse man mit klaren Definitionen beginnen. So bleibt auch die Doping-Definition der WADA nicht verschont, was seinen guten Grund darin finden mag, dass vielleicht unklar bleibt, ob die WADA weiß, warum sie gerade so definiert, wie sie definiert. Aber die Gründe, die Albrecht für einen Mangel angibt, messen mit einer falschen Erwartung. Die WADA legt bekanntlich eine Liste verbotener Substanzen und Verfahren fest, die als Doping gelten und verboten sind. Dann braucht es Kriterien für die Aufnahme in diese Liste, und hier nennt die WADA drei: Das Potential zur Leistungssteigerung, Gesundheitsgefährdung und die Unvereinbarkeit mit dem Geist des Sports. Auch diese Definition, so Albrecht, bleibe unscharf und verlagere die Unschärfe „lediglich auf die Bestimmung der aufzulistenden Substanzen und Methoden“ (S. 43). Aber das ist kein Mangel, sondern der ganze Witz der Definition der WADA. Es ist ganz sonnenklar, dass es Substanzen gibt, die gegen den Geist des Sports resp. gegen den Geist der Dopingregeln auch dann verstoßen, wenn sie noch nicht explizit auf der Liste stehen. Die Definition der WADA sagt: „Verboten ist x, y, z usw.“, und der Verweis auf den Geist des Sports macht hinreichend klar, was zu diesem „usw.“ zählt, selbst dann, wenn es im Einzelfall durchaus strittig sein mag, ob die Einnahme von Substanz A gegen den Geist des Sports verstößt oder nicht. Um es zuzuspitzen: Albrecht versteht den Sinn des Verweises auf den Geist des Sports nicht; er könnte sich keinen Reim machen auf den Würde-Verweis in Artikel 1 des Grundgesetzes (vgl. S. 107), keinen auf den § 1 der Straßenverkehrsordnung usw. Überall dort ist nämlich hinreichend klar bestimmt, wie strittige und nicht explizit behandelte Fälle zu behandeln sind. Dieses Unverständnis generiert das Programm dieser Sorte von angewandter Ethik. Man mag das als verschiedene, und insofern berechtigte, Paradigmen von Ethik ansehen. Aber es macht doch ein wenig ratlos, wenn immer nur die Anderen unscharf definieren, man selber aber selbsterklärt „möglichst prägnant“, obwohl zugestanden auch „der Begriff ›unphysiologisch‹ noch immer deutungsoffen ist“ (S. 45).
Empfohlene Zitierweise:
Volker Schürmann: [Rezension zu:] Albrecht, Reyk: Doping und Wettbewerb. Eine ethische Reflexion (= Angewandte Ethik), Freiburg [u.a.] 2008. In: Kritikon, 06.12.2009. Abgerufen am 10.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200912/50>
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