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März 2010, Bd. 3

Žižek, Slavoj: Auf verlorenem Posten

Žižek, Slavoj: Auf verlorenem Posten, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009
ISBN-13: 978-3-518-12562-5, 319 S., EUR 14.00


Rezensiert von:
Robert Feustel, Universität Leipzig, Institut für Politikwissenschaft
E-Mail: feustel@uni-leipzig.de

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Die Einsicht, dass alle sinnstiftenden Narrative Erfindungen sind, ist mittlerweile zur postmodern- popkulturellen Plattitüde geronnen. Diese Geschichten sind individuell, vielleicht noch lokal, aber in keinem Fall allgemein (repektive universell) und sie dienen dazu, Identität zu formulieren. Das Paradox dieser Geschichten ist augenfällig: Nur so lange man ihren Status als Erfindung verleugnet, können sie glaubhaft erzählt werden und damit individuellen Sinn stiften. Die »postmoderne« Konstellation, in der erfundene, lokale oder individuelle Geschichten erzählt werden und zugleich deren offensichtliche Kontingenz verleugt wird, gleicht, um ein bei Žižek mittlerweile wiederholt auftauchendes Bild zu bemühen, jener von Comicfiguren, die nichts ahnend über einen Abgrund laufen und erst abstürzen, sobald der Blick nach unten die Bodenlosigkeit preisgibt. Anders formuliert: Dass diese vielfältigen Geschichten zugleich erfunden sind und performativ Sinn erzeugen, dass sie nur lokal (und bisweilen sogar individuell) greifen und sich zugleich ein Stück weit universalisieren müssen (um Identität stiften zu können), führt in einen »Interpretationstaumel« (Baudrillard), der mit jedem Gedanken an Politik und (wirkliche) Veränderung ein enormes Schwindelgefühl aufruft.
Auch in seinem aktuellen Buch Auf verlorenem Posten diskutiert Žižek die Frage, wie es sein kann, dass zwar die Kontingenz der Geschichte(n) bekannt ist und dennoch an ihre sinnstiftende Funktion geglauben wird. Žižeks großes Problem besteht – zugespitzt – in der Frage: Wie kann es sein, dass der Abgrund, über den wir freischwebend laufen, längst ersichtlich ist und wir dennoch nicht stürzen? Dies führt Žižek freilich nicht dazu, einem platten Universalismus, einer großen Erzählung (der Wahrheit) das Wort zu reden und den Abgrund zu verleugnen. Ganz im Gegenteil spürt der slowenische Philosoph auch in diesem Buch einer »anti-essentialistischen« Haltung nach und versucht, deren (politischen und philosophischen) Bezugsrahmen deutlich zu machen. Das Problem besteht für Žižek darin, dass eine solche »postmoderne« Haltung einerseits nicht durchzuhalten ist und andererseits einer »echte[n] emanzipatorische[n] Politik« (272) ungeahnte Ketten anlegt. »Wenn wir einmal die radikale Kontingenz unserer Indentität vollkommen akzeptieren und praktizieren, lösen sich irgendwie alle authentischen historischen Spannungen in die endlosen performativen Spiele einer ewigen Gegenwart auf« (19). Eine solche Haltung verunmöglicht zugleich jede sinnstiftende Geschichte, jedes Narrativ, dass eine Richtung weisen und Begrenzungen abstecken könnte.
Žižeks Konsequenz daraus ist natürlich, dass diese »anti-essentialistische« Haltung nur bestehen kann, »insofern noch Reste eines ahistorischen Essentialismus fortbestehen« (19). Oder – ins Politische gewendet – der »radikale Historismus«, dessen Kernargument darin besteht, immer wieder zu behaupten: Alles ist kontingent! ist doch nur »die ideologische Gestalt des postmodernen Kapitalismus«. Geschichte und Geschichten im landläufingen Sinn zu »dekonstruieren«, ist für Žižek nur möglich, wenn »der große Andere«, der Konsens kapitalistischer Vergesellschaftung, unangetastet bleibt. Der bekennende Lacanianer illustriert diesen Zusammenhang an einem typischen Psychologenwitz: »Ein Mann, der sich für ein Samenkorn hält, wird in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo die Ärzte ihr Bestes tun, um ihn davon zu überzeugen, daß er kein Korn, sondern ein Mensch ist; als er dann allerdings geheilt […] entlassen wird, kommt er umgehend und vor Angst schlotternd zurück – da sei ein Huhn vor der Tür, und er habe Angst, daß es ihn aufpicken könnte. ‘Guter Mann’, sagt darauf der Arzt, ‘Sie wissen doch, ganz genau, daß Sie ein Mensch und kein Samenkorn sind.’ - ‘Natürlich weiß ich das’, erwidert der Patient, ‘aber weiß das Huhn es auch’?«
Genau diese Konstellation zwischen dem Patienten und dem Huhn ist das zentrale »Dilemma« linker, emanzipatorischer Politik – jedenfalls dann, wenn sie sich exponiert »postmodern« geriert (und wer tut dies nicht?). Wenn beispielsweise auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre die linke Parole: »Eine andere Welt ist möglich!« zum wegweisenden Slogan erhoben wird, gleicht diese Haltung dem Patienten, der sich vor dem möglichen Nichtwissen des Huhns fürchtet. Zwar wird hier eine andere Geschichte erzählt, eine andere Welt als Alternative konzipiert. Wenn diese allerdings ins kalte Wasser des politischen Tagesgeschäfts geworfen wird, schlottern ihr die Knie, weil sie nicht weiß, ob das Huhn (der Kapitalismus) sie als das erkennt, was sie sein will. Oder im typischen Stil des Psychoanalytikers: »Kurz gesagt, die herrschende Ideologie bleibt häufig das Ich-Ideal der Linken« (235).
Entscheidend für eine neue, »echte« und »wirklich radikale« Linke ist also weniger die eigene, erfundene Geschichte, als vielmehr ihr Bezug zur großen kapitalistischen – bzw. liberalen – Erzählung der Gegenwart: »Alles hängt davon ab, in welcher Beziehung diese Fiktionen [bsw.: »Eine andere Welt ist möglich«] zum zugrundeliegenden Realen des Kapitalismus stehen – ergänzen sie diesen nur durch imaginative Vielfalt, wie die postmodernen ‘lokalen Erzählungen’, oder stören sie sein Funktionieren« (95)? Als Frage formuliert: »Was bleibt im vielumjubelten nomadischen Dynamismus der Gegenwartsgesellschaft eigentlich gleich? Die Antwort müßte natürlich lauten: der Kapitalismus, die kapitalistischen Verhältnisse« (216). Das Problem, das sich hier zwangsläufig eröffnet, ist: Was ist das Gegenteil einer »lokalen Erzählung«, einer »postmodernen Vielfalt«, die sich dem möglichst reibungslosen Funktionieren kapitalistischer Ausbeuten ungeahnt anschmiegt? Für Žižek steht zugleich fest, dass linke Politik nur diesen störenden Charakter wiedererlangen kann, sofern sie sich nicht auf dieses »Ende der großen Erzählungen« einlässt. Deshalb besteht die Aufgabe darin, »eine symbolische Fiktion (eine Wahrheit) zu erzeugen, die in das Reale [tatsächlich] eingreift und dort eine Veränderung herbeiführt« (95). Flashmobs sind genauso »imaginative Vielfalt« wie ökologischer Konsum, weil ihnen die »symbolische Fiktion« fehlt, mit deren Hilfe sie dem Huhn zu Leibe rücken könnten. »Dabei geht es nicht um die ‘objektive’ Wahrheit, sondern um die Wahrheit der Position, von der aus man spricht« (27).
Die theoretische Figur, die Žižek in seinem neuen Buch entfaltet, ist soweit nicht neu. Seit Jahren schreibt der aufgrund seines Kompositionsstils oft als Clown oder Popphilosoph missverstandene ehemalige slowenische Präsidentschaftskandidat gegen eine »postmoderne Ideologie« an, die mit ihrer »Dekonstruktion« (die übrigens in dieser allgemeinen Form wenig mit Derrida zu tun hat) von Wahrheit und Subjekt unter der Hand dem Kapitalismus in die Hände spielt. Žižek bemüht sich schon lange darum, die Perspektive umzukehren und zu zeigen, dass dieser Haltung eine »negative Ontologie«, ein versteckter Essentialismus innewohnt. Die Ablehnung jeder Wahrheit (als Konstrukt) bedarf eines Bezugsrahmens – oder anders formuliert: Die Aussage »Es gibt keine Wahrheit« formuliert selbst eine, die man sich vergegenwärtigen muss. In Žižeks typischer Verschränkung von Philosophie und Politik münzt er dieses Dilemma zeitgenössischer Theoriebildung ohne Umwege auf eine Skizze linker Kritik um und kommt zum wenig überraschenden Schluss, dass diese in weiten Teilen den kapitalistischen Bezugsrahmen nicht in Frage stellt und damit zum bloßen Etikett der Vielfalt mutiert. Jede linke Kritik (oder Position), die sich nicht auf radikale Weise »subtrahiert«, die nicht darum bemüht ist, »das Huhn [also den großen Anderen, den Kapitalismus] zu schlachten« führt zur perfektionierten Verschmelzung von »politischem Handeln und Konsum«. Žižek führt diesen Zusammenhang beispielhaft an der Ökologiebewegung vor, der es gerade nicht gelingt, die systemischen Koordinaten des Problems zu erfassen, um statt dessen moralisierend die kapitalistischen Akteure (also auch die Konsumenten) zu ökologischem Handeln aufzurufen. Die Alte Phrase: »Umweltschutz ist (kapitalistischer) Durchhaltewille« kommt in diesem Kontext zu ungeahnten Weihen.
Der Grund für diese durchdringende Schwäche der Linken, die in weiten Teilen bis zur Unkenntlichkeit systemimmanent ist, liegt für Žižek genau in der Weigerung, eine »symbolische Fiktion«, eine große Erzählung zu formulieren, um sich statt dessen in endlosen lokalen Geschichten zu verstricken. Für Žižek ist der Kommunismus der Name für die (aktuell einzig denkbare) Fiktion, für die große Erzählung einer anderen Welt, er ist der Nomos für eine Wahrheit der Perspektive. Mit dieser Setzung handelt er sich – und das ist ihm durchaus bewusst – eine ganze Reihe an Problemen ein, da der Begriff historisch besetzt und politisch (vorrangig) negativ konnotiert ist. Um dem stalinistischen Missverständnis aus dem Weg zu gehen, dekliniert Žižek seine bereits bekannten Kritiken an den westlich liberalen Demokratien noch einmal durch: Mit Collin Crouch und vor allem Alain Badiou zerlegt er den Liberalismus und zeigt mit der für ihn typischen sprachlichen Präzision, welche ideologischen Fallen im entsprechenden Diskurs (oder genauer: in der liberalen Ideologie) stecken. Žižek scheut auch nicht davor zurück, die etablierten westlichen Demokratien so weit zu durchleuchten, bis sie von totalitären Regierungsformen nicht länger zu unterscheiden sind. Wie die permanente Anwendung der Extremismusformel zeigt, offenbart die Demokratie ihre »diktatorische Dimension […] sobald der Streit zu einem Streit um das Streitfeld selbst wird« (242). Neben der bekannten Kritik an den westlichen Regierungsformen als »Post-Demokratie«,[1] fokussiert er – eine Formulierung Jaques Rancieres aufnehmend – auf jene Menschen »ohne Anteil«, ohne Stimmrecht, ohne Pass usw., auf die Slumbewohner der neuen urbanen Zentren beispielsweise. Für Žižek handelt es sich um eine ausgemachte Fehldiagnose, die »Multitude«, die geistigen Arbeiter des Westens, als die treibende Kraft der Veränderung zu bestimmen. Vielmehr überwiegen jene »Anteillosen«, die in klassisch fordistischen Produktionsprozessen jene MacBooks und IPhones herstellen, die dann der digitalen Boheme ihre geistige Arbeit ermöglichen.
Das wirklich Demokratische ist laut Žižek der Kampf um den »Anteil der Anteillosen«. Genau wie im griechischen Vorbild das Demos, diejenigen ohne Stimmrecht, sich universalisierten, müssen jene Anteillosen »die Macht ergreifen« und im formalen Modus der Diktatur für alle sprechen. Auch für diese »neue Klasse« gräbt Žižek einen alten Namen aus: Das (neue) Proletariat. Diese Klasse ist gerade kein Volk, da dieses »exklusiv« ist, ausschließend. Das Proletariat dagegen ist universell – und es ist um »Subtraktion« bemüht, da es auf seine eigene Auflösung hin arbeitet. Das führt Žižek zu einem oberflächlich gesehen verwirrenden Schluss: »Diktatur des Proletariats ist ein anderer Name für die Gewalt der demokratischen Explosion selbst« (246).
Genau an dieser Stelle offenbart sich auch Žižeks schwierigstes Problem: Der Leser. Sein zum Prinzip erhobenes Argumentationsmuster: Die Umkehrung der Perspektive bedarf einer Offenheit, die alle gesetzten Regeln von commen sense und political correctness, alle stabilisierten humanistischen Formeln wenn nicht vergisst, so zumindest »umkehrt«.
Am Ende geht es ihm vor allem darum, nicht weiterhin mit »lokalen Erzählungen« den Blick in den (kapitalistischen) Abgrund zu vermeiden, sich nicht weiterhin »zu fürchten«, sondern den »Schrecken« (der Kontingenz) anzunehmen. Bekanntlich sterben die Comicfiguren nicht, die über den Abgrund laufend die Bodenlosigkeit erkennen und abstürzen. Vielmehr beginnt damit zumeist eine neue Geschichte.
Viele Argumentationsfiguren des neuen Buches sind bekannt und wurden von Žižek bereits zuvor etabliert – der Eindruck, dass er seit Jahren an einem Buch schreibt, ist deshalb nicht unberechtigt. Allerdings verändert Žižek diesmal ganz bewusst die Tonlage. Die bekannten Referenzen – Lacan, Hegel, Heidegger u.a. – treten, soweit es dem Philosophen möglich ist, in den Hintergrund und machen einer aufgeregten und engagierten (oder genauer: einer noch aufgeregteren und engagierteren) Intervention Platz, deren insgeheime Irritation vermutlich in der Frage besteht: Worauf warten wir eigentlich, angesichts der katastrophalen Zustände, die der Kapitalismus produziert?
Gegen Ende des Buchs versucht sich Žižek sogar an einer stichpunktartigen Sammlung, die Hinweise geben soll, »was zu tun ist«. Genau an dieser Stelle bricht allerdings die mittlerweile alte linke Wunde auf, dass Praxis und Theorie nur schwer (oder bisweilen gar nicht) zu vermitteln sind. Offensichtlich stößt Žižek an die Grenze (der Praxis), wo auch die oft so messerscharfe an Lacan geschulte Analyse den Boden unter den Füßen verliert. Vielleicht hätte der selbst ernannte Cineast mit einem weiteren Filmzitat das Buch beschließen sollen, statt beispielsweise zu ökologischer Denunziation aufzurufen oder doch wieder »das Volk« in die Pflicht zu nehmen und damit leider deutlich hinter die bisweilen brillanten theoretischen Analysen zurückzufallen. Hier drängt sich eine leicht veränderte Version des Schlussakkords von Matrix (Teil I) förmlich auf: »Ab jetzt – wenn wir das Huhn endlich schlachten – ist alles möglich!«

[1] »Was ist, wenn die Demokratie in der zweiten Bedeutung (als das geregelte Verfahren zur Erfassung der ‘Stimme des Volkes’) letzlich eine Abwehr gegen sich selbst ist, gegen die Demokratie im Sinne des gewaltsamen Eindringens der egalitären, den hierarchischen Ablauf des Gesellschaftsgefüges störenden Logik, ein Versuch, diesen Exzeß zu refunktionalisieren und ihn in den normalen gesellschaftlichen Ablauf zu integrieren« (247)?


Empfohlene Zitierweise:
Robert Feustel: [Rezension zu:] Žižek, Slavoj: Auf verlorenem Posten, Frankfurt am Main 2009. In: Kritikon, 24.03.2010. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/201003/111>

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