Müller, Oliver; Clausen, Jens; Maio, Giovanni (Hrsg.): Das technisierte Gehirn
Müller, Oliver; Clausen, Jens; Maio, Giovanni (Hrsg.): Das technisierte Gehirn. Neurotechnologien als Herausforderung für Ethik und Anthropologie, Paderborn: Mentis 2009
ISBN-13: 978-3-89785-629-5, ca. 360 S., EUR 38.00, sfr 62.80
Rezensiert von:
Steffen Steinert
E-Mail: Steffen.Steinert@tu-dresden.de
Was bedeuten eigentlich die Fortschritte in neurologischer Forschung für unser Selbstbild? Welche möglichen positiven und negativen Auswirkungen werden die Neurowissenschaften in den kommenden Jahren und Jahrzehnten für die Menschen und das gesellschaftliche Menschenbild haben? Ist Gedankenlesen schon bald möglich?
Diese und ähnliche Fragen zu den befürchteten und manchmal auch freudig erhofften Veränderungen im menschlichen Selbstverständnis und der Gesellschaft durch technische Zugriffsmöglichkeiten auf das menschliche Gehirn sind regelmäßig Thema in Feuilletons und populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen.
“Das technisierte Gehirn“ von Müller, Clausen und Maio (Hrsg.) versteht sich als Reflexionsversuch der technischen Eingriffe ins menschliche Gehirn, die sich durchaus plausibel als „Technisierung des Gehirns“ zusammenfassen lassen. Dabei geht es nicht nur um „klassische“ ethische Fragen der Autonomie, Identität, Individualität und des Risiko-Nutzen Verhältnisses (S. 14), sondern auch um grundlegend anthropologische Überlegungen (S. 16) und erkenntnistheoretische Kritik.
Die insgesamt 24 Textbeiträge des doch recht umfangreichen Sammelbandes (507 Seiten) gliedern sich in sechs übergreifende Abschnitte: 1.) Klinische und neurotechnologische Grundlagen, 2.) Soziokulturelle Kontexte, 3.) Ethische Kriterien für den Einsatz von Neurotechnologien, 4.) Neurotechnologie als Herausforderung für Aspekte des Personseins, 5.) Neurotechnologisches Enhancement: Ethische und Anthropologische Perspektiven und zuletzt 6.) Auswirkungen auf das menschliche Selbstverständnis.
Nach einer Einleitung der Herausgeber (S. 11-23), die einen kurzen Problemaufriss enthält sowie die übergreifende Perspektive der Beiträge absteckt, gehen die Beiträge im ersten Teil auf die technische und medizinische Seite der Neurotechnologie ein. Diese Texte an den Anfang zu stellen, bietet sich an, da es in ethisch sensiblen Debatten, wie der um Neurotechnologien, besonders wichtig ist, das Feld derjenigen Techniken zu bestimmen, um die es geht. Außerdem müssen technische Möglichkeiten beleuchtet werden, um einem „intellektuellen Abheben“ der Diskussion vorzubeugen.
Der erste Beitrag des ersten Teils (S. 23-35), der insgesamt drei Texte umfasst, beschäftigt sich mit technischen Anforderungen, die an Neuroimplantate gestellt werden. Dabei wird auf gesetzliche Zulassung und biologische Verträglichkeit ebenso eingegangen wie auf die technische Funktionalität der Implantate. Der nachfolgende Text (S. 35-51) nimmt die sogenannten Brain-Maschine-Interfaces, also die technische Verknüpfung von Gehirn und Computer, in den Blick und beleuchtet ihre Einsatzmöglichkeiten mit Fokus auf Epilepsiepatienten. Besonders positiv ist dabei die Auflockerung des Textes mittels anschaulicher und unterstützender Bilder. Auch der Beitrag, der den ersten Teil (S. 51-62) abschließt, ist durch Bilder veranschaulicht. Die drei Autoren gehen auch hier der Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer nach. Hier liegt das Augenmerk aber auf dem Potenzial dieser Technik, die Autonomie von Locked-in-Patienten zu erhöhen. Allerdings setzen diese Ausführungen durch die Verwendung neurowissenschaftlicher Fachtermini, die nicht näher erläutert werden (z.B. Potenzial P 300, S. 54), neurologisches Fachwissen voraus, über das ein Leser, der sich zuvor nicht ausreichend mit Neurologie/Neurowissenschaften beschäftigt hat, nicht unbedingt verfügt.
Insgesamt ist der erste Teil aber auch für Laien gut verständlich und gibt empirische Einblicke in klinische Anwendungen der Neurotechnologien.
Den zweiten Abschnitt des Buches eröffnet Marietta Meier mit einem Beitrag über die psychochirurgische Maßnahme der Lobotomie (S. 65-87). Sie legt überzeugend dar, dass der Analyse ethischer Probleme der Vergangenheit ein wichtiger Stellenwert in aktuellen biomedizinischen Debatten zukommen sollte. Ihr Beitrag ist dabei sehr informativ und präzise. Der Rechtssubjektivität im Zeitalter der Neurotechnologie geht Malte-Christian Gruber nach (S. 87-104). Er greift dabei Gedanken auf, die in Debatten unter dem Schlagwort „Extended Mind“ firmieren und prüft diese kritisch auf ihre Konsequenzen für Kognitionswissenschaft und Biotechnologie. Auch die rechtlichen Konsequenzen dieses Ansatzes werden skizziert. Der Beitrag von Uta Bittner (S. 105-119) beschäftigt sich mit der Frage, ob man tatsächlich von einem Markt für Neurotechnologie sprechen kann. Zur Klärung wird der „Etablierung von Markt- und Unternehmensstrukturen im Bereich der Neurotechniken“ (S. 106) nachgegangen sowie der Reifegrad des Neurotechnologiemarktes untersucht. Die Autorin gibt in ihren Ausführungen einen guten Überblick über den ökonomischen Status Quo im Bereich Neurotechnologie. In ihrem Beitrag „Exzeptionalismus Revisited“(S. 119-138) nimmt Lara Huber eine methoden-kritische Betrachtung der Neurowissenschaft vor. Erst die Kenntnis der „Produktionsbedingungen empirischen Wissens“ (S. 132) ermöglicht Aussagen über die „explanatorische Reichweite“ (ebd.) der Erkenntnisse der Neurowissenschaft. Außerdem fordert sie, dass Ethik und Anthropologie eben diese Produktionsbedingungen in eine kritische Beziehung zu metatheoretischen Annahmen des gesamten Forschungsbereichs setzen. Den Abschluss dieses zweiten Teils „Soziokulturelle Kontexte“ bildet der Aufsatz von Nicole Karafyllis „(M)othering the Male Brain“ (S. 139-161). Sie untersucht darin die Technisierung des Gehirns am Beispiel des „sexualisierten“ Gehirns und spürt in epistemischer Absicht dem eigentlich „Technischen“ dieser Technisierung nach.
Der dritte Abschnitt steht ganz im Zeichen der ethischen Betrachtung von und der Kriterienfindung für den Einsatz der Neurotechnologien. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn der Text von Davinia Talbot (S. 165-186) sich mit dem ethischen Kriterium der Autonomie und ihrer möglichen Beeinflussung durch die Methode der Tiefhirnstimulation auseinandersetzt. Der nachfolgende Beitrag von Sabine Müller macht die Dilemmata zum Thema, die bei der Behandlung von Hirntumoren auftreten können (S. 187-217). Es werden jedoch nicht nur zu erwartende Dilemmata vorgestellt, sondern gleichzeitig auch allgemeine Lösungsstrategien dargelegt. Darüber hinaus wird ein Einblick in die Praxis der Behandlung von Hirntumoren gegeben. Ein kleiner Kritikpunkt hierbei ist die Zahlenlastigkeit des Textes. Jens Clausen geht in seinem Beitrag (S. 219-232) von forschungsethischen Grundsätzen aus und untersucht die „ethischen Anforderungen für die Erforschung dieser modernen Gehirntechnologien.“ (S. 219). Der zweite Teil wird durch einen Text abgeschlossen, der unter dem Titel „Ethisches Selbstverständnis des Menschen“ ethische Kriterien für die Beurteilung der Neurotechnologien aus philosophisch-anthropologischer Perspektive entwickelt (S. 233-249). Die Ausführungen nehmen dabei Bezug auf die ethischen Überlegungen Kants und Kierkegaards.
Die drei Beiträge, die in dem vierten Abschnitt des Bandes zusammengefasst sind, setzen sich mit den möglichen Auswirkungen der Neurotechnologien für verschiedene Aspekte des Personseins auseinander. Den Auftakt dazu bildet Markus Christen mit seinen Ausführungen unter dem Titel „Technisierte Moral Agents?“ (253-272). Ihm geht es um nichts weniger als zu untersuchen „[…] inwieweit das heutige Wissen in der neuroscience of ethics Rückschlüsse darauf erwarten lässt, wie der Einsatz von Neurotechnologien moral agency beeinflussen kann – also die Fähigkeit der betroffenen Person, sich als moralisches Subjekt zu erleben und entsprechend zu handeln.“ (S.253).
Ein weiterer bedeutender Aspekt ist hier der Zusammenhang zwischen Person, Handlung und Verantwortung. Der Beitrag „Das Handeln in den Zeiten der Neurotechnologie“ (Marco Stier, S. 273-297) geht darum der Technisierung des Gehirns nach, welche auch eine Technisierung von Verantwortung nach sich zu ziehen scheint. Der Autor stellt außerdem eine eigene Konzeption von Verantwortung vor, die dem sich ständig ändernden Menschenbild gerecht werden soll. Der Abschnitt endet mit dem Beitrag „Wie frei ist der Mensch?“ (S. 300-310). In erfrischend klarer Sprache geht der Autor der Willensfreiheit in den Neurowissenschaften nach und schlägt den Bogen zur philosophischen Perspektive, in der Freiheit als eine Aufgabe begriffen wird.
Im fünften und vorletzten Abschnitt beleuchten die Beiträge aus verschiedenen Perspektiven die Optimierung oder Steigerung der Leistungsfähigkeit durch neurotechnologische Mittel. Kurz: Es geht um „Neuroenhancement“. Matthias Synofzik prüft in seinen Ausführungen (S. 313-338) anhand der Tiefhirnstimulation die Frage: „Ist die technische Optimierung des Gehirns auch dann gerechtfertigt, wenn wir den zugrundeliegenden Zuständen keinen klaren Krankheitswert zuordnen?“ (S. 314). Dabei macht er die herkömmlichen bioethischen Kriterien stark (Nutzen, Nicht-Schaden, Autonomie) und weist Konzepte wie „Enhancement“ oder „Normalität“ zurück. Der Beitrag von Dominik Baltes (S. 339-361) geht ganz grundsätzlich anthropologischen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Verbesserung menschlicher Kompetenzen nach, um dann kritisch-konstruktiv auf Argumentationsmuster der momentanen Debatte zurückzukommen. Neben anthropologischen Perspektiven werden auch theologische Überlegungen einbezogen. Der Text von Roland Kipke (S. 363-382) nimmt einen in der Enhancement-Diskussion bisher unterrepräsentierten Aspekt in Augenschein: Die Folgen des Neuroenhancement für die personale Freiheit. Dabei werden bedeutende Aspekte identifiziert und wahrscheinliche Entwicklungen vorweggenommen. Der den Abschnitt beschließende Beitrag von Boldt und Maio (S. 383-397) spürt wesentlichen themenspezifischen Begriffen nach: Krankheit, Gesundheit, Enhancement, um in einem weiteren Schritt das zugrunde liegende Ideal des kognitiven Enhancement als Effizienz und Kontrolle zu identifizieren und dieses auf Alternativen zu prüfen.
Anthropologische Überlegungen runden den Band ab und bilden das Zentrum des letzten Teils. So zielt J.-C. Heilinger in seinen Überlegungen auf die anthropologischen Dimensionen der Technisierung des Gehirns (S. 401-420). Es geht ganz explizit darum, in ethischer und anthropologischer Absicht einen Beitrag zur Einschätzung neuartiger Handlungsoptionen zu liefern. Heilinger plädiert im Zuge seiner anthropologischen Ausführungen für eine anthropologisch fundierte Gelassenheit im Hinblick auf die zu erwartende Änderung im menschlichen Selbstverständnis. Auch Eike Bohlken nutzt in seinem Beitrag anthropologische Einsichten um neurotechnologisches Enhancement (S. 421-437). Er prüft, ob die Überlegungen Helmuth Plessners Kriterien für eine ethische Bewertung von Techniken des Enhancement liefern können. Das Konzept der „natürlichen Künstlichkeit“ erweist sich dabei als durchaus tragfähiges Fundament für ethische Überlegungen.
In dem Beitrag „Die Bedeutung des Leibes in der Neurowissenschaft“ verknüpft Jackie Leach Scully leibphänomenologische Überlegungen mit Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften. Sie möchte durch die Betrachtung des Körpererlebens körperlich beeinträchtigter Menschen einen Beitrag dazu leisten, dass Gehirn als ein verkörpertes Organ zu betrachten (Stichwort „Embodied Cognition“)und damit zum Verständnis des Verhältnisses von Körper, Gehirn und Geist beitragen, was ihr auch überzeugend gelingt. Thomas Zoglauer greift in seinem Aufsatz (S. 464-477) die Frage auf, „[…] wie sich unser Menschenbild durch die zunehmende Technisierung unseres Gehirns verändern wird.“ (S. 464). Er untersucht die sogenannten „Cyborg-Technologien“ und ihren Einfluss auf das Selbstbild des Menschen. Er geht auf ein sich möglicherweise veränderndes Körperbewusstsein genauso ein wie auf Beeinträchtigungen der Autonomie durch neurotechnologische Errungenschaften. Zoglauer betont gleichzeitig die Gefahr einer schleichenden Veränderung unseres Menschenbildes. Ein Thema, das sich durch viele Beiträge des Bandes zieht.
So ist „Menschenbild“ auch das Stichwort des allerletzten Beitrages (S. 479-503), der die Menschenbilder des „Homo faber“ und des „Cyborg“ als Reflexionsfiguren herausarbeitet, die eine Verständigung über uns und unsere technische Welt ermöglichen. Dabei werden präzise die Unterschiede herausgearbeitet, die zwischen diesen beiden Arten, das Selbstsein des Menschen zu verstehen, auftreten.
Als abschließendes Fazit lässt sich Folgendes zusammenfassen: Trotz des oben bereits erwähnten Umfangs des Bandes, der auf den ersten Blick etwas abschreckend wirken könnte, lesen sich die einzelnen Beiträge sehr flüssig und verfallen nur selten in einen umständlichen Fachjargon. Versierte Leser werden das Buch am Ende mit großem Gewinn gelesen haben. Die Beiträge sind zum einen ein zeitgemäßer Beitrag zur Diskussion um die Neurotechnologien, zum anderen richten sie einen wohltuend unaufgeregten Blick auf damit einhergehende Probleme, ohne technik- und wissenschaftskritisches Potenzial einzubüßen.
Durch die Fülle der behandelten Themen und die sehr zugängliche Sprache bieten sich die Beiträge des Bandes auch als Einführungslektüre zu unterschiedlichen Themen wie Willensfreiheit, Autonomie und Anthropologie an.
Ein weiterer Pluspunkt ist das Gleichgewicht zwischen empirischer Praxis und Theorie, auch in den eher theoretischen Abhandlungen. Die versammelten Beiträge verlieren den Stand der technischen Forschung nicht aus dem Auge und binden ihre Überlegungen an diese an.
Insgesamt ist der Band ein äußerst gelungenes Beispiel dafür, wie zeitgemäßes Philosophieren aussehen kann, das sich nicht im Elfenbeinturm versteckt, sondern sich den (technischen) Herausforderungen der Zeit stellt.
Empfohlene Zitierweise:
Steffen Steinert: [Rezension zu:] Müller, Oliver; Clausen, Jens; Maio, Giovanni (Hrsg.): Das technisierte Gehirn. Neurotechnologien als Herausforderung für Ethik und Anthropologie, Paderborn 2009. In: Kritikon, 05.02.2012. Abgerufen am 05.02.2012. <http://www.kritikon.de/issue/nr=/102>
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