McKenna, Michael; Russell, Paul (Hrsg.): Free will and reactive attitudes
McKenna, Michael; Russell, Paul (Hrsg.): Free will and reactive attitudes. Perspectives on P.F. Strawson's Freedom and resentment, Aldershot, England,Burlington, VT: Ashgate 2007
ISBN-13: 978-0-7546-4059-2, p. cm, alk. paper
Rezensiert von:
Michael Quante, Universität Münster, Philosophisches Seminar
E-Mail: mquante@uni-koeln.de
Herzstück dieses Sammelbandes ist der Beitrag “Freedom and Resentment”, den Peter F. Strawson 1962 in den Proceedings of the British Academy erstmals veröffentlicht hat. Dieser Aufsatz des 2006 verstorbenen Oxforder Philosophen gehört zu den bedeutendsten Texten der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. In ihm wird nicht nur ein innovativer Vorschlag zur Auflösung des metaphysischen Problems der Willensfreiheit unterbreitet, sondern zugleich auch im Kern eine askriptivistische Konzeption der Moral vorgeschlagen und die Rolle der reaktiven Einstellungen in unserer ethischen Praxis beleuchtet. Neben „Freedom and Resentment“ und einer informativen Einleitung der Herausgeber enthält dieser Band vierzehn Aufsätze, die — mit Ausnahme des Beitrags von Jonathan Bennett — bereits erschienen sind (die Beiträge „Free-Will and Eationality“ von Alfred Ayer, „The Importance of Free Will“ von Susan Wolf oder „Responsibility and the Limits of Evil“ von Gary Watson sind selbst mittlerweile zu Klassikern der analytischen Moralphilosophie avanciert). Einige Texte in diesem Band sind Auszüge aus Monografien (dies ist bei Kevin Magill, Derek Perelboom, Galen Strawson und Jay Wallace der Fall), andere sind vorher in Sammelbänden (dies gilt für die Beiträge von Alfred Ayer und Gary Watson) oder in Zeitschriften erschienen (so die Beiträge von Erin Kelly, Michael McKenna, Paul Russell, Saul Smilansky, Manuel Vargas, Susan Wolf und David Zimmerman). All dies erzeugt die Vorerwartung, dass die Beiträge dieses Bandes ein gutes philosophisches Niveau haben; und diese Erwartung wird bei der Lektüre des Buches auch nicht enttäuscht. Man könnte sich zwar wünschen, dass der dem Buch beigegebene Index etwas detaillierter ausgefallen wäre, damit dem Leser eine sachbezogene Lektüre durch den gesamten Band hindurch erleichtert wird. Und sicher hätte auch die Liste der zur weiteren Lektüre empfohlenen Literatur umfangreicher ausfallen können. Aber dies lässt sich von nahezu jedem Sammelband sagen, schmälert also den Gebrauchswert dieser Anthologie keineswegs.
In ihrer Einleitung verorten die Herausgeber des Bandes die Argumentation von „Freedom and Resentment“ in der klassischen Willensfreiheitsdebatte und stellen Peter Strawsons Projekt der Versöhnung der ‚feindlichen’ Lager von Kompatibilisten und Inkompatibilisten dar. Man kann, um auf einige inhaltliche Aspekte dieses Bandes zu sprechen zu kommen, Michael McKenna und Paul Russell nur zustimmen, dass ein entscheidender Zug der Argumentation Peter Strawsons in der Betonung der Relevanz der Emotionen in unserer ethischen Praxis liegt. Dies aber gegen die Methode der Begriffsanalyse auszuspielen und als Hinwendung zur Moralpsychologie zu deuten, ist eine mindestens problematische Lesart von Peter Strawsons Philosophie. Vor allem aber verquicken die Herausgeber in ihrer Einleitung die Argumentation von „Freedom and Resentment“ mit einem von ihnen so genannten naturalistic turn. Dies ist in doppelter Hinsicht bedenklich: Zum einen wird, nicht nur in der Einleitung, sondern auch in einigen Beiträgen dieses Bandes, nicht genau geklärt, was unter „Naturalismus“ genauer zu verstehen ist. Und zum anderen ist fraglich, wie sich dieser Naturalismus zu dem verhält, was Peter Strawson darunter verstanden hat. Wenn damit nicht mehr gemeint ist als die Tatsache, dass eine bloße Begriffsanalyse zur philosophischen Explikation der Moral nicht ausreicht, dann ist dem sicher zuzustimmen. Dies führt aber, wie die Herausgeber selbst festhalten, nicht dazu, dass Peter Strawson seine Orientierung am ordinary language approach aufgibt. Näher liegt es, die Frontstellung in einer Abkehr von rein aprioristischen Moralphilosophien einerseits und revisionärer Metaphysik andererseits zu vermuten.
Damit sind zwei inhaltliche Kritikpunkte an der Interpretation, die Michael McKenna und Paul Russell in ihrer Einleitung vorschlagen, benannt. Unabhängig hiervon identifizieren die Herausgeber einige Fragestellungen, um welche die Interpretation von und die Auseinandersetzung mit Peter Strawsons Argumenten kreist:
Wie stabil und wie konsistent ist die Unterscheidung zwischen der teilnehmenden und der objektivierenden Einstellung?
Wie lässt sich in Peter Strawsons Konzeption der Unterschied zwischen dem „verantwortlich sein“ und dem „für verantwortlich gehalten werden“ einfangen?
Wie ist das Verhältnis von Übelnehmen und Wiedergutmachung zu konzipieren?
Welche Rolle spielt der biografische Erwerb der reaktiven Einstellungen für die Verantwortung eines Subjekts?
Die Beiträge in diesem Band zeigen eindrucksvoll, welches philosophische Potenzial in der Argumentation enthalten ist, die Peter Strawson in „Freedom and Resentment“ entfaltet hat. Sie zeigen zugleich, an welchen Stellen die philosophische Diskussion über diesen Vorschlag bereits hinausgegangen ist oder weiter hinausgehen muss, um die Kernidee (oder besser: einige der Kernideen) Peter Strawsons systematisch abzusichern. Bedauerlicherweise hat, Peter Strawson selbst seine Position nicht weiter entwickelt (neben „Social Morality and Individual Ideal“ blieb dieser Aufsatz sein einziger Beitrag zu Themen der praktischen Philosophie), worauf einige Beiträger in diesem Band hinweisen.
Es liegt also an Anderen, das in „Freedom and Resentment“ enthaltene philosophische Potenzial systematisch zu entfalten. Dass dies auf verschiedene und durchaus miteinander nicht leicht vereinbare Weisen geschehen kann, spricht nicht gegen die Qualität von „Freedom and Resentment“. Vermutlich ist es eher ein Indiz dafür, dass es sich bei diesem Aufsatz um einen echten philosophischen Klassiker handelt.
Der ‚Witz’ dieses Buches besteht darin, zentrale Aufsätze der letzten drei Jahrzehnte zu versammeln, die Peter Strawsons „Freedom and Resentment“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchten (die Mehrzahl der Beiträge stammt aus den letzten zehn Jahren). Der Hinweis der Herausgeber, diese Beiträge seien teilweise im Original nur schwer zugänglich, kann angesichts der durchweg prominenten Publikationsorte zwar nicht ganz überzeugen. Auch der Grad der Überarbeitung der Aufsätze hält sich mit Ausnahme des Beitrags von Jonathan Bennett in Grenzen. Aber es ist Michael McKenna und Paul Russell mit dem vorliegenden Band gelungen, die verschiedenen Problemstellungen, die an die Argumentation von „Freedom and Resentment“ anschließen können, repräsentativ zu erfassen. In der Tat wird es damit auf bequeme Weise möglich, einen Überblick über die verschiedenen Themen, Zugangsweisen und die mit ihnen korrespondierenden Einwände, Verteidigungen und Revisionen der Konzeption Peter Strawsons zu gewinnen. Dabei liegt der Schwerpunkt in fast allen Beiträgen auf dem klassischen Streit zwischen Kompatibilisten und Inkompatibilisten. Deshalb bildet auch das metaphysische Problem der Willensfreiheit letztlich die Hintergrundfolie der in diesem Band dokumentierten Diskussion. Die ebenso spannenden Aspekte der Auslotung der Möglichkeit und Grenzen einer askriptivistischen Moralphilosophie oder der Rolle der reaktiven Einstellungen in unserer ethischen Praxis treten demgegenüber bedauerlicherweise etwas zurück; und man darf bezweifeln, dass der Akzent damit im Sinne Peter Strawsons richtig gesetzt wird. Das aber ist nicht den Herausgebern anzulasten, sondern spiegelt das aktuelle Interesse an der Willensfreiheitsdebatte und die primäre Wirkung von „Freedom and Resentment“ wider. Es ist deshalb nicht nur zu hoffen, dass bald eine Ausgabe dieses Buches erscheint, deren Preis nicht ein ebenso großes Hindernis für die Greifbarkeit der Texte darstellt wie die originalen Erscheinungsorte. Es ist auch damit zu rechnen, dass Peter Strawsons Text, wie alle philosophischen Klassiker, in der Zukunft auch in anderen systematischen Kontexten produktiv aufgenommen wird.
Michael Quante, Philosophisches Seminar, Universität zu Köln E-Mail: mquante@uni-koeln.de
Empfohlene Zitierweise:
Michael Quante: [Rezension zu:] McKenna, Michael; Russell, Paul (Hrsg.): Free will and reactive attitudes. Perspectives on P.F. Strawson's Freedom and resentment, Aldershot, England,Burlington, VT 2007. In: Kritikon, 06.12.2009. Abgerufen am 11.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200912/57>
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