Bluhm, Harald: Karl Marx/ Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie
Bluhm, Harald: Karl Marx/ Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Berlin: Akademie Verlag 2009
ISBN-13: 978-3-05-004382-1, 232 S., € 19,80
Rezensiert von:
Christian Schmidt, Universität Leipzig
E-Mail: schmidtch@uni-leipzig.de
Die Schwierigkeiten mit der „Deutschen Ideologie“ beginnen bereits bei der Frage, ob es sie überhaupt gibt. Zwar existiert unter dem Titel „Deutsche Ideologie“ seit dem Ende der zwanziger bzw. dem Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Ausgabe von Manuskripten und Entwürfen, die Karl Marx und Friedrich Engels mit weiteren Autoren (Joseph Weydemeyer, Moses Heß) in den Jahren 1845–47 verfassten, doch ist nicht nur der Titel eine Hinzufügung des Herausgebers der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA1) David Rjasanow. Auch die Zurichtung und Anordnung des Materials, das von bereits publizierten Teilen bis zu Texten im Entwurfsstadium reicht, war eine herausgeberische Tat. Das von Rjasanow mit dieser Tat verfolgte Ziel war es, ein Kapitel über Feuerbach am Anfang der Schrift zu präsentieren, das die theoretische Grundlage des Historischen Materialismus so geschlossen und vollendet wie möglich skizziert.
Der Herausgeber des vorliegenden Bandes zur Interpretation der „Deutschen Ideologie“, Harald Bluhm, resümiert deshalb in seiner einleitenden Zusammenfassung der Lektüren des Buches: Da „die kommunistische Rezeption […] am Historischen Materialismus nicht als einem wissenschaftlichen Ansatz oder als einer Methode, sondern als einer philosophischen Lehre, einem weltanschaulichen System interessiert war […] trat dort der Werkstattcharakter der Schrift weit in den Hintergrund.“ (S. 7) Doch um einen Einblick in die Konsequenzen der editorischen Entscheidungen zu erhalten, die auch in der heute noch gebräuchlichen Ausgabe im dritten Band der Marx-Engels-Werke (MEW) unverändert vorliegen [1], muss man in Bluhms Band bis zum zehnten Kapitel warten. Dort legt Wolfgang Eßbach dar, dass es zunächst die Auseinandersetzung mit Max Stirners Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ und dann mit anderen zeitgenössischen Theorien des Links- oder Junghegelianismus war, die zu den Positionen im Feuerbachkapitel führen. „Folgt man der Chronologie der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit ihren junghegelianischen Kampfgefährten […] muß man die Reihenfolge der in MEW Bd. 3 abgedruckten Manuskripte […] umkehren.“ (S. 168) Nur weil Marx und Engels „ältere Teile aus der Schrift gegen Max Stirner herausgenommen und für die Auseinandersetzung mit Feuerbach benutzt“ haben, entsteht der Eindruck, dass die Autoren der „Deutschen Ideologie“ „von einem festen historisch-materialistischen Standpunkt aus die Junghegelianer Bruno Bauer und Max Stirner in einer Linie absteigender Wichtigkeit in Grund und Boden kritisieren.“ (S. 168f.) Dieser Eindruck verdeckt aber nicht nur den tatsächlichen Diskussionsprozess, er schadet auch der Nachvollziehbarkeit der Argumente in der „Deutschen Ideologie“, die als Behauptungen ihre Überzeugungskraft oft erst im Kontext der Gegenpositionen gewinnen.
Indem Bluhms Band seine Struktur der Auslegung an der MEW-Ausgabe und damit Rjasanows editorischen Entscheidungen orientiert, reproduziert er dieses Manko. Nicht nur fehlt der Hinweis, wie sich die ursprünglichen Textzusammenhänge aus dem im Marx-Engels-Jahrbuch 2003 (MEJB) ebenfalls vorliegenden neuesten (insgesamt schon dritten) Vorabdruck des Feuerbachkapitels für die geplante Wiedergabe in Abt. I Bd. 5 der zweiten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA²) rekonstruieren lassen. [2] Auch der referierte Text wird erst wirklich plastisch, wenn nach über 130 Seiten zu den Feuerbachthesen und dem nachträglich konstruierten einleitenden Kapitel die junghegelianische Debatte zumindest in Ansätzen dargestellt wird, weshalb es sich anbietet, das Buch von hinten nach vorn, statt wie üblich von vorn nach hinten zu lesen.
Doch selbst mit dieser „unorthodoxen“ Lektüre bleiben wesentliche textliche Argumentationszusammenhänge im Dunkeln. So fehlt bedauerlicherweise im gesamten Band der Hinweis, wie sich der emphatische Bezug auf die „Wirklichkeit“, der das Feuerbachkapitel durchzieht, als Position gegen die junghegelianischen Darstellungen historischer Abläufe – insbesondere gegen die Stirners – verstehen lässt. Der MEGA²-Vorabdruck lässt dies zumindest ahnen, indem er Teile der Auseinandersetzung mit Stirner und Bruno Bauer vor den folgenden Merksätzen darbietet, die sich in der Standardversion der „Deutschen Ideologie“ im Einleitungsteil finden: „Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusammenhang der deutschen Philosophie mit der deutschen Wirklichkeit, nach dem Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer eigenen materiellen Umgebung zu fragen.“ „Die Voraussetzungen mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann.“ [3]
Noch deutlicher wird der Zusammenhang unter Zuhilfenahme des Apparatbandes des Marx-Engels-Jahrbuchs. Dort findet sich zu einer Auseinandersetzung mit Stirners Geschichtskonstruktion der Verweis auf eine im selben Kontext geschriebene Schlüsselstelle, die sich in der MEW-Ausgabe erst auf Seite 159 findet: „Macht man wie Hegel eine solche Konstruktion zum ersten Male, für die ganze Geschichte und die gegenwärtige Welt in ihrem ganzen Umfange so ist dies nicht möglich ohne umfassende positive Kenntnisse, ohne wenigstens stellenweise auf die empirische Geschichte einzugehen, ohne grosse Energie u. Tiefblick. Begnügt man sich dagegen, eine vorhandene überlieferte Konstruktion zu seinen eigenen Zwecken zu exploitieren & umzuwandeln, & diese ‚eigene‘ Auffassung an einzelnen Exempeln (z. B. Negern & Mongolen, Katholiken & Protestanten, der französischen Revolution pp) nachzuweisen, – & dies thut unser Eiferer wider das Heilige [gemeint ist Stirner, C. S.] – so ist dazu durchaus keine Kenntniß der Geschichte nöthig.“ [4]
Mit anderen Worten, die Autoren der „Deutschen Ideologie“ fordern mit ihrem emphatischen Wirklichkeitsbezug gerade nicht, wie Christine Weckwerth vermutet, einen besinnungslosen Empirismus, der „in letzter Konsequenz einen Verzicht auf methodische Selbstreflexion von Voraussetzungen des eigenen wissenschaftlichen Standpunktes“ (S. 148) bedeutet. Vielmehr markiert der emphatische Wirklichkeitsbezug die Abwendung von einer Deformation der Spekulationsphilosophie, die deren Ruf im 19. Jahrhundert insgesamt ruinieren sollte. Gemeint ist die fehlende Reflexion des Geltungsbereichs spekulativer Überlegungen. Im Junghegelianismus führte dieser Mangel zu systematischen Konstruktionen, deren Beziehung zum Material, das sie angeblich organisieren sollten, zu oft vollkommen unklar blieb. Gegen diesen spekulativen Dogmatismus wird unter Rückgriff auf das Hegelsche Verfahren, die Bedeutung des zu organisierenden Materials für den spekulativen Prozess seiner Organisation betont. Zugleich werden die Aspekte der Hegelschen Theoriesprache benannt, die einer Verselbstständigung der spekulativen Elemente seiner Darstellung Vorschub leisteten. Damit machen Marx und Engels aber auch – anders als Andreas Arndt behauptet – deutlich, „ob, wo und wie die Hegelsche Philosophie ein Wahrheitsmoment enthalte und wie dieses freigelegt werden könne“ (S. 158).
Weckwerth und Arndt unterschätzen in dieser Frage systematisch die Texte der „Deutschen Ideologie“, weil sie in der polemischen Auseinandersetzung dieser Schriften die dort proklamierte demonstrative Abkehr von der Philosophie für bare Münze nehmen. Wie ernst diese Abkehr tatsächlich gemeint ist, mag ein umstrittener Punkt sein. In einem Band, der sich der kommentierenden Auslegung des Textes widmet, wäre es aber ein wichtiger Hinweis gewesen, dass eine Interpretation den polemischen Charakter gerade bei demonstrativen Bekenntnissen berücksichtigen muss. Da dies unterbleibt, muss der Eindruck entstehen, dass es sich bei der von Marx und Engels propagierten Wissenschaft um einen ungebrochenen Positivismus handelt. Das Fehlen einer kritischen Befragung von Interpretationsansätzen zum Schaden der Plausibilität des auszulegenden Textes zeigt sich auch, wenn sich Udo Tietz und Stefan Koslowski Karl Löwiths These vom eschatologischen Charakter des Geschichtsbildes in der „Deutschen Ideologie“ undiskutiert zu eigen machen. (vgl. S. 80 und S. 201)
Vielleicht ist es eine zu starke Vermutung, solche interpretativen Schwächen des Bandes als Symptom dafür zu lesen, dass sich die Rezeption der Marxschen Werke bis heute nicht vollständig aus den Koordinaten des Kalten Krieges befreien konnte. Aber es fällt schon auf, wie häufig der Wille zur Distanzierung von den Ideen des hier ausgelegten Klassikers betont wird und die Möglichkeiten einer angemesseneren, weil wohlwollenderen Interpretation undiskutiert bleiben. Selbst Herausgeber Harald Bluhm stellt einleitend fest: „Antworten auf die Frage, was an der Deutschen Ideologie aus heutiger Sicht als klassisch gelten kann, drängen sich nicht unmittelbar auf.“ (S. 2) Folgerichtig lässt er seinen Band mit einem Beitrag von Christoph Henning und Dieter Thomä schließen, der den Titel trägt: „Was bleibt von der Deutschen Ideologie?“
Es ist schade, dass nicht alle Beiträge diese Frage bereits durch ihre Auslegung beantworten. Besonders negativ sticht hierbei der Beitrag Alasdair MacIntyres über die Feuerbachthesen heraus, der – das muss zur Ehrenrettung des Autors gesagt werden – ursprünglich in einer Festschrift publiziert wurde. MacIntyre interessiert sich weniger für die zu interpretierenden Thesen selbst, sondern vor allem für seine eigene Idee eines wiederbelebten Aristotelismus. Die These, Marx hätte einem solchen zustimmen müssen, hätte er seine Gedanken bloß systematisiert (vgl. S. 29), ist vor allem deshalb gewagt, weil sie unterschlägt, dass Marx die Aristotelischen Theorien wohl vertraut waren, Distanz zu ihnen also als gewollt vorausgesetzt werden kann.
Ein Beispiel, wie die eigenen theoretischen Vorlieben mit einer angemessenen Auslegung kombiniert werden können, liefert dagegen Michael Quante in seinem Beitrag. Die dort vorgeführte analytische Methode bringt zwar letztlich keinen Erkenntnisgewinn für die Auslegung überdeckt aber auch nicht den zu interpretierenden Text.
Insgesamt hinterlässt der Band ein zwiespältiges Gefühl. Wesentliche Aspekte einer Interpretation der „Deutschen Ideologie“, vom Ideologiebegriff über die Arbeitsteilung bis hin zur Vorstellung von Geschichtsverlauf, Revolution und Kommunismus werden diskutiert, aber zu oft entsteht bei der Lektüre der Eindruck, die vorliegenden Texte trügen schon heute allzu deutlich den Stempel der Zeit.
[1] Marx, Karl; Engels, Friedrich, Werke, Bd. 3, Berlin 1958 und öfter.
[2] Marx; Karl, Engels; Friedrich; Weydemeyer, Joseph, Die Deutsche Ideologie. Artikel, Druckvorlagen, Entwürfe, Reinschriftenfragmente und Notizen zu I. Feuerbach und II. Sankt Bruno, 2 Bd., in: Marx-Engels-Jahrbuch (2003).
[3] MEJB, S. 105/107; vgl. MEW 3, S. 20.
[4] MEJB, S. 204.
Empfohlene Zitierweise:
Christian Schmidt: [Rezension zu:] Bluhm, Harald: Karl Marx/ Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Berlin 2009. In: Kritikon, 24.03.2010. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/201003/83>
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