Druckansicht
März 2010, Bd. 3

Macdonald, Iain; Ziarek, Krzysztof (Hrsg.): Adorno and Heidegger.

Macdonald, Iain; Ziarek, Krzysztof (Hrsg.): Adorno and Heidegger. Philosophical questions, Stanford, Californien: Stanford University Press 2008
ISBN-13: 978-0-8047-5635-8, 221 S.


Rezensiert von:
Stefan Deines, Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Philosophie
E-Mail: deines@em.uni-frankfurt.de

Click to enlarge

Martin Heidegger und Theodor W. Adorno haben im 20. Jahrhundert die philosophische Landschaft in Deutschland in maßgeblicher Weise geprägt. Wie das Verhältnis der beiden philosophischen Ansätze einzuschätzen ist, wird, (spätestens) seitdem Hermann Mörchen zu Beginn der 1980er Jahre seine „Untersuchungen zu einer philosophischen Kommunikationsverweigerung“ vorgelegt hat (wie sein Buch „Adorno und Heidegger“ im Untertitel heißt), ausgiebig und kontrovers diskutiert. Dabei sind einerseits beachtliche Parallelen der beiden Positionen diagnostiziert worden, wie etwa die kritische Auseinandersetzung mit der Subjekt-Objekt-Dichotomie, die Kritik an einer rein instrumentellen und naturwissenschaftlich orientierten Rationalität, die zentrale Bedeutung, die der Kunst in Bezug auf Kultur und Gesellschaft zugeschrieben wird, sowie die von beiden empfundene Notwendigkeit, neue Formen und Ausdrucksmittel für das eigene Denken finden zu müssen. Trotz dieser Ähnlichkeiten ist aber natürlich auch die Kluft zwischen den beiden Denkern nicht übersehen worden. Diese lässt sich keineswegs allein durch die politisch-biografischen Differenzen erläutern, sondern ist vor allem auch den scheinbar grundlegend unterschiedlichen Perspektiven geschuldet, die das jeweilige philosophische Unternehmen bestimmen: Eine auf die Spannungen und Bürden der konkreten historisch-gesellschaftlichen Konfigurationen gerichtete Dialektik einerseits und andererseits eine Ontologie, der es vorrangig darum geht, die allgemeine Situation menschlicher Existenz zu erhellen bzw., gleichsam durch die konkreten historischen Bedingungen hindurch, das Sein selbst zu vernehmen. Diese Differenzen sind von Adorno selbst deutlich herausgestellt worden. Denn während das Wort von der „Kommunikationsverweigerung“ für Heidegger tatsächlich vollständig zutrifft, der in seinem umfangreichen Werk Adorno nicht an einer einzigen Stelle auch nur erwähnt, hat sich Adorno seit seinen frühen Vorträgen „Die Aktualität der Philosophie“ und „Die Idee der Naturgeschichte“ bis zu seinem späten Hauptwerk „Negative Dialektik“ immer wieder ausführlich mit Heideggers Philosophie auseinandergesetzt.

Der Band „Adorno and Heidegger“ führt nun diese Debatte über das Verhältnis der beiden Denker weiter und versammelt zehn Beiträge zum Thema, die aus einer Konferenz, die 2004 in Montreal stattfand, hervorgegangen sind. Die Beiträge behandeln die komplexe Thematik auf eine sehr differenzierte Weise: mit Themen der Ethik, der Ästhetik und der Erkenntnistheorie sowie mit den Fragen nach Authentizität, Moderne und kritischem Denken wird ein breites Spektrum von Aspekten beleuchtet, die für eine vergleichende Untersuchung der beiden philosophischen Ansätze von Relevanz sind. Darüber hinaus wird das Verhältnis von Adorno und Heidegger, wie es sich mit Bezug auf die einzelnen Themengebiete rekonstruieren lässt, in differenzierter Weise gezeichnet. Begnügen sich einige der Beiträge damit, die Parallelen in den beiden Philosophien aufzuzeigen, indem die jeweiligen Ausführungen zum selben Gegenstand skizziert werden, gehen andere Beiträge einen Schritt weiter und versuchen, die eine Position gegen die andere auszuspielen und kritisch in Stellung zu bringen oder aber, die beiden Ansätze als komplementäre und sich ergänzende Positionen auszuweisen .

Zu den Aufsätzen im Einzelnen: In den beiden ersten Beiträgen des Bandes beschäftigen sich Iain Macdonald und Lambert Zuidervaart mit dem Konzept der Authentizität (bzw. ‚Eigentlichkeit‘). Macdonald zeigt in seinem äußerst lesenswerten Text gegenüber der Adornoschen Kritik an Heidegger auf, dass dieser in seinen Erläuterungen zur Eigentlichkeit die systematischen Bedingungen der Möglichkeit jedes Denkens des ‚Nicht-Identischen‘ (und damit auch Adornos) expliziert, und in dieser Hinsicht sogar der Hegelschen Dialektik mehr entspräche als Adorno dies tue. Demgegenüber spürt Zuidervaart den wahrheitstheoretischen Implikationen des Authentizitätskonzepts bei Adorno und Heidegger nach: Während für Heidegger sich die grundlegende Wahrheit der Erschlossenheit nur im Modus der Eigentlichkeit (der ‚Entschlossenheit‘) unverstellt zeige, verweise Adorno auf die Instanz einer ‚emphatischen Erfahrung‘, die mehr Wahrheit beinhaltet als die Resultate von Wissenschaft und Kommunikation im Verblendungszusammenhang der verwalteten Welt. Auch wenn Zuidervaart die Meinung teilt, dass dem Aspekt der Authentizität in Bezug auf Wahrheit ein gewisser Stellenwert einzuräumen sei, ist er der Ansicht, dass sich Wahrheit und Authentizität nicht sinnvoll als entkoppelt von bzw. gegenläufig zu intersubjektiven Praktiken denken lassen, wie es in den Ansätzen von Adorno und Heidegger versucht werde. In seiner Deutung der Architektonik der philosophischen Systeme von Adorno und Heidegger versucht Matthew Grist aufzuzeigen, dass sich in ihnen die selbe Spannung findet: einerseits begreifen sich beide als Kritiker des metaphysischen Denkens, andererseits entpuppen sich aber Grist zufolge beide an bestimmten zentralen Stellen ihres Werkes als ‚transzendentale Realisten‘ und nehmen den durch und durch metaphysischen Gedanken einer Erkennbarkeit der Struktur der Wirklichkeit an sich in Anspruch. Der Aufsatz von Joanna Hodge beschäftigt sich nur am Rande mit Heidegger und stellt im Kern eine in ihrer Deutlichkeit erfrischende, kritische Auseinandersetzung mit der Husserl-Rezeption Adornos dar; Hodge versucht nachzuweisen, dass Adornos Kritik an Husserls Philosophie kein großes Gewicht habe, da er zahlreiche zentrale Aspekte übersehen oder missverstanden habe. Nicholas Walker bietet eine informierte Darstellung der Ausführungen Heideggers und Adornos zur Kunstphilosophie vor der Folie der Hegelschen Ästhetik und Krzystof Ziarek stellt die Frage, wie die spezifische Kraft von Werken der Kunst den beiden Ansätzen zufolge gedacht werden kann. In dieser Hinsicht sei die Heideggersche Position als deutlich radikaler einzustufen: denn Kunst fungiere hier nicht lediglich als ein Element eines gesellschaftskritischen Unternehmens, das sich gegen Unterdrückung und für Emanzipation einsetzt, sondern Kunst sei in ihrer Ereignishaftigkeit in der Lage, den ganzen Raum zu verändern, in dem sich dann überhaupt erst die Kräfte von Macht und Gegen-Macht, von Unterdrückung und Kritik entfalten können. In ihrem erhellenden Beitrag spürt Ute Guzzoni dem Verhältnis von Menschen und Dingen im Denken Adornos und Heideggers nach; bei beiden findet sie das Konzept einer philosophischen Haltung, die auch durch Aspekte der Passivität, durch ‚Geduld‘ und ‚Gelassenheit‘ gekennzeichnet ist, und die die Dinge nicht mit Begriffen und Theorien gleichsam überfällt, sondern sie in ihrer Eigenart zu vernehmen versucht. Joseph Früchtl verortet Adorno und Heidegger in der Geschichte der Moderne, die er als von der Auseinandersetzung mit dem Konzept des ‚Selbst‘ sowie den verschiedenen Spannungen und Krisen, in die dieses gerät, geprägt sieht. Er zeichnet die verschiedenen Reaktionen auf die Grundsituation der Moderne nach, die er als ‚den Kampf des Selbst mit sich selbst‘ begreift: als den Konflikt etwa zwischen dem Ideal der Autonomie und dem Ideal der Authentizität, zwischen dem empirischen und dem transzendentalen Subjekt, zwischen Bestimmt-Werden und Selbst-Bestimmung. Mario Wenning beleuchtet in seinem Beitrag die Bedeutung, die Erinnerung und Andenken für die philosophischen Positionen von Adorno und Heidegger besitzen, und arbeitet sehr anschaulich die Differenzen heraus, die sich aufgrund der unterschiedlichen Ansätze und Ziele bezüglich dieser Thematik ergeben: konstatiere Adorno bei Heidegger auf der einen Seite einen fatalistischen Mangel an kritischer und bewusstmachender Reflexion auf die historisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge, erinnere Heidegger auf der anderen Seite daran, dass auch das kritische und emanzipatorische Unternehmen selbst immer schon an einer Geschichte teilhat und auf der Basis einer Überlieferung operiert, die der vollständigen Durchdringung und Legitimation entzogen bleibt. In dem abschließenden Beitrag des Bandes zeichnet Fred Dallmayr die Auseinandersetzung von Adorno und Heidegger mit der Moderne nach, die von beiden als eine durch instrumentelle Vernunft, Verdinglichung und zunehmende Technifizierung gekennzeichnete Epoche bestimmt wird. Während der Teil zu Adorno eine solides und informiertes Referat der wichtigsten Aspekte aus der „Dialektik der Aufklärung“ und der „Negativen Dialektik“ präsentiert, fällt die Darstellung Heideggers deutlich origineller aus; hier wird die kritische Auseinandersetzung mit den Themen ‚Technik‘ und ‚Macht‘, wie sie sich in verschiedenen Schriften aus den Jahren nach 1935 findet (die hier als die Zeit der ‚inneren Emigration‘ Heideggers bezeichnet wird), als eine mehr oder weniger explizite Kritik an der Politik des Nationalsozialismus gedeutet.

Insgesamt ist „Adorno and Heidegger“ ein facettenreicher und lesenswerter Band, der neue und erhellende Schlaglichter auf das komplexe Verhältnis von Adorno und Heidegger wirft und damit auch zum Verständnis der beiden Philosophen für sich genommen beiträgt.


Empfohlene Zitierweise:
Stefan Deines: [Rezension zu:] Macdonald, Iain; Ziarek, Krzysztof (Hrsg.): Adorno and Heidegger. Philosophical questions, Stanford, Californien 2008. In: Kritikon, 24.03.2010. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/201003/104>

Creative Commons BY-NC-NDDiese Rezension ist veröffentlicht unter der Creative Commons BY-NC-ND-Lizenz. Wollen Sie einen Beitrag weitergehend nutzen, nehmen Sie bitte Kontakt mit der Autorin / dem Autor auf.