Dietze, Carola: Nachgeholtes Leben
Dietze, Carola: Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892 - 1985, Göttingen: Wallstein Verlag 2006
ISBN-13: 978-3-8353-0078-1, 622 S., EUR 45.00
Rezensiert von:
Hans-Ulrich Lessing
E-Mail: Hans-Ulrich.Lessing@ruhr-uni-bochum.de
Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die philosophische Anthropologie weitgehend aus dem Blick der philosophisch-wissenschaftlichen Öffentlichkeit gerückt war, kann man seit den achtziger Jahren ein zunehmend stärker werdendes neues Interesse an philosophischer Anthropologie und ihren Hauptvertretern registrieren. Insbesondere der durch Drieschs Neovitalismus, Windelbands Neukantianismus, Husserls Phänomenologie und Diltheys Lebensphilosophie geprägte Helmuth Plessner, der zusammen mit Max Scheler in den zwanziger Jahren zum Begründer der modernen philosophischen Anthropologie wird, hat in den letzten Jahren geradezu eine Renaissance erlebt. Zeichen dieser neuen Aktualität, sind u.a. die Edition seiner „Gesammelten Schriften“ (10 Bände. Frankfurt a.M. 1980-1985) und ergänzender Bände, die Publikation wichtiger Briefwechsel (mit Josef König und F.J.J. Buytendijk), die Veröffentlichung zahlreicher Monographien, Sammelbände und Aufsätze zu seinem Werk, die Ausrichtung einer Anzahl von Kongressen und Workshops sowie nicht zuletzt die Gründung einer Helmuth Plessner Gesellschaft (1999), die mit ihren vielfältigen Aktivitäten dazu beigetragen hat, dass Plessners philosophisches und soziologisches Werk wieder zu einer wichtigen Stimme im gegenwärtigen akademischen Diskurs geworden ist.
Während die Beschäftigung mit Plessners Denken zunächst im Zentrum des Interesses stand, ist in jüngster Zeit auch seine Person Gegenstand der Forschung geworden. Nach den beiden Biographien von Kersten Schüßler (Helmuth Plessner. Eine intellektuelle Biographie. Berlin 2000) und Christoph Dejung (Helmuth Plessner. Ein deutscher Philosoph zwischen Kaiserreich und Bonner Republik. Zürich 2003) hat nun Carla Dietze eine beeindruckende, auf umfassendem Quellenstudium basierende Biographie vorgelegt. Ihr Buch, eine geringfügig überarbeitete Göttinger historische Dissertation, versteht sich als eine „historische Biographie“ (S.18). Dies bedingt ihren spezifischen Forschungsansatz und den besonderen Fokus ihres Interesses. Im Mittelpunkt ihrer Fragestellung steht demgemäß weniger die Genese von Plessners philosophisch-anthropologischem Werk, sondern die Vf. trägt vielmehr Fragestellungen der Emigrations- und Remigrationsforschung an die Vita und das Werk Plessners heran. Demgemäß richtet sie ihr besonderes Interesse auf die Bedingungen und Umstände von Plessners Emigration in die Niederlande, zu der er sich gezwungen sah, da er als „Halbjude“ zu den von den Auswirkungen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 Betroffenen zählte. Indem C. Dietze sehr eingehend den schwierigen und schmerzhaften Weg rekonstruiert, den Plessner gehen musste, um sich an der Groninger Universität zu etablieren, an die ihn sein Freund, der Physiologe Frederik J.J. Buytendijk, geholt hatte, kann sie am Fall Plessners neues Licht auf den Verlauf der Wissenschaftsemigration in die Niederlande werfen. Sehr detailliert und faktengesättigt schildert C. Dietze Plessners Emigrantenzeit in den Niederlanden: seine Ankunft in Groningen am 8. Januar 1934 und seine Eingewöhnungsschwierigkeiten, die Stadien seiner akademischen Karriere (vom Stipendium des Akademischen Hilfskomitees bis zur Stellung als Stiftungsprofessor für Soziologie im Sommer 1939), die Entstehung seiner wichtigen Bücher „Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ (1935; 1959 Neuauflage unter dem Titel: „Die verspätete Nation“) und „Lachen und Weinen. Eine Untersuchung nach den Grenzen menschlichen Verhaltens“ (1941), seine Entlassung als Dozent durch den Reichskommissar (Februar 1943) und sein Leben im Untergrund (in Utrecht und Amsterdam) bis zum Kriegsende.Nach der Wiedereröffnung der Universität Groningen im Juni 1945 kann Plessner auf die für ihn eingerichtete besondere Professur für Soziologie wieder zurückkehren. Im März 1946 wird er in Groningen nach erheblichen Widerständen Nachfolger Leo Polaks als Ordinarius für Philosophie und erwirbt sich viel Respekt und Ansehen über die Grenzen der Universität hinaus.
Ähnlich aufschlussreich, nicht nur für die besondere Biographie Plessners, ist auch C. Dietzes Darstellung seines ebenso schwierigen Weges zurück nach Deutschland.
Die Vf. sucht hier die schwierige Frage zu beantworten, warum der nach dem Ende des Krieges in Groningen mit gesicherter Position lehrende Plessner überhaupt den Weg zurück in seine alte Heimat suchte. Sehr eingehend schildert sie die ersten Begegnung mit dem Nachkriegsdeutschland, die Verhandlungen über die letztlich gescheiterte Berufung auf eine Soziologieprofessur in Hamburg im Jahr 1949 sowie die Umstände der 1951 erfolgten Berufung als Professor für Soziologie nach Göttingen.
Mit ähnlicher Sorgfalt, wie sie Plessners Zeit in den Niederlanden untersucht hat, beschreibt die Vf. unter dem Stichwort „Nachgeholte Etablierung“ seine Göttinger Jahre als Ordinarius für Soziologie (1951-1962). C. Dietze berichtet nicht nur über Plessners Forschungen und Publikationen, sondern gibt – und darin liegt der besondere Wert ihrer Darstellung - darüber hinaus eine sehr differenzierte Darstellung von Plessners Verhalten in der universitären Öffentlichkeit; insbesondere sein Umgang mit „belasteten“ Kollegen wird von der Vf. eingehend analysiert. In diesem Kontext setzt sie sich auch mit der bekannten These Hermann Lübbes von der „nicht-symmetrischen Diskretion“ auseinander (S. 386ff.), die sie in bezug auf Plessner relativiert. (S. 478f.) Plessners Diskretion – so das Ergebnis ihrer Untersuchung - kannte durchaus Grenzen, wie die Vf. insbesondere an seinem Verhalten Carl Schmitt und Albert Speer gegenüber herausstellt.
Besonders wichtig und z.T. noch nicht bekannt ist in diesem Zusammenhang die von C. Dietze ausführlich referierte unnachsichtig-kritische Haltung Plessners Arnold Gehlen gegenüber. (S. 455-464) Plessner äußert seine Kritik in Briefen aus dem Frühjahr 1958 an Karl Löwith und den Nationalökonomen Wilhelm Kromphardt. Beide hatten Plessner um Auskunft über Gehlens politische Vergangenheit gebeten, da an der Universität Heidelberg erwogen wurde, Gehlen als Nachfolger Alexander Rüstows auf einen Lehrstuhl für Soziologie zu berufen. Gehlen ist in Plessners Augen, wie er in diesen Briefen eindeutig zu erkennen gibt, wegen seiner in den Jahren der Dikatur gezeigten Haltung und der Grundtendenz seiner Schriften – trotz seiner von Plessner durchaus anerkannten Qualitäten – völlig ungeeignet, wieder an exponierter Stelle zu lehren. Wie Plessner in einem Brief an Kromphardt schreibt, hätte er „allergrößte Bedenken, ihm in unserer gegenwärtigen Lage einen Lehrstuhl anzuvertrauen. Denn er repräsentiert jene geistige Haltung, die seine Karriere im 3. Reich ermöglicht hat: gewiß kein Nationalsozialist im Sinne dummer Rassengläubigkeit, wohl aber durch und durch ein Biologist und Anhänger einer autoritären Haltung zu Mensch und Gesellschaft“. (S. 455)
Plessners spätere Jahre in Göttingen bringen ihm neben dem Ansehen, das ihm seine Lehrtätigkeit und seine öffentliche Wirksamkeit verschafft, einige ehrenvolle Berufungen auf wichtige und einflussreiche Ämter: er wird Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie (1954), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (1955), Dekan der juristischen Fakultät in Göttingen (1957) sowie Rektor der Universität Göttingen (1960). Nach seiner Emeritierung (zum 31.3.1962) wird Plessner erster Inhaber der Theodor-Heuß-Professur an der New York School for Social Research und übersiedelt nach der Rückkehr aus den USA nach Zürich. Hier übernimmt er an der Universität für mehrere Semester einen Lehrauftrag (1965-1972), kehrt 1973 wieder nach Göttingen zurück und stirbt dort hochbetagt am 12.Juni 1985.
Das Buch, das 2006 mit dem Hedwig-Hintze-Preis des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands ausgezeichnet wurde, bietet eine überwältigende Fülle von unbekannten Fakten und neuen, sehr aufschlussreichen Einblicken in Plessners Leben und die Bedingungen seiner Arbeit. C. Dietze hat das unveröffentliche Material, das im Plessner-Nachlass der Bibliotheek der Rijksuniversiteit Groningen liegt, und darüber hinaus viele weitere Archive und Nachlässe, eine Fülle von Fakultätsakten und in Privatbesitz befindlichen Briefwechseln ausgewertet sowie eine große Anzahl von Interviews geführt, insbesondere mit der am 19. Juli 2008 verstorbenen Monika Plessner, die sehr interessante Details und Beobachtungen zum Leben ihres Mannes beisteuern konnte. Darüber hinaus hat die Vf. nicht nur Plessners Schriften - auch die auf Niederländisch publizierten-, sondern auch die einschlägige Sekundärliteratur und weitere Literatur für ihre glänzend geschriebene Untersuchung herangezogen.
Die Fokussierung auf die Umstände von Emigration und Remigration bedingt allerdings, dass das Leben des frühen Plessner leider nicht mit der gleichen Intensität ausgeleuchtet wird, wie das des mittleren und späten. So wäre eine detailliertere Betrachtung der Kölner Jahre Plessners (1920-1933), die immerhin den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Produktivität markieren, wünschenswert gewesen: in diesen Jahren erscheinen seine Hauptwerke „Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes“ (1923), Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus“ (1924), Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie“ (1928) sowie „Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht“ (1931). Ebenso vermisst der primär philosophisch interessierte Leser v.a. eine ausführlichere Darstellung der Freundschaft von Plessner und Josef König (ausführlicher berührt wird nur der Streit mit König über die Judenfrage, S. 111ff.) und der Beziehungen Plessners zur Göttinger Dilthey-Schule (Georg Misch, Otto Friedrich Bollnow u.a.) sowie eine eingehendere Behandlung seiner Zeitschrift „Philosophischer Anzeiger. Zeitschrift für die Zusammenarbeit von Philosophie und Einzelwissenschaften“ (1925-1930). Der allgemein an Plessners Leben Interessierte wäre für genauere Erläuterungen zu persönlichen Beziehungen (z.B. zu Vera von Blankenburg und Otto Klemperer) dankbar gewesen. Aber trotz dieser kleinen Mängel hat C. Dietze unbestritten ein großes Werk vorgelegt, in dem sich Lebensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte in produktiver Weise durchdringen und dem noch manche Anregungen zu weitergehenden biographischen Forschungen zu entnehmen sind.
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Ulrich Lessing: [Rezension zu:] Dietze, Carola: Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892 - 1985, Göttingen 2006. In: Kritikon, 06.12.2009. Abgerufen am 10.03.2010. <http://www.kritikon.de/issue/200912/88>
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